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Kultur

Joker Das Grinsen des Killers

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Schon vor dem Filmstart von Joker war der Film, der zeigen soll, wie Batmans Gegenspieler zum Schurken geworden ist, einer der kontroversesten Filme des Jahres. Er und sein Held sind tatsächlich nur schwer zu ertragen.

Heath Ledger als Joker.
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Bild: Heath Ledger als Joker. StreetArt in Melbourne. / Matt Davis (CC BY-SA 2.0 cropped)

17. Oktober 2019

17. Okt. 2019

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Unwahrscheinlich, dass Todd Phillips („Hangover“), der Regisseur des gestern in den deutschen Kinos angelaufenen Films „Joker“, Klaus Theweleit und/oder sein Buch „Das Lachen der Täter“ kennt. Umso erstaunlicher, dass Phillips mit seinem filmischen Psychogramm eines lachenden, mordenden Mannes in mancher Hinsicht Theweleits „Psychogramm der Tötungslust“ bebildert.

Phillips hat also genau hineingeschaut in die Welt der Mörder und ihrer psychischen Deformationen. So wird an Philipps Protagonisten Arthur Fleck alias Joker (Joaquin Phoenix) das, was Theweleit „Fragmentkörper“ oder „nicht zu Ende geboren“ nennt, gleichsam sichtbar: Irgendetwas stimmt mit dem nackten Oberkörper dieses Mannes, den die Kamera in aller Genauigkeit untersucht, nicht, alles an ihm ist irgendwie verwachsen, nicht richtig, nicht „heil“, wie es bei Theweleit heisst. Erst nachdem er, der zum grossen Weltschurken werden soll, seine ersten Morde begangen hat, richtet sich dieser Körper, wird „gerade“, erhebt sich, aus Fleck wird der Killer „Joker“. Diese „Verwandlung“ zeigt Philipps in einer eindrücklichen Szene, in der er seinen Hauptdarsteller vor einem Spiegel eine Art Ausdruckstanz vollführen lässt, an dessen Ende der Joker als aufrechte, „heile“ Figur mit ausgebreiteten Armen „geboren“ ist. Diese Verwandlung ist spürbar, Phillilps und Phoenix machen die Befreiung des Mannes “mitfühlbar”. Der Killer tanzt und grinst.

Auch sonst analysiert Phillips das „so werden“ des Jokers ausführlich. Arthur Fleck ist zwar lange kein Jugendlicher mehr, ist aber auch nicht richtig „erwachsen“ (Dass der Joker ein Mittvierziger mit Problemen eines Pubertierenden ist, lässt das ganze Theater mitunter unfreiwillig komisch wirken). Er wohnt mit seiner siechen Mutter irgendwo in der niedergehenden Metropole Gotham City (bzw. dem 80er-Jahre-New York, wie mehrere Sequenzen nahelegen), kaum Sozialkontakte, kein zärtlicher Kontakt zu Frauen, vollkommen talent- und erfolglos im Beruf (er verdingt sich als Mietclown) – einer der sich in der kapitalistischen Leistungsgesellschaft nicht zurechtfindet, obgleich er sich doch zu Höherem berufen fühlt (Stand-Up-Comedian bzw. Talk-Show-Host).

Theweleit schreibt: „Dagegen hilft nicht, die Jugendlichen auf die ´Errungenschaften der westlichen Zivilisation´ einzuschwören; in dieser gesellschaftlichen Lebensform Fuss zu fassen, misslingt ihnen aktuell ja gerade. Helfen würden nur Beziehungen, Liebschaften, gute, tragfähige Gruppen oder Vereine und natürlich ein guter Arbeitsplatz. Sie geben Boden unter den Füssen. Erst dann kann man wachsen. Wer nicht in dieser Form wachsen kann, wächst in den Idiotismus der Grossmacht. Das ist so etwas wie ein Gesetz.“

Und so geht es auch mit dem Joker. Seine Versuche als Comedian misslingen, von einem Vorbild, dem zynischen Late-Night-Talker Murray Franklin (Robert De Niro) wird er verlacht und die ersehnte und eingebildete Liebesgeschichte mit der alleinerziehenden Nachbarin entpuppt sich als Schimäre und aussichtslos.

Sein erstes Mal als Mörder hat er schliesslich in einer U-Bahn, in der ihn drei junge Hipster, vermutlich Wall-Street-Jünglinge, bedrohen und er zwei von ihnen, gewissermassen noch in Notwehr, erschiesst. Den dritten hingegen „jagt“ er und richtet ihn hin. Bereits hier, bei diesem „ersten Mal“, tötet er also „aus Lust”.

Theweleit zitiert in seinem Buch seitenlang aus der Rede des norwegischen Massenmörders Anders Breivik, die dieser während des Mordprozesses vor Gericht gehalten hat. Darin findet sich ein weiterer wichtiger Aspekt, den auch Philipps sehr prominent in seinem Film ausstellt: Die Rolle, die „Spassmacher“, Satiriker in der Weltsicht der mordenden Männer spielen. Diese werden gewissermassen als Speerspitze der „Kulturmarxisten“, ein Wort, das Breivik als Zentralbegriff seiner Feinderklärung benutzt, wahrgenommen. Breivik sagte etwa, in all seiner überbordenden Selbstüberhöhung ein „wir“ halluzinierend, das ihn zu einem Teil einer weitgehend herbeifantasierten Armee von Nationalisten („Tempelrittern“) stilisiert: „Es dürfte bekannt sein, dass wir seit dem 2. Weltkrieg Friedensgespräche mit Marxisten und Liberalen haben wollten, aber sie alle wollten den Dialog nicht, sie haben stattdessen Zensur, Spott und Verfolgung gewählt.“

„Spott“ ist für Breivik also eine ganz besondere Sünde, eine besondere Frechheit der „marxistischen“ und „liberalen“ Eliten. Ganz ähnlich der Joker. Sein misslingender Auftritt als Comedian, also der Versuch, endlich auf die Seite der Spottenden zu gelangen, endet darin, dass dieser Versuch in der Late-Night-Show seines Idols und „Ersatzvaters“ Franklin zu einem Witz, er selbst zur Witzfigur wird. Sein grosses Attentat, der Moment, in dem er zur Ikone werden soll, ist schliesslich der Mord an dem Spötter. Der Auftritt war übrigens auch deshalb schiefgegangen, weil er auf der Bühne einen seiner Tourette-artigen, unkontrollierbaren Lachanfälle bekommen hatte.

Was „Joker“ zu einem bedenklichen Produkt der Kulturindustrie macht, ist die Stellung des Kunstwerks selbst zu den dargestellten Vorgängen. Wo nämlich Theweleit keinen Zweifel daran lässt, dass der von ihm analysierte Typ Mann („der soldatische Mann“, oder auch „der Faschist“) keinerlei Sympathie verdient, die Auseinandersetzung mit ihm nur den Zweck zu erfüllen hat, die Entstehung solcher Männer zu verhindern, beziehungsweise sie an ihrem Tun zu hindern und es nicht genug Spott über sie geben kann, wird der Joker zum nihilistischen Superschurken, zum (Anti-) Helden, der es sogar mit Batman aufnehmen kann und in Philipps Film zum Anführer eines mordenden Mobs wird, der ihn schliesslich auf Händen trägt.

Theweleit über Breivik: „Er ist ein Held, nicht wahr? (…) Suchen wir schon mal den Marmor für sein Standbild. Und stellen es auf im Gefängnisinnenhof. In Uniform mit voller Ordensbrust, das automatische Schnellfeuergewehr in der Rechten. Im Sockel die Inschrift in Gold: ´Dem Retter Europas!´ (als den er sich in seiner Rede stilisiert, N.H.) Das kühlt ihn vielleicht ab. Dazu einen Grossmonitor in seiner Zelle mit TV-Zugang zu den grossen Skiwettbewerben … Langlauf etc. wo ´die Norweger´ immer gewinnen. (Im Langlauf werden die Multi-Kulti-Moslems noch ewig hinter Ole Björnson herzuckeln.)(…)“ Theweleit lässt keinen Zweifel, weder an Breiviks totalem Deppentum, noch an seiner Arschlochhaftigkeit.

Ganz anders Phillips/Phoenix: Noch in der Schlussszene, in der der Killer endlich „Soldat“, „Faschist“ geworden ist, schafft es Phoenix, in ihm einen Funken „Mann, der es doch eigentlich gut meint“ aufblitzen zu lassen. Der Joker bleibt in seinem Faschismus bis zum Ende eine „von der Gesellschaft“, „von dem bösen Spassmacher“ gebrochene, „von dem bösen Kapitalismus gemarterte“ Figur, ein sinistrer, schauriger, mindestens Mitleid heischender Sympathieträger. Wo Breivik sich eine „Umvolkung“ durch muslimische Horden zurechtfantasiert, ist Gotham City wirklich ein von Dekadenz, Dreck und Unmoral zersetzter Pfuhl, der nach „Ordnung“ schreit, die der Joker herzustellen trachtet, indem er die Verursacher, die Korrupten, arroganten Spötter zur Strecke bringt. Seine Gegenspieler, die (Zufalls-)Opfer seiner Morde sind wirklich unmoralische Arschlöcher. Weder der arrogante (ebenfalls über die Verlierer spottende) Millionär Thomas Wayne (Bruce Waynes, also Batmans Vater), noch der zynische Talkshow-Host Franklin sind Figuren, die dem Protagonisten in Sachen Identifikationsfähigkeit etwas entgegensetzen können.

Todd Phillips erzählt stringent aus der Perspektive seines Killers. Dass dieser ein unzuverlässiger Erzähler ist, dass er eine Liebschaft mit der Nachbarin herbeifantasiert, ebenso wie einen Talkshow-Auftritt, „weiss“ der Film, er lässt diese Lügen schliesslich auffliegen.

Und hier wird der Film zur Katastrophe. Denn wo er sich sonst gut informiert zeigt über die Wünsche und Zwänge seines Protagonisten, bestätigt er bezüglich der Opfer dessen Sichtweise unreflektiert. Während von Fleck jede menschliche Regung detailliert beobachtet wird, wo sein „Fragmentkörper“ nach allen Richtungen ausgeleuchtet wird, bleiben die Opfer unmoralische Funktionsträger. Das wird von dem Film in keiner Weise relativiert oder zurückgenommen. Auch die Szene, in der Batmans Eltern erschossen werden, ist eiskalt inszeniert. Es wird geschossen, Schnitt.

So schaffen Phillips/Phoenix eine Figur, die zwar unmoralisch ist, einen bösen Killer, dessen Boshaftigkeit aber gut erklärt schon „zu verstehen“ ist. Nachdem er von ´der Gesellschaft´ zum potenziellen Mörder „gemacht“ wurde, schenkt ihm das Drehbuch die Chance, seinen ersten Mord sogar noch moralisch halbwegs abgesichert zu begehen, für den Notwehr-Mord hätte er auch in der wirklichen Welt eventuell nicht einmal eine Strafe bekommen – womit die böse, böse „Gesellschaft“ nicht nur für die Zurichtung des Mannes verantwortlich ist, sondern ihn geradezu „zwingt“, Mörder zu werden.

Abstossend an alldem ist weniger der „arme” Killer, sondern das politische Motiv des Films. Denn so sehr sich „Joker“ inszenatorisch auf die Seite des zum Killer verführten Mannes schlägt, eine wirkliche Identifikationsfigur für den gut situierten, bürgerlichen Kinogänger ist dieser kranke, ausgestossene Trauerkloss nicht. Wer noch halbwegs richtig tickt, wird ihn als bemitleidenswerten Verlierer erkennen und rezipieren, der sich in einer Welt, die eben ist, wie sie ist, mit Gewalt die Anerkennung nimmt, die er anders nicht bekommen kann. Trotz aller Inszenierungswut eine arme Sau, ein Faschist eben.

Die Riots, die von seinen Anhängern ausgelöst werden, sind indes kaum missverständlich als Aufstand der Armen inszeniert. Schlimmer: Indem die Riot-Szenen suggerieren, es handele sich bei den Anhängern des Faschisten um militante Arme, Ausgebeutete setzt er Faschismus und Klassenkampf in eins und denunziert damit letzteren als „genauso schlimm“ bzw. seinem Wesen nach “gewalttätig”. Den armseligen Versuch wiederholte Regisseur Philipps dann auch im Interview mit dem Online-Portal The Wrap: “What’s outstanding to me in this discourse in this movie is how easily the far left can sound like the far right when it suits their agenda. It’s really been eye-opening for me.”

“Joker” bietet kaum mehr als düsteres Unterhaltungskino. Wer sich ernsthaft mit der Psyche von lachenden Killern auseinandersetzen will, lese Theweleit und wer grosses oder auch nur interessantes Kino sucht, möge sich im Programmheft anderweitig umsehen.

Nicolai Hagedorn
www.graswurzel.net

Joker

USA 2019 - 122 min.

Regie: Todd Phillips
Drehbuch: Todd Phillips, Scott Silver
Darsteller: Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz
Produktion: Todd Phillips, Bradley Cooper, Emma Tillinger Koskoff
Musik: Hildur Guðnadóttir
Kamera: Lawrence Sher
Schnitt:Jeff Groth

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