Bislang kannten sich Jessica (Babette Verbeek), Perla (Lucie Laruelle), Julie (Elsa Houben), Naïma (Samia Hilmi) und Ariane (Janaina Halloy Fokan) nicht, kommen aus unterschiedlichen Kreisen, sind auch als Menschen sehr verschieden. Eines aber haben die Jugendlichen gemeinsam: Sie sind Mütter geworden oder stehen kurz davor – und sind völlig überfordert. Aus diesem Grund sind sie auch in ein spezielles Heim gezogen, welches sich junger Frauen annimmt, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Dort will man sie darauf vorbereiten, was es heisst, sich um ein Kind zu kümmern. Sie finden aber auch Unterstützung bei einer schwierigen Frage: Will ich das Kind überhaupt behalten oder gebe ich es zur Adoption frei?
Neuestes Werk zweier sozialer Chronisten
Neben Ken Loach gehören die Brüder Luc und Jean-Pierre Dardenne zum bedeutenden sozialen Gewissen des europäischen Arthouse-Kinos. Seit nunmehr fast vierzig Jahren drehen die beiden zusammen Filme und weisen darin auf gesellschaftliche Missstände hin oder zeigen Menschen, die in Krisen gerutscht sind. So erzählten sie in Zwei Tage, eine Nacht (2014) von den Opfern des Kapitalismus. Das unbekannte Mädchen (2016) handelte von einer jungen Ärztin, die sich um Menschen in einer sozial prekären Gegend kümmert. Zuletzt nahmen sich die beiden in Tori und Lokita (2022) des allgegenwärtigen Streitthemas Migration an. Da durfte man sich doch fragen, welche grossen gesellschaftlichen Probleme die beiden in Jeunes Mères – Junge Mütter ansprechen werden, dem neuesten Werk des Duos.Ganz vergleichbar ist das Drama dabei aber nicht mit den oben genannten. Wo diese durchaus den Finger in die Wunde steckten und allgemeine Fehlentwicklungen anprangerten, da zeigt sich das Regie- und Drehbuchgespann dieses Mal fast schon von einer versöhnlichen Seite. So nehmen sie uns mit in eine Einrichtung, die angehenden Müttern dabei helfen, mit der neuen Situation klarzukommen. Das ist nicht einfach, weder für die Betroffenen noch die Helfenden. Jeunes Mères – Junge Mütter zeigt aber auf, dass es geht und macht Mut, dass es ein gutes Leben geben kann. Mit grosser Geduld und viel Einfühlungsvermögen begleiten die Angestellten die Schützlinge, ohne Druck auszuüben oder auch eine Entscheidung vorzugeben. Ob sie sich nun entscheiden, das Kind zu behalten und aufzuziehen oder sie es doch lieber in die Obhut anderer geben wollen, sie werden auf diesem Weg unterstützt.
Zurückhaltend und fordernd
Also alles Friede, Freude, Eierkuchen? Ganz so ist es dann doch nicht. Denn die Protagonistinnen haben oftmals traurige Vorgeschichten oder befinden sich in schwierigen Lebenssituationen. So leidet Jessica sehr darunter, selbst als Kind abgegeben worden zu sein, weshalb ihr im Leben immer der nötige Halt fand. Andere haben ebenfalls Probleme mit ihren familiären Bedingungen. Hinzu kommen Themen wie Armut oder Drogensucht. Dass die Figuren in Jeunes Mères – Junge Mütter so jung sind, fast selbst noch Kinder, macht die Sache nicht einfacher. Nicht wenige im Publikum werden sich da fragen, ob diese Menschen tatsächlich Kinder grossziehen sollten, wenn sie ihr eigenes Leben nicht im Griff haben. Der Film stellt eben auch die Frage, inwieweit es möglich ist, sich aus solchen Situationen zu befreien.Doch die Dardennes urteilen nicht darüber, verurteilen nicht die Frauen oder deren Familien. Sie beobachten lieber, ganz ruhig und distanziert. Tatsächlich hat man an vielen Stellen das Gefühl, dass das Drama, welches bei den Filmfestspielen von Cannes 2025 Weltpremiere hatte, eigentlich ein Dokumentarfilm ist. Da gibt es kaum dramatische Zuspitzungen.
Eine wirkliche Dramaturgie findet man nicht, was auch an der episodenhaften Geschichte liegt. Jeunes Mères – Junge Mütter wechselt ständig zwischen den verschiedenen Protagonistinnen, die in derselben Einrichtung leben und in einer ähnlichen Situation sind, ansonsten aber wenig Berührungspunkte haben. Das wird manchen nicht gefallen, zumal es einem die Frauen auch nicht immer einfach machen Anteilnahme zu zeigen – manche können schon sehr anstrengend sein. Wer sich aber darauf einlassen kann, findet einen erneut starken und sehr menschlichen Beitrag der beiden Brüder.


