UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Jimmy’s Hall | Untergrund-Blättle

6710

Kultur

Jimmy’s Hall Der Kampf der kleinen Leute

Kultur

In „Jimmy’s Hall“ erzählt Ken Loach von einem Mann, der in einem irischen Dorf in den 1930ern eine Tanzhalle betreiben will und dadurch Ärger mit der Kirche bekommt.

Regisseur Ken Loach mit seiner Filmcrew bei der Präsentation von «Jimmy’s Hall» in Cannes, Mai 2014.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Regisseur Ken Loach mit seiner Filmcrew bei der Präsentation von «Jimmy's Hall» in Cannes, Mai 2014. / Georges Biard (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

18. November 2021
0
0
4 min.
Korrektur
Drucken
Im Vergleich zu anderen Werken des grossen Sozialdrama-Meisters ist der Film sicher weniger bedeutsam, zumal er etwas einseitig gezeichnet ist. Für sich genommen ist er aber schon ganz schön mit seinem Plädoyer für mehr Lebensfreude.

Irland 1932: Nachdem er Jahre in den USA gelebt hat, kehrt Jimmy Gralton (Barry Ward) in seine alte Heimat zurück, um seiner in die Jahre gekommenen Mutter bei der Familienfarm zu helfen. Obwohl sich seit seiner Abreise einiges getan hat, noch immer leben die Menschen in grosser Armut, können sich kaum etwas zu essen leisten. Auch die Unterhaltungsmöglichkeiten sind sehr begrenzt. Um gerade den Jüngeren im Dorf wieder etwas zu bieten, lässt er sich darauf ein, seine zur Legende gewordene Tanzhalle wieder zu eröffnen. Hier sollen sich alle amüsieren können, aber auch mit anderen austauschen. Während die Jugend begeistert reagiert, macht der erzkonservative Pfarrer Sheridan (Jim Norton) bald Stimmung gegen das Etablissement, dem dieser ausgelassene Spass ein Dorn im Auge ist …

Der Kampf der kleinen Leute

Bei Ken Loach denkt man natürlich zuerst an seine grossen Sozialdramen, mit denen das filmische Gewissen Europas Missstände in der Gesellschaft offenlegt. Oft erzählt er dabei von den „kleinen Leuten“, die irgendwie unter die Räder geraten und sich an einem System abarbeiten, das nichts für sie übrig hat. Dabei arbeitet er gern mit Laien oder Nachwuchsschauspielern und Nachwuchsschauspielerinnen zusammen, siehe etwa seine beiden letzten Werke Ich, Daniel Blake und Sorry We Missed You. Grösstmögliche Authentizität steht auf dem Programm. Das Gefühl, tatsächlich Teil eines Milieus zu werden und gemeinsam mit den Menschen zu erleben, was gerade alles schief geht.

Bei Jimmy’s Hall, das den beiden obigen Filmen vorangegangen war, ist der Fall etwas anders. Zwar arbeitete er auch hier mit seinem langjährigen Drehbuchautor Paul Laverty zusammen. Das Thema des Irischen Unabhängigkeitskrieges, welches bei Jimmy immer wieder durchschimmert, ist bei Loach natürlich auch nichts Neues. Das Thema hatte er schon in The Wind That Shakes the Barley bearbeitet. Aber es gibt doch auch einige Unterschiede, manche offensichtlicher, manche weniger. Auffällig ist beispielsweise dass hier die angesprochenen Laien nicht zum Zuge kommen. So setzt sich das Ensemble aus einer Reihe erfahrener Schauspieler und Schauspielerinnen zusammen. Mit Andrew Scott, der einen der Geistlichen spielt, ist sogar ein ungewohnt bekanntes Gesicht zu entdecken.

Klare Sympathienverteilung

Diese besagte Figur sorgt für ein bisschen Widerspruch innerhalb der Kirchenvertreter, die hier so auftreten. Nicht jeder, der dort arbeitet, ist zwangsläufig erzkonservativ. Dennoch, so richtig viel Nuancen sollte man dabei nicht erwarten. Jimmy’s Hall ist über weite Strecken recht einseitig im Hinblick auf die Figurenzeichnung. Jimmy selbst muss beispielsweise ohne nennenswerte Macken auskommen, ist so gut und nett und hilfsbereit, dass es schon wieder langweilig ist. Ausserdem drückt sich der Film davor, sich wirklich mit den Themen auseinanderzusetzen. Dass der Altlinke Loach Sympathien für die aufrührerischen Kommunisten pflegt, das überrascht zwar nicht wirklich. Ein bisschen nuancierter hätte das alles aber schon sein dürfen: Die Figuren sind entweder Stereotype oder nichtssagend.

Das bedeutet aber nicht, dass der Film damit überflüssig ist. Zum einen gibt er wenn auch oberflächliche Einblicke in die damalige Zeit und erinnert an die seinerzeit übliche Unterdrückung. Als Warnung vor normativen, menschenverachtenden Kräften ist das nie verkehrt, gerade auch heute, wenn sich mal wieder Leute dazu berufen fühlen, einen Kulturkrieg heraufbeschwören zu wollen. Ausserdem gibt es da schon eine Reihe schöner Szenen, wenn etwa die Jugend auf einmal wieder so etwas wie Leben erfahren darf. Das Ensemble tritt sympathisch auf, hübsche Bilder aus dem ländlichen Irland sorgen ebenfalls dafür, dass man sich Jimmy’s Hall gut anschauen kann. Auch wenn das Drama sicher nicht mit den grossen und bedeutsamen Filmen von Loach mithalten kann, für sich genommen ist das hier schon sehr nett in der Mischung aus Empörung, Lebensfreude und Plädoyer.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Jimmy’s Hall

England

2014

-

109 min.

Regie: Ken Loach

Drehbuch: Paul Laverty, Donal O’Kelly

Darsteller: Barry Ward, Jim Norton, Simone Kirby

Produktion: Rebecca O’Brien

Musik: George Fenton

Kamera: Robbie Ryan

Schnitt: Jonathan Morris

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Ken Loach am 13.
Ken Loach über die Notwndigkeit einer neuen Linken„all kinds of guerilla activities…“

18.02.2014

- Ken Loach, der extrem feine Filme über Arbeitskämpfe und die irische Befreiungsbewegung gemacht hat, war in Berlin. Lower Class Magazine hat sich angehört, was er zur Notwendigkeit einer neuen Linken gesagt hat.

mehr...
Ken Loach am 15.
Rezension zum Film von Ken LoachKes - ungeheure emotionale Ausdruckskraft

13.12.2011

- Kenneth Loachs mit dokumentarischer Ehrlichkeit gefilmtes Drama Kes versinnbildlicht soziale Ungerechtigkeiten in der Beziehung zwischen einem Jungen und einem Falken.

mehr...
Der britische Filmregisseur Ken Loach am Festival von Cannes, Mai 2014.
Ken Loach: I, Daniel BlakeDas tödliche System

28.11.2016

- Ken Loachs neuer Film „I, Daniel Blake“ beschreibt das Ergebnis jahrzehntelanger neoliberaler Zerstörung der sozialen Sicherungssysteme.

mehr...
’Aus neutraler Sicht’ von Albert Jörimann - Der ewige soziale Winter

19.04.2017 - Ken Loach greift in seinen Filmen immer wieder die Missstände im britischen Sozialstaat bezie­hungsweise das Elend der arbeitslosen Klassen in England ...

Interkulturelle Pädagogik? Gespräch mit Ken Kupzok

01.10.2008 - Es geht um die Frage, wie sich Menschen einer ihnen fremden Kultur nähern können, ohne dabei in vorurteilsbehaftetes Denken zu verfallen. So eine ...

Dossier: Klimawandel
Klimawandel
Propaganda
Helene Fischer: Von Kinderhand für mich gemacht

Aktueller Termin in Berlin

Changing Cities – die Stadt von unten verändern!

Vortrag und Gespräch mit Inge Lechner Changing Cities, der Verein hinter dem Volksentscheid Fahrrad, ist gerade 6 geworden. Damit sind wir nicht mehr ganz so jung und haben auch schon einiges erlebt im Kampf für die Verkehrswende und ...

Montag, 29. November 2021 - 20:30

K19 Café, Kreutzigerstr. 19, 10247 Berlin

Event in Lausanne

La chorale anarchiste

Montag, 29. November 2021
- 19:00 -

Espace Autogéré

Rue Dr César-Roux 30

1011 Lausanne

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle