Interview mit Nahid Persson Sarvestani zu ihrem Dokumentarfilm "Der Sohn des Mullahs" Stimmen der Menschen im Iran

film-677583-70

Kultur

Das Regime im Iran ist ein notorischer Wiederholungstäter. Immer wieder werden Kritiker und Oppositionelle des Regimes ermordet.

Die iranische Filmregisseurin Nahid Persson Sarvestani.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild vergrössern

Die iranische Filmregisseurin Nahid Persson Sarvestani. Foto: Rozzy83 (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)

Datum 14. Mai 2024
5
0
Lesezeit12 min.
DruckenDrucken
KorrekturKorrektur
Einen mutigen Iraner im Exil, der gegen die Verkommenheit und Korruption der klerikalen Elite kämpfte und seine Ermordung durch das Regime, zeigt der Dokumentarfilm „Der Sohn des Mullahs“ ab Juni in deutschen Kinos. Westliche Staaten machen Geschäfte mit dem Regime im Iran, wohl wissend, mit wem sie es zu tun haben. Dadurch machen sich diese Geschäftemacher zu Komplizen des Regimes, das seine Bevölkerung mordet, foltert, vergewaltigt und vom Leben ausschliessen will – sagt Regisseurin Nahid Persson Sarvestani in einem Interview zu ihrem Film „Der Sohn des Mullahs“.

Sie wollte wissen, warum sich ein Sohn aus bestem Hause gegen das Regime stellte und in ärmlichen Verhältnisse unter dem Schutz eines fremden Staates lebte. Der Film zeigt einen liebevollen und humorvollen Familienvater, der gleichzeitig einen Informationskrieg gegen das Regime im Iran führte, inklusive dramatischer Wendung.

Ruhollah Zam – die Korruption der Eliten im Iran

Ruhollah Zam (Aussprache: Sahm) schildert eindrücklich seine Wandlung von einem privilegierten Jugendlichen, der sich gerne im Wohlwollen der Kleriker sonnte, bis ihn die konkreten Einwirkungen der Kleriker auf die Politik anwiderte und er sich zu distanzieren begann. Weitere Stationen erzählt der einfühlsam Szene an Szene setzende Dokumentarfilm in einer simplen und nachvollziehbaren Weise. Fast wird man beim Zusehen Mitglied der Familie.

Auf jeden Fall beginnt man das Ausmass der Schrecken, die dieses Regime verbreitet, zu verstehen und entwickelt eine Aversion gegen die Menschen verachtenden Aktionen, die auch Ruhollah Zam durch seinen Enthüllungsjournalismus bekämpft hat. Ruhollah Zam liess sich in den Irak locken, wo er gekidnappt und in den Iran verschleppt wurde. Nach Folter und erpressten Aussagen folgte die Todesstrafe und schon bald seine Hinrichtung. Über die Umstände seines Kampfes gegen ein korruptes Regime und seines Lebens und Sterbens handelt der Film.

Interview mit der Regisseurin Nahid Persson Nahid Persson Sarvestani stammt aus Schiraz. Sie lebt seit 45 Jahren in Schweden. Ihr Fokus war seit je her die Verletzlichkeit von Frauen, deren Lebenskraft und ihre besondere Fähigkeit durch krisenhafte Situationen zu gehen.

Interviewauszug mit der Regisseurin vom 07. Mai 2024:

m e h r i r a n: Neulich traf ich eine Frau, die vor 23 Jahren aus dem Iran fliehen musste. Ihre Aussage hat sich bei mir tief eingegraben: Ich lebe mein Leben hier in Europa, aber meine Seele ist im Iran und wartet auf die Zeit, zurück kehren zu können. Wo lebt Ihre Seele Frau Sarvestani?

Nahid Persson Sarvestani: Im Iran. Ich lebe seit 1983 in Schweden. Wir haben zu Beginn versucht uns zu integrieren, aber nach einer Weile vermisst du dein Heimatland. Mein Körper ist in Schweden, meine ganze Seele ist mit den Vorgängen im Iran beschäftigt. Vielleicht ermüde ich meine schwedischen Freunde mit meinen Aussagen, die ständig um Iran kreisen. Meine Verwandten leben im Iran. Ich versuche sogar Pflanzen aus der Heimat hier bei uns zu kultivieren. Alles Versuche, der Heimat nahe zu sein. Wir hoffen, sehr bald wieder in den Iran reisen zu können.

m e h r i r a n: Sie haben den Film „Der Sohn des Mullahs“ vor kurzem bei einem Filmfestival für Menschenrechte in Oslo gezeigt. Welche bemerkenswerte Reaktionen haben Sie erfahren?

Nahid Persson Sarvestani: Ja, es gab sehr viele Reaktionen. Menschen wissen wenig über Iran. Nach dem Film sind sie erschüttert über die Art, wie Iran mit der eigenen Bevölkerung umgeht. Einige sagen, sie seien auf der Seite der Menschen im Iran, sehen aber keinen Widerspruch darin, Geschäfte mit dem Regime zu machen, das diese Menschen tötet.

m e h r i r a n: Ruholla Zam war Journalist mit einem Millionenpublikum im Iran. War das eine Gefahr für das Regime?

Das Regime ist schwach

Nahid Persson Sarvestani: Das Regime ist eigentlich sehr schwach. In der Regel kontrolliert das Regime alle Nachrichten im Land. Zam hatte 2 Millionen Follower auf der sozialen Plattform Telegram für seinen Kanal âmad news. Nachdem dieser Kanal im Iran gesperrt wurde, öffnete Ruhollah einen neuen Kanal, der schon am ersten Tag 1 Million Follower hatte. So etwas sorgt die Verantwortlichen des Regimes. Er wurde zu einer ernsten Gefahr. Wir Exilanten sind freier, unsere Kritik am Regime zu äussern. Aber auch wir werden ständig bedroht. Das Regime will alle Kritik unterbinden und vor allem Morde und andere Untaten verschweigen. Erst vor 3 Wochen hat das Regime versucht einen iranisch stämmigen Journalisten in London zu ermorden. Aber jedesmal, wenn wieder so etwas passiert, werden wir stärker.

m e h r i r a n: Im Film ist zu sehen, dass Sie ein sehr vertrauensvolles Verhältnis zu Ruhollah Zam und seiner Familie hatten. Wie kam es dazu?

Nahid Persson Sarvestani: Ruhollah war ein sehr offener, intelligenter, zugewandter und einfühlsamer Mensch. Eine sehr starke Persönlichkeit. Jede ärgerliche oder schmerzhafte Situation hat er in sich verarbeitet und nicht an anderen ausgelassen. Er hatte aber auch eine Art Naivität. Vielleicht hat das dazu geführt, dass er auch falschen Leuten vertraut hat. Er wollte nicht, dass ich in einem Hotel übernachte und hat mir trotz der beengten Lebensverhältnisse angeboten, bei ihnen zu schlafen, um die Arbeit zu erleichtern. Mit der Zeit betrachtete mich Ruhollah wie eine ältere Schwester. Die Familie hat meine Präsenz aber auch genossen, denn Ruhollah musste isoliert leben. Jeder Gang nach draussen musste von Personenschützern begleitet sein. Das gesellschaftliche Leben war eingeschränkt. Freunde konnten sich auch nicht in Gefahr bringen durch den Kontakt zu ihm. Einerseits kämpfte er gegen das Regime, musste sich aber auch gegen Anfeindungen aus der Exilopposition behaupten. Er wollte die Korruption offen legen. Die Geldwäsche der Mullahs und ihrer Mittelsmänner, die den Kindern ein luxuriöses Leben im In- und Ausland ermöglicht, während eine hohe Prozentzahl der Bevölkerung im Iran unter der Armutsschwelle lebt. Die Finanzierung von Terroristen weltweit. Das wollte er offen legen.

m e h r i r a n: Das Regime im Iran beherrscht verschiedene Methoden zu täuschen und zu spalten. Auch Profis fallen darauf herein. Es ist seit vielen Jahren auffällig, wie Versuche die Opposition zu vereinen, von Agenten des Regimes torpediert werden, wie Politiker, ihre Berater und viele Journalisten getäuscht und die Irre geführt werden. Unsicherheiten über Affiliationen einzelner Aktivisten

Nahid Persson Sarvestani: Ja, wir müssen immer wieder auf der Hut vor Unterwanderungen sein, obwohl wir dafür keine Zeit oder Energie haben. Gleichzeitig schafft das sehr viel Unsicherheit im Umgang miteinander. Ruhollah stand bis vor seiner Hinrichtung bei einigen im Verdacht, als Sohn eines Mullahs, ein Agent des Regimes zu sein. Diese Umstände in Frankreich, diese Isolation, waren nicht das Leben, das Ruhollah leben wollte. Es war kein Leben, das er leben wollte, was durchaus zu seiner Entscheidung beigetragen haben mag, sich in den Irak locken zu lassen. Mit seiner Seele lebte er auch im Iran. Das Regime hat ihn ermordet, um uns hoffnungslos zu machen. Das ist Teil einer psychologischen Kriegsführung. Die war zunächst erfolgreich. Aber wir erholen uns von immer wieder von solchen Schlägen und machen weiter.

m e h r i r a n: Gibt es weitere Beispiele?

Nahid Persson Sarvestani: Es gab letztes Jahr den Versuch verschiedener Oppositioneller, eine Allianz zu schmieden. Leider haben Agenten der Pasdaran es geschafft, als Monarchisten aufzutreten und sich Vertrauen im Kreis des Schah Sohnes Reza Pahlavi zu erwerben. Ihr Einfluss hat die Allianz scheitern lassen. Ich denke, wir Iran-stämmigen im Westen müssen uns immer wieder daran erinnern, dass wir nur einen gemeinsamen Feind haben: das Regime.

m e h r i r a n: Wie denken Sie darüber, wie die verschiedenen politischen Richtungen zusammen finden können?

Wir haben alle ein Ziel

Nahid Persson Sarvestani: Wir haben alle ein Ziel. Was uns als Iranerinnen und Iranern in Zukunft helfen wird, ist Einigkeit. Wir haben alle das gemeinsame Ziel diesem Regime ein Ende zu bereiten, auch wenn wir im Detail unterschiedliche Schwerpunkte in einer zukünftigen Gestaltung der Gesellschaft Irans verfolgen mögen. Darüber soll aber ein demokratischer Prozess bestimmen. Das können wir nicht im Vorfeld für die Menschen im Iran festsetzen. Solange sind wir eine Stimme für die Menschen, denen das Regime im Iran die Stimme raubt und diese Stimme verlangt vehement nach dem baldigen Ende des korrupten Regimes.

m e h r i r a n: Lassen Sie uns auf den Film schauen. Was haben Sie in der Arbeit am Film für's Leben gelernt?

Nahid Persson Sarvestani: Ich habe eine Menge während des Filmens meiner Filme gelernt, denn es ist nicht vorhersehbar wie die Geschichten weitergehen. Ruhollah hat jedem vertraut. Ich habe durch seine Geschichte gelernt, vorsichtig zu sein. Es ist mir bewusst geworden, wie nahe die Gegner stets sind. Ich habe verstanden, wie schwach dieses Regime eigentlich ist, sonst müsste es Menschen wie Ruhollah nicht ermorden. Warum müssen Sechzehnjährige für Kritik ins Gefängnis? Das Regime zittert vor Jugendlichen und kennt nur Brutalität als Antwort auf Kritik. Ich habe gelernt, dass wir unter allen Umständen unseren Kampf fortführen müssen, auch wenn das Regime noch so viel mordet, foltert oder vergewaltigt. Wir müssen vorsichtig sein, wir dürfen aber nicht unsere Hoffnungen aufgeben!

m e h r i r a n: Vertrauen ist hartes Brot. Welche Erfahrung haben Sie im Fall Ruhollah Zam gemacht?

Nahid Persson Sarvestani: Es gab da Leute in der Türkei und in Australien, denen Ruhollah vertraut hat. Als ich mit ihnen sprach, fiel mir auf, dass sie andere Begriffe und Formulierungen nutzten als wir Regimegegner. Das kam mir merkwürdig vor, aber weil Ruhollah ihnen vertraute, bin ich dem nicht weiter nachgegangen. Ihre Rolle beim Verrat von Ruhollah Zam ist stark verdächtig. Die Person in Australien hat in seiner twitter timeline lauter Regime kritische Posts. Das reicht, um westliche Journalisten in die Irre zu führen. Sie glauben den subtileren Hinweisen auf die Rolle dieses Mannes in dem Spiel nicht.

m e h r i r a n: Im Film sagt Herr Zam, er sei von den Klerikern enttäuscht gewesen und habe sich dann gegen sie gewandt. Hat er jemals mehr darüber gesprochen?

Er wählte einen harten Weg

Nahid Persson Sarvestani: Im Zusammenhang mit den Protesten 2009 ist er verhaftet worden, gefoltert worden. Er hat einen Selbstmordversuch in Isolationshaft unternommen, bevor sein einflussreicher Vater den Staatsanwalt gedrängt ihn sofort aus der Haft zu entlassen. Ruhollah wollte bessere Lebensumstände für die Menschen. Er war selbstlos. Er hatte sein Herz auf dem rechten Fleck, war eine emphatische Person. Er wollte nicht das luxuriöse Leben vieler Kinder der Mullahs führen. Für sich selbst hätte er ein gutes Leben haben können, aber das reichte ihm nicht. Als er aus dem Gefängnis entlassen wurde, schwor er dem Verhörenden, dass er ihn zu Fall bringen würde. Er sagte, er sei im Gefängnis noch entschlossener geworden gegen die Mullahs zu kämpfen. Ursprünglich kämpfte er auf Seiten der Reformisten für graduelle Verbesserungen. Im Gefängnis bemerkte er, dass es keinen Unterschied machte, ob er für die konservativeren Systembewahrern oder die reformorientierten Systembewahrern wäre. Er unterschied die beiden Gruppen nicht mehr und wollte einen Systemsturz.Als er aus dem Iran floh, hatte er keinerlei finanzielle Unterstützung. Er lebte in Frankreich von staatlicher Stütze in bescheidenen Verhältnissen. Ruhollah Zam hätte ein luxuriöses und unbeschwertes Leben führen können. Er wählte den harten Weg, eine Stimme der Menschen im Iran zu sein.

m e h r i r a n: Was sagt uns sein Engagement im Westen? Islam hat seinen Platz im privaten Raum, Islamisten bedrohen Westen Nahid Persson Sarvestani: Die Mullahs zwingen den Frauen im Iran die Verhüllung ihrer Haare auf. Das lassen sich trotz scharfer Strafen immer weniger Frauen gefallen. Gleichzeitig sehe ich junge Frauen in Schweden und in Deutschland ihre Haare verhüllen. Das ist ein Erfolg für die Mullahs im Iran, deren grosses Ziel die Islamisierung der Welt ist. Islam kann jeder im privaten Rahmen praktizieren wie sie oder er will. Darum geht es nicht. Aber die radikalen Islamisten und Terroristen mit ihrer politischen Ideologie werden sich immer weiter ausbreiten, wenn wir sie nicht aufhalten.

m e h r i r a n: Was wird ihr nächstes Projekt sein?

Nahid Persson Sarvestani: Ich neige dazu, nicht über Projekte zu sprechen, bis sie nicht realisiert sind. Als Frau bin ich da vielleicht etwas zurückhaltender. Solange Iran nicht frei ist, werde ich aber weitere Filme über Iran machen. Ich würde gerne der Welt, die Schönheit im Iran zeigen. Aber ich muss auch nicht immer Filme machen. Es gibt so viele talentierte junge Filmemacher, die können sich um andere Themen kümmern. Ich bin jetzt in der Verantwortung Filme zu machen, die die Menschen im Iran brauchen. Ich bin jetzt 63 Jahre alt. Ich schätze mal, dass ich noch zehn Jahre dran bleiben kann, dann überlasse ich es anderen Leuten und kann mich ausruhen. Ich habe auch noch drei Kinder und Enkelkinder, um die ich mich gerne kümmern würde.

Interview von Helmut N. Gabel