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Tito On Ice | Untergrund-Blättle

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Rezension zum Film von Helena Ahonen und Max Andersson Tito On Ice

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Zwei Comiczeichner, eine Styropor-Mumie und Papierfiguren machen sich auf den gemeinsamen Weg durch das ehemalige Jugoslawien. Das ist eine inhaltlich wie visuell faszinierende De- und Rekonstruktion zwischen Alltag und Wahnsinn, zwischendurch aber auch etwas ziellos.

Josip Broz Tito im Jahr 1964.
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Bild: Josip Broz Tito im Jahr 1964. / Unknown (PD)

12. Oktober 2016

12. Okt. 2016

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Politiker sind hierzulande – sofern sie überhaupt Gefühle auslösen – meist ein Grund für Ärger oder Belustigung, selten aber für Trauer. Als im ehemaligen Jugoslawien der langjährige Staatschef Josip Broz Tito 1980 verstarb, war dennoch das ganze Land in Tränen vereint, lag sich in den Armen. Oder besser: fast das ganze Land. Denn der kultig verehrte Präsident setzte sich zwar für die Freiheit seines Landes ein, nahm es innerhalb seines Landes damit aber nicht so genau, der diktatorisch herrschende Tito liess Andersdenkende gnadenlos verfolgen. Er unterstütze den Kampf der Studenten, soll er gesagt haben, nur um im Anschluss deren Anführer festzunehmen, wie uns Tito On Ice an einer Stelle verrät, ein Dokumentarfilm, der ebenso zerrissen und widersprüchlich ist wie das Land, von dem es erzählt.

Der Anlass ist dabei alles andere als politisch: Die beiden in Schweden geborenen, nun in Berlin lebenden Comiczeichner Max Andersson und Lars Sjunnesson haben ein neues Werk auf die Beine gestellt und fahren nun durch das ehemalige Jugoslawien, um es den Leuten dort vorzustellen. Begleitet werden sie dabei von der Regisseurin Helena Ahonen, die das Geschehen in Bild und Ton festhielt. Und von Tito selbst. Genauer: die Mumie von Tito. Noch genauer: die aus Styropor gefertigte Mumie von Tito. Mit dieser grotesk-alptraumhaften Figur im Schlepptau, passend in einem Militäranzug gekleidet, gelingt den beiden sowie der Filmemacherin ein faszinierender Blick auf ein Land, das rund zehn Jahre nach dem Tod Titos keines mehr war. Es vorher wohl auch nie so richtig gewesen ist, was dank des Personenkults aber niemandem so richtig auffiel.

Die Konfrontation mit der Ikone hat natürlich diverse witzige Momente zur Folge, Tito On Ice ist aber trotz seiner Comicspuren kein rein auf Komik ausgerichteter Dokumentarfilm. Wenn die Schweden während ihres Rundtrips nicht nur auf Kollegen treffen, sondern auch auf einen Mann, der ehemalige Granathülsen verziert und als Andenken verkauft, auf mutierte Disneypüppchen, auf ein Dorf voller Witwen, dann wandeln sie auf einem schmalen Grat zwischen Humor und Horror, zwischen Alltag und Wahnsinn, zwischen Nostalgie und Aufbruchsstimmung.

Was Tito On Ice auszeichnet, ist aber nicht nur die De- und Rekonstruktion von Tito und Jugoslawien, sondern auch die visuelle Umsetzung hiervon. Dass zwei Comiczeichnern eine blosse Aufnahme der Realität nicht ausreichen würde, war eigentlich zu erwarten. Was sie daraus gemacht haben jedoch nicht: Sie bildeten die Welt mit Papier und Pappmaché nach, die sie mithilfe des Stop-Motion-Verfahrens animierten. Das dient teilweise der Illustration von Erzählungen, teilweise werden die Erfahrungen des Duos parallel in Real- wie auch Animationsbildern dargestellt. Interessanter ist dabei natürlich die erste Variante, aber selbst wenn das Gezeigte „nur“ aus Wiederholungen besteht, fesselt der Anblick. Roh und bizarr entsprechen die Figuren und die holprigen Bewegungen dem Untergrundgedanken, dem auch die interviewten Kollegen folgen, Tito On Ice erinnert in seiner surrealen Düsterkeit an Werke wie Alice oder We Are the Strange.

Lässt man diese sehr sehenswerten Zwischensequenzen weg, geht auch das verbindende Element ein wenig verloren. Wie es bei einem Rundtrip fast zwangsläufig ist, gibt es keinen roten Faden, der sich durch die Geschichte zieht. Man zeigt, was man sieht. Das ist auf der einen Seite spannend, schliesslich hat man keinen Schimmer, was sie unterwegs wohl als nächstes finden werden. Auf der anderen Seite gibt es aber auch mehrere Szenen, die letzten Endes recht nichtssagend und ziellos sind. Aber mit dem Anspruch, einen normalen Dokumentarfilm zu sehen, der eine Botschaft zu übermitteln hat, sollte man Tito On Ice ohnehin nicht begegnen: Das Werk ist so sehr mit der Kunst verbunden, so sehr aktuelles Happening, dass es ohne diese zu toten Papiermännchen zerfällt.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Tito On Ice

Deutschland 2016 - 76 min.

Regie: Helena Ahonen, Max Andersson
Drehbuch: Max Andersson
Darsteller: Helena Ahonen, Max Andersson
Produktion: Michael Sevholt
Kamera: Helena Ahonen
Schnitt: Max Andersson

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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