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Kultur

Rezension zum Film von Katrin Gebbe Tore tanzt

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Ein junger Mann, der bereitwillig Folter über sich ergehen lässt, weil er es als eine Prüfung seines Glaubens versteht?

Die deutsche Filmregisseurin und Drehbuchautorin Katrin Gebbe bei der Vorstellung ihres Kinofilms «Tore tanzt» im Apollo-Kino Center Ibbenbüren in Ibbenbüren.
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Bild: Die deutsche Filmregisseurin und Drehbuchautorin Katrin Gebbe bei der Vorstellung ihres Kinofilms «Tore tanzt» im Apollo-Kino Center Ibbenbüren in Ibbenbüren. / J.-H. Janssen (CC BY-SA 3.0 unported)

18. Februar 2014
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Das wirkt heute fremd, verstörend, radikal, macht aber Tore tanzt zu einem der sehenswertesten deutschen Filmen des letzten Jahres.

Stille Andacht, züchtige Kleidung, besinnliche Musik – nein, das hat für die Jesus Freaks nichts mit Glauben zu tun. Bei ihnen dürfen durchaus Lederjacken getragen werden, dazu läuft Heavy Metal, nicht unbedingt leise, man lebt in einer heruntergekommenen Kommune. Dafür sind sie in theologischen Fragen fast noch radikaler: Glauben bedeutet, immer auf Jesus’ helfende Hand zu vertrauen, und sei es bei einer Autopanne. Absurd? Für die meisten Menschen schon. Aber Tore (Julius Feldmeier) ist nicht wie die meisten Menschen. Als er auf einem Rasthof Benno (Sascha Alexander Geršak) begegnet, dessen Auto nicht anspringen will, legt der Junge deswegen zusammen mit seinem Freund Eule die Hand auf den Kühler und betet einfach zu Jesus. Et voilà, der Wagen will wieder.

Benno ist verblüfft, aber auch dankbar, und bietet Tore daher an, doch zu ihnen in den Schrebergarten zu ziehen, wo er mit seiner Partnerin Astrid (Annika Kuhl), der 15-jährigen Tochter Swanny (Swantje Kohlhof) und ihrem jüngeren Bruder Dennis (Til-Niklas Theinert) wohnt. Was der auch macht und schon bald bitter bereut. Denn Benno ist Choleriker, gewalttätig und hat einen starken Hang zum Alkohol. Zunächst hat nur die Familie unter seinen regelmässigen Ausfällen zu leiden, doch zunehmend wird auch der sanftmütige Tore zur Zielscheibe seiner Misshandlungen. Aber der junge Mann entschliesst sich zu bleiben, schliesslich könnte genau das die ihm von Jesus auferlegte Prüfung sein, auf die er so lange gewartet hat.

Die Zeit der Märtyrer ist in Deutschland eigentlich schon seit ein paar Jahrhunderten vorbei. Entsprechend befremdlich wirkt Tores trotzige Freundlichkeit, sein nicht enden wollendes Lächeln, obwohl Benno immer mehr Grausamkeiten anhäuft. Mehr Gewalt. Mehr Unterdrückung. Und letztendlich auch Folter. Interessant dabei ist, dass Tore eigentlich kein Gefangener ist. Immer wieder hätte er die Gelegenheit zu fliehen, etwa als er später auf seinen Freund Eule wieder trifft oder auch durch seine Leidensgenossin Swanny. Tore bleibt, in der festen Überzeugung, mit Jesus’ Hilfe dieses finstere Tal zu durchwandern.

Doch der Cannes-Beitrag und Debütfilm der Hamburger Regisseurin Katrin Gebbe ist nicht allein Parabel auf moderne Sklaverei und gewaltfreien Widerstand. Fast noch interessanter ist, welche extreme Wirkung eine derart radikale Passivität und Sanftmut auf andere Menschen ausübt. Dass Benno zunehmend brutaler agiert, kommt nicht gerade überraschend. Aber es bleibt eben nicht bei ihm, abgesehen von Swanny machen alle mit: Astrid, die Nachbarn, ja, selbst der kleine Dennis zeigt sadistische Neigungen. Und so verschiebt sich der Fokus mit der Zeit weg vom weltfremden Tore hin zu seinen Peinigern: Wie kann es sein, dass Leute, die am Anfang noch freundlich und hilfsbereit sind, sich im Laufe des Films zu Sadisten entwickeln und Spass beim Foltern des wehrlosen Tore empfinden?

Das Ergebnis ist ein verstörendes, sehr hartes Drama, wie wir es sonst eher von den früheren „Dogma 95“-Vertretern Thomas Vinterberg und Lars von Trier gewohnt sind, und das uns mehr über uns erzählt, als wir vermutlich wissen wollten. „Na, wo ist dein Gott jetzt?“, wird Tore zum Ende gefragt. Die Antwort darauf und auf die vielen anderen Fragen, die hier aufgeworfen werden, die muss jeder für sich selbst finden. Damit wird das Kinodebüt von Regisseurin Katrin Gebbe sicher viele Zuschauer überfordern. Aber genau dieses Unbequeme, das Einfordern einer Reaktion vom Publikum macht Tore tanzt so sehenswert, vergleichbar kompromisslos und mutig geht es im deutschen Kino schliesslich nur selten zu. Insofern dürfen wir schon jetzt gespannt sein, was wir in Zukunft von Gebbe erwarten dürfen, aber auch von Hauptdarsteller Julius Feldmeier, der ebenfalls hier sein überzeugendes Kinodebüt gab.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Tore tanzt

Deutschland

2013

-

110 min.

Regie: Katrin Gebbe

Drehbuch: Katrin Gebbe

Darsteller: Julius Feldmeier, Sascha Alexander Gersak

Produktion: Verena Gräfe-Höft

Musik: Johannes Lehniger

Kamera: Moritz Schultheiss

Schnitt: Heike Gnida

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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