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Jupiter´s Moon Nirgendwo sicher

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Mundruczós neuer Film erzählt von Flüchtlingen, die (keine) Engel sind und einer Gesellschaft in Auflösung.

Der ungarische Film und Theaterregisseur Mundruczó Kornél.
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Bild: Der ungarische Film- und Theaterregisseur Mundruczó Kornél. / Mátyás Erdély (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

9. Dezember 2018

09. 12. 2018

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Regisseur Kornél Mundruczó, der 2014 mit „White God“ den Wettbewerb „Un Certain Regard“ in Cannes gewonnen hatte, nimmt sich in Jupiter´s Moon des Flüchtlingsthemas an, indem er es als Hintergrund in eine Erzählung einbindet, die von einer Gesellschaft in Angst und Unsicherheit kündet, in der menschliche Beziehungen von dem Gegeneinander, das alles und jeden erfasst hat, bis zum Zerreissen gespannt sind und die dieser Anspannung kaum gewachsen sind. Es entsteht eine dystopische Menschenwelt, in der sich die Gesellschaft an sich in Auflösung befindet.

Während der Flucht nach Europa wird der junge Syrer Aryan nicht nur von seinem Vater getrennt, sondern kurz darauf von dem ungarischen Polizeioffizier László erschossen. Doch statt zu sterben, erhebt sich sein Körper in die Luft und fliegt. Bald landet Aryan in einer Art Lazarett für Flüchtlinge und wird dort von dem korrupten Arzt Gábor Stern behandelt. Stern braucht Geld, weil er mit den Angehörigen eines Patienten, an dessen Tod er offenbar schuld ist, einen Deal machen will, der ihn vor Strafverfolgung bewahrt. Zu diesem Zweck nutzt Stern Aryans Flugkünste, er präsentiert ihn als eine Art Engel mit Heilkräften und kassiert damit von Privatpatienten grosse Geldsummen. Aryan hingegen ist auf der Suche nach seinem Vater, während er von László, der von seinen Flugkünsten weiss, verfolgt wird. Stern ist dabei die einzige Hilfe für den jungen Flüchtling. Nach einem terroristischen Anschlag in einem U-Bahn-Tunnel wird Aryan zum Hauptverdächtigen und der Film gerät zunehmend zu einem wilden Verfolgungsthriller.

In den Actionsequenzen, die mit grosser Virtualität inszeniert sind, werden die Protagonisten auch visuell zu Gehetzten und Getriebenen, während Aryans Flugeinlagen wie in Zeitlupe ablaufen. In diesen Szenen ist die Kamera ganz bei ihm, er entfleucht der verrückt gewordenen, destruktiven Welt.

Jupiter´s Moon entzieht sich Eindeutigkeiten und ist in dieser Ungreifbarkeit ein kleines Meisterwerk, auch wenn etwas weniger spirituelles Tamtam und etwas mehr Stringenz dem Film gut getan hätte. „Hast du vielleicht einen Engel erschossen?“, fragt Stern László, nachdem dieser ihn in einen Hinterhalt gelockt hat. „Vielleicht kann er ja nur fliegen, weil du ihn erschossen hast? Jeder hat Angst vor Gott, du auch. Wie schön, zu glauben, dass Gott da ist, dass er über uns Menschen wacht. Ich habe in letzter Zeit viel darüber nachgedacht. Vielleicht ist Gott der schönste Einfall, den der Mensch je hatte. Und das Beste an diesem Einfall ist, dass dieser Gott vielleicht nur dazu da ist, uns zu bestrafen.“ Seinem Gegenüber fällt dazu nichts ein, ausser dem Arzt zu raten, „die Schnauze“ zu halten. Es gibt zwischen den Menschen in Jupiter´s Moon nichts mehr zu besprechen. Sterns Frau verrät Stern und Aryan schliesslich an die Polizei und auch sonst ist Mundruczós Welt heillos.

Ihm ist dabei ein so exaktes wie erschreckendes Abbild der spätkapitalistischen Gesellschaften gelungen. Hilfe für die, denen es noch schlechter geht, ist in der Kirche der Angst nicht mehr zu erwarten und in einer solchen Atmosphäre muss die Ankunft der Hilfesuchenden, die durchaus keine Engel sind, als apokalyptische Bedrohung wirken.

„Gibt es einen Ort, wo man sicher ist?“, fragt Aryan in einer der nicht wenigen Szenen, in denen die Beziehung der beiden Männer in Zuneigung mündet. „Vor den Wunden der Weltgeschichte“, antwortet Stern, „bist du nirgendwo sicher.“

Nicolai Hagedorn / Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 434, Dezember 2018, www.graswurzel.net

Jupiter´s Moon

Ungarn, Deutschland

2017

-

123 min.



Regie: Kornél Mundruczó

Drehbuch: Kata Weber

Darsteller: Merab Ninidze, Zsombor Jéger

Produktion: Viktória Petrányi

Musik: Jed Kurzel

Kamera: Marcell Rév

Schnitt: Dávid Jancsó

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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