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Kika Liebe und Mitgefühl?

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Almodóvar äusserte sich zu »Kika« u.a. wie folgt:

Die spanische Schauspielerin Verónica Forqué (hier im Januar 2018) spielt in dem Film die Hauptrolle der »Kika«.
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Bild: Die spanische Schauspielerin Verónica Forqué (hier im Januar 2018) spielt in dem Film die Hauptrolle der »Kika«. / Mario Antonio Pena Zapatería (CC BY 2.0 cropped)

23. Februar 2021

23. 02. 2021

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»Der Film ist wie eine Collage strukturiert, wie ein radikales Puzzle. Die verschiedenen Bestandteile sind durch die Türen, die Fenster, die Stockwerke der Wohnblocks miteinander verbunden. In dieser Welt gibt es nur den Augenblick.« Hier geht es um die Augenblicke v.a. von Kika und Ramón, einem völlig ungleichen Paar.

Inhalt

Kika (Verónica Forqué) ist Maskenbildnerin, Ramón (Alex Casanova) Fotograf. Beide glauben sich zu lieben, sind aber grundverschieden. Während Kika lebenslustig, positiv dem Leben gegenüber eingestellt zu sein scheint, ist Ramón in sich verschlossen und leidet unter dem Tod seiner Mutter (Charo López), die Selbstmord verübt hat. Sie lebte mit dem amerikanischen Schriftsteller und Stiefvater Ramóns Nicholas (Peter Coyote) zusammen, der heimlich ein Verhältnis mit Kika hat, aber auch mit Kikas bester Freundin Amparo (Anabel Alonso).

Ramón wiederum sieht sich ständigen Belästigungen seiner Ex-Freundin Andrea (Victoria Abril) ausgesetzt, die es nicht verwinden kann, dass er sich von ihr vor Jahren getrennt hat. Und dann ist da noch Juana (Rossy de Palma), das Dienstmädchen im Hause Kikas und Ramóns, die in Kika verliebt ist und daraus auch kein Hehl macht. Sie ist die Schwester des Ex-Pornodarstellers Pablo (Santiago Lajusticia), der wegen Vergewaltigung verurteilt wurde und jetzt aus dem Gefängnis geflohen ist, um bei Juana Unterschlupf zu suchen.

Keiner weiss über die Aktivitäten des anderen so richtig Bescheid, am wenigsten Ramón über die anderen. Dann taucht auch noch eine unbekannte Schöne auf (Bibi Andersen), die Nicholas von früher zu kennen scheint.

Als Pablo bei Juana auftaucht, sieht er die schlafende Kika und fällt über sie her, vergewaltigt sie. Doch nicht nur das. Die intimen Aktivitäten von Nicholas und die Vergewaltigung von Kika tauchen plötzlich auf Videobändern auf. Und Andrea, die für das Fernsehen eine Reality-Show produziert, in der es vor allem um Sexualverbrechen und Mord geht, lässt die Vergewaltigung Kikas über den Sender laufen ...

Inszenierung

In zum Teil grellen Farben erzählt Almodóvar eine Geschichte von Liebe und Mitgefühl, oder besser: von der Abwesenheit dieser Gefühle. So gut wie alle Personen in diesem Streifen sind Egozentriker, dazu noch welche, die nicht einmal sich selbst mögen oder dies jedenfalls nur meinen. Kika, die nach aussen lebenslustig und voller Energie erscheint, ist ein Mensch, den man vielleicht als unbedarft und völlig naiv beschreiben könnte.

Ramón wälzt sich in Selbstmitleid über den Tod seiner Mutter, die ihn nicht einmal geliebt hat, und benutzt Kika letztlich als Bild von der Liebe, die ihm als Sohn nicht zuteil wurde. Während er mit Kika schläft, reproduziert er diese Bilder: mit einer Sofortbildkamera. Nicholas wechselt Frauen wie Hemden; wenn er sie nicht mehr will, schreckt er auch vor Gewalt nicht zurück. Andrea lebt in ihren Rachegedanken und ihre Tätigkeit in der Reality-Show nutzt sie dazu weidlich aus: Alles, was irgendwie nach Mord in Verbindung mit Sex und Beziehungen steht, schleift sie vor die Kamera.

Nur Juana steht offen zu dem, was sie denkt und fühlt – wenigstens das –, wenn sie auch an ihrer Zuneigung zu Kika scheitert. Sie will ihrem geistig minderbemittelten Bruder Pablo helfen, auch wenn sie nicht weiss, was sie dazu tun soll.

Almodóvar erzählt diese Geschichte auf – man kann schon sagen – gewohnte Art und Weise in einer gelungenen Mischung aus Drama und Komödie. Er überspitzt die egozentrischen Charaktere und bis zum Verbrechen neigenden Verhaltensweisen seiner Personen fast bis zur Absurdität, aber nur fast.

Die Vergewaltigungsszene, in der Pablo mit dem Messer an Kikas Gesicht auf ihr liegt, ist mehr als grotesk. Pablo will seinen »Rekord« brechen: vier Orgasmen hintereinander. Kika will »das Ganze« schnell hinter sich bringen. Sie wehrt sich zwar gegen den ungebetenen Gast, aber letztlich nicht, weil sie vergewaltigt wird, sondern weil ihr das im Moment gerade »unangenehm« ist. Als dann zwei Polizisten versuchen, Pablo von Kika herunter zu reissen, misslingt dies zunächst, so dass der eine Polizist äussert, vor dem Orgasmus sei das wohl unmöglich, man solle sich darauf vereinbaren, dass er nach dem dritten Orgasmus aufsteht. Kika war diese Vergewaltigung zwar unangenehm; doch sie vergisst diesen Vorgang so schnell, als ob es sich lediglich um einen nicht weiter erwähnenswerten Streit gehandelt hätte.

Wenn Almodóvar vom Augenblick spricht, in dem alle seine Personen leben, so könnte man auch sagen: Sie sind völlig ausserstande, in irgendeiner Weise zu reflektieren, was sie tun und was geschieht. Sie leben sozusagen an der brüchigen Oberfläche ihrer eigenen seelischen Verfassung, von der sie keine Ahnung haben. Selbst Ramón, der sich selbst wahrscheinlich für ehrlich und liebesfähig hält, entpuppt sich als Voyeur seiner eigenen Unzulänglichkeit und der der anderen.

Die Katastrophe in einem solchen Beziehungsgeflecht bahnt sich unaufhaltsam an. Der Mord ist nur der logische Schlusspunkt einer Welt, in der nur der Augenblick zählt und die Verletzungen der Vergangenheit nur als Legitimation künftiger Handlungen von Menschen herhalten, die zur Reflexion unfähig sind. Der Mord ist »nur« der Versuch, die Folgen des eigenen Handelns ungeschehen zu machen, ist Ersatz für die Unfähigkeit zur Reflexion.

Bei der Auswahl seiner Schauspieler hatte Almodóvar wieder einmal ein »gutes Händchen«. Viele von ihnen wie Verónica Forqué, Victoria Abril und Rossy de Palma spielen auch in anderen seiner Filme.

Fazit

Fragt man sich am Schluss des Films, was von Liebe und Mitgefühl übrig geblieben ist, lautet die Antwort deutlich und klar: Nichts, den es war auch anfangs nichts da. Almodóvar durchleuchtet seine Handelnden, reisst ihr Verhalten am Beziehungsgeflecht regelrecht auf, lässt die Kamera skrupellos offenlegen. Aber er tut dies nicht mit Verachtung, Verurteilung oder Besserwisserei. Er verbleibt, bei allem, was seine Personen auch tun, in einer bemerkenswerten Sympathie zu ihnen. Auch die groteskenhaften Übertreibungen und der Humor haben keinen anderen Zweck.

»Kika«, heisst es, sei nicht Almodóvars bester Film. Das habe ich anders empfunden. Gerade in »Kika« wird – wenn man genau hinschaut – die »Welt des Augenblicks« in einer geradezu erschreckenden Weise offengelegt.

Ulrich Behrens

Kika

Spanien

1993

-

117 min.



Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Darsteller: Verónica Forqué, Alex Casanova, Rossy de Palma

Produktion: Agustín Almodóvar

Kamera: Alfredo Fernández Mayo

Schnitt: José Salcedo

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