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Händler der vier Jahreszeiten „Wenn du viel hast willst du noch mehr ...“

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„Deine Sehnsucht kann keiner stillen, wenn die Träume sich auch erfüllen. Wenn du viel hast willst du noch mehr, oh Mama mia ich denk' oft an dein Lied.“ (1)

Der Schauspieler Klaus Löwitsch spielt im Film die Rolle von Harry.
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Bild: Der Schauspieler Klaus Löwitsch spielt im Film die Rolle von Harry. / Werner Bethsold (CC BY-SA 4.0 cropped)

14. Januar 2020

14. 01. 2020

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Hans Epp (Hans Hirschmüller) flieht in den Krieg. Er flieht vor seiner Mutter (Gusti Kreissl), einer hartherzigen Frau, die ihre Kinder – die Hans liebende und verstehende Schwester Anna (Hanna Schygulla) und die der Mutter zugewandte Heide (Heide Simon) – allein aufziehen musste. Sie will, dass aus Hans einmal etwas wird, dass er sich bei dem, was er tut, nicht die Hände schmutzig macht. Hans erträgt diesen moralischen und erniedrigenden Druck nicht und geht zur Fremdenlegion.

Seine Mutter ist die erste Frau, die Hans enttäuschte, weil er sie enttäuschte. Diese beiden Enttäuschungen sind unterschiedlicher Art. Die Mutter drängt auf das Äussere, das Vermittelte und Mittelbare, das Herrschende, das Etwas-Her-Machende. Hans folgt ihr nicht. Diametral entgegengesetzt ist seine eigene, innere, tief bohrende Enttäuschung über die Mutter, die ihn weniger zu lieben scheint, als zu formen versucht. Doch weitere Frauen in Hans Leben perpetuieren diese Enttäuschung, bauen in Hans Herz und Gemüt ein düsteres Bild vom Menschen, zunächst die Frau, die im Film keinen Namen trägt (Ingrid Caven), die Frau, die Hans immer geliebt hat, die Frau, die anscheinend so ganz anders ist wie seine Mutter, die seinen Heiratsantrag aber ablehnt, weil Hans, als er aus der Legion zurückkehrt, Obsthändler wird, nachdem er aus dem Polizeidienst, den er zunächst als Beruf gewählt hatte, entlassen worden war. Die grosse Liebe kann das mit ihrer eigenen Herkunft und Familie nicht vereinbaren. Obwohl anders in ihrer Art als die Mutter, knüpft sie den roten Faden weiter, der sich durch Hans Leben zieht: den von ihm geforderten Erfolg als Gegenleistung für Liebe. Das Leben ist für Hans ständiges Herausgefordertsein.

Hans hat Irmgard (Irm Hermann) geheiratet, die Frau, die er nicht liebt. Die Frau, die er auch liebt und die ihn versteht und vor dem Rest der Familie verteidigt, seine Schwester Anna, kann er ja nicht heiraten. Und eine weitere Frau, Marile Kosemund (Elga Sorbas), eine Prostituierte, sorgt unbeabsichtigt dafür, dass Hans aus dem Polizeidienst geworfen wird, weil sie ihn nach ihrer Festnahme auf dem Revier zu verführen versucht und der Vorgesetzte von Hans (Hark Bohm) dies bemerkt.

Frauen scheinen den Obsthändler zu zerstören. Und sicher ist dies ein Teil der Wahrheit über den Obsthändler Hans Epp, aber eben nur ein Teil. Fassbinder selbst äusserte sich zu seinem Film u.a. in diese Richtung: „Hans stirbt, von Frauen zerstört und vom System allein gelassen. Er weiss, was er tut.“ Fassbinder wäre allerdings nicht Fassbinder, wenn am Ende des Films das Resümee gezogen werden müsste: Die Frauen sind alle schuld. Der Film setzt nicht auf einseitiges Mitleid, auf Konfrontation gegen die fünf Frauen. „Händler der vier Jahreszeiten“ eröffnet einen neuen Reigen Fassbinderscher Filme, in denen der Regisseur seinem grossen Vorbild Douglas Sirk und dessen Melodramen der 50er Jahre (u.a. „Was der Himmel erlaubt“, 1956; „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“, 1958) folgt. Der Film ist ein deutsches, besser ein Münchner Melodrama, allerdings doch in ganz anderer Manier als bei Sirk, einig in der Aussage, oder vielleicht besser: erhärteten Vermutung, dass Glück und Liebe in den herrschenden familiären Banden nicht möglich sei.

„Buona Buona Buona Notte Bambino mio
alles was man will das kann man nicht haben.
Buona Buona Notte schlaf ein mein Junge
Sehnsucht wirst du immer im Herzen tragen.
Das hat mir Mamia abends immer vorgesungen
wenn ich von meinem Bett aus
durch ein kleines Fenster
alle Sterne sehen wollte
und nicht einschlafen konnte.“ (1)

Zugleich hat die Geschichte von Hans und den anderen sowohl einen zeitlich klar umrissenen, historischen Bezug: die Nachkriegszeit der 50er Jahre und die Auswirkungen der nationalsozialistischen „Vorzeit“, als auch einen ebenso deutlich strukturierten Realitätsbezug im Hinblick auf die Verhaltensmuster der Handelnden: Das Milieu, das Fassbinder uns zeigt, ist stimmig. Der Kitt, der die Personen zusammenhält, ist das ökonomische Gesetz, das Geld, der geldliche Zwang. Hans ist Obstverkäufer und leidet unter der zänkischen, kontrollierenden Art seiner Frau Irmgard, die in ihm jeden Ansatz von Freiheit und Zartheit, von positiven Gefühlen ignoriert, ja zu zerstören sucht. Hans flüchtet zu seinen Trinkgenossen in die Kneipe. Und als er eines Tages betrunken nachts nach Hause kommt, verprügelt er im Suff Irmgard vor den Augen der Tochter. Als Irmgard am nächsten Tag zu seiner Familie flieht – so stellt sie diesen Schritt dar, so wirbt sie für sich –, wird das ganze Ausmass an Fremdbestimmung fassbar, der Hans unterworfen ist und gegen die er nichts tun kann, weil er nicht gelernt hat, mit solchen Konflikten in einer Weise umzugehen, die es ihm ermöglicht, wieder zu atmen. Der Mutter entkommt er nur durch Flucht in den Krieg. Dem Rausschmiss bei der Polizei entkommt er durch vordergründige Akzeptanz der Massnahme, wenn er vor seinen Saufkumpanen von Verständnis für seine Vorgesetzten spricht. Der mit Scheidung drohenden Irmgard aber entkommt Hans nur durch einen Herzinfarkt.

Die Konflikte in der Geschichte um Hans und Irmgard und die anderen bilden eine Art für die Figuren unerreichbares Zentrum, um das sie sich gruppieren, anstatt diese zu lösen. Wie traumatisiert kreisen sie um ihre eigenen Widersprüche, ohne in ihnen selbst sich zu erkennen. Ein Verhalten gibt ein anderes und löst wieder ein drittes aus. Ein Wort gibt das andere und produziert ein drittes. Die einen, wie Hans, fallen aus dem Kreislauf heraus, weil sie ihn durchbrechen wollen, aber nicht können, denn dazu bedürfte es der anderen oder wenigstens eines anderen. Die anderen aber reproduzieren durch ihr Verhalten nur die Systematik des Regelwerks, das sie nicht durchschauen können. Der Verlust, der dabei entsteht, ist Resultat des permanenten Verlierens, das sie als Aufrechterhaltung ihrer Subjektivität missverstehen. Wenn Irmgard nach der Beerdigung von Hans das Pferd einfach wechselt und Harry vereinnahmt, dann ist das nicht in erster Linie Boshaftigkeit, Skrupellosigkeit oder Gefühlskälte. Sie reproduziert „nur“ die Mechanismen, die sie gelernt hat, weil sie keine anderen kennt. Die Kälte ist ihr nicht bewusst; sie ist Teil des Beziehungssystems. Und Fassbinder erweist sich in dieser Hinsicht Freud näher als etwa Marx.

Hans ist am Ende. Er darf nichts Schweres mehr tragen nach seinem Herzinfarkt. Er darf nicht mehr trinken. Irmgard, die sich während seines Aufenthalts in eine kurze Affäre mit einem gewissen Anzell (Karl Scheydt) eingelassen hat, kommt auf die Idee, jemanden einzustellen, der mit dem Obstwagen durch die Hinterhöfe zieht. Irmgard setzt auf die Aufrechterhaltung der wirtschaftlichen Basis der Familie, die allein Anerkennung und Konsistenz der Subjektivität zu versprechen scheint. Sie hat momentan keine Alternative. Anzell ist verheiratet. Und als sich eben dieser bei Hans meldet, um als Obstverkäufer von ihm eingestellt zu werden, lockt Irmgard Anzell in eine Falle: Er, der in den ersten Wochen korrekt abgerechnet hatte, soll ein bisschen mehr pro Kilo Äpfel, Birnen usw. verlangen; den Überschuss würde sie sich dann mit ihm teilen. Was Anzell nicht weiss: Hans beobachtet ihn, ob er korrekt abrechnet, und kommt dahinter. Anzell ist für Irmgard jetzt eine Bedrohung.

Alle kalkulieren. Es sind die Kalkulationen eines hierarchischen, auf „kaltblütige“ Leistung und Erfolg gestützten Systems, in dem Betrug, Intrige, Egoismus, Gewalt und die Warenform der Beziehungen die Regel sind. Man gibt nicht einfach her, ohne etwas dafür zu bekommen. Und ein Mehrwert muss auch dabei sein. Das kurzzeitige Glück nach der Einstellung zunächst von Anzell, später von Hans altem Freund Harry (Klaus Löwitsch), den er zufällig in einer Kneipe wieder trifft, ist trügerisch. Irmgard hat sich längst mit diesen Regeln abgefunden; sie ist Teil dieses Systems, dessen Funktionsweise ihr nur praktisch bewusst ist. Sie handelt danach, ohne zu wissen, was sie da eigentlich tut. Die Zärtlichkeit hat in der Beziehung von Irmgard und Hans aus verschiedenen Gründen keine Chance. Irmgard weiss von Hans grosser Liebe. Hans kalkuliert auch, aber in anderer Weise. Er hat Sehnsüchte, Träume und lebt sporadisch in ihnen. Er setzt sein ganzes Leben auf diese Sehnsüchte, im Film wunderbar ausgedrückt durch das Lied von Rocco Granata, dessen Text selbst die Widersprüchlichkeit von Wunsch und Wunscherfüllung dokumentiert.

„Aus der Heimat trieb mich das Fernweh
und da draussen fand ich das Heimweh.
Ja die Sehnsucht ist mir geblieben.
Oh Mama mia heut kann ich dich versteh'n.
Buona Buona Buona Notte ...“ (1)

Doch gleichzeitig herrscht nicht nur Sympathie für den Protagonisten des Films, für Hans. Denn sowohl seine Mutter, als auch seine Frau handeln aus einem instinktiven Gefühl der Sorge heraus, um sich, um ihre Familie. Aus dem Spannungsverhältnis zwischen dieser Sorge und den damit verbundenen Ängsten hier, der „kulturellen Verarbeitung“ dieser Gefühle durch die herrschende Mentalität einer von Geld und Gewalt beherrschten Gesellschaft dort – ein sich bedingendes, teils eruptiv, teils depressiv sich äusserndes Verhältnis – gewinnt Fassbinder die (Melo-)Dramatik der Handlung. Eruptiver Ausbruch (Hans verprügelt Irmgard) und Herzinfarkt (der Wendepunkt in der Geschichte, ab dem ein Zurück, oder besser ein „Vor“ zu anderen Ufern nicht mehr möglich ist) kennzeichnen die melodramatischen Schnittpunkte des Films, unterfüttert durch die „einfache“ Sprache der Figuren und den visuellen Realismus der Handlung.

In der Figur der Anna, der Schwester von Hans, finden wir scheinbar eine Stütze, einen Punkt des Widerstands, der Rebellion gegen die herrschende Moral der Unmoral und der kalten Berechnung. Und tatsächlich ist Anna die einzige, die Hans verteidigt und ihre Schwester, ihre Mutter und ihren Schwager (Kurt Raab) bezichtigt, Hans zu verachten. Im entscheidenden Moment allerdings, als Hans seine grosse Liebe noch einmal aufsucht, aber nicht mit ihr schlafen kann, und dann seine Schwester, die unter Zeitdruck ein Manuskript fertigstellen muss, versagt auch Anna. Anna, ob sie es will oder nicht, schält sich einzig als Kommentator der Verhältnisse heraus, nicht als Rebell gegen sie. Der ökonomische Druck wirkt bis in die letzten Winkel und verhindert, dass Anna erkennt, welchen Weg Hans nun gehen wird: Er trinkt in der Kneipe einen Schnaps nach dem anderen – auf seine Mutter, den Rest der Familie, seine Frau usw. Irmgard, Harry und die Männer, mit denen Hans immer gesoffen hat, schauen zu, bis er tot ist. Keiner steht auf, um ihn zurückzuholen, weil keiner fähig ist, die Situation überhaupt zu begreifen. Harry wird im wahrsten Sinn des Wortes Hans Nachfolger als Ehemann und Geschäftsmann des Obsthandels. Selbst die kleine Renate scheint damit einverstanden, hat er ihr doch bei den Hausaufgaben geholfen.

Auf dem Friedhof steht etwas abseits nur eine, Hans grosse Liebe, die um ihn trauert. Und nicht nur diese Schlussszene lässt deutlich werden, wie die Gefühle der Charaktere gnadenlos fremdbestimmt werden – so gnadenlos, dass dieses Fremde längst zum Eigenen geworden ist. Hans, aus dessen Perspektive auch diese Schlussszene gedreht wurde, so, als ob er seiner eigenen Beerdigung und dem Verhalten der anderen zuschauen würde, ist bewusst in den Tod gegangen. Dieser Schritt ist tatsächlich selbstbestimmt. Und das Tragische, was sich darin manifestiert, ist die Tatsache, dass sich Freiheit für ihn erst im Tod herstellt. Die Binnenperspektive des Films erlaubt sowohl den Realismus der Milieuschilderung, als auch die Melodramatik der Geschichte, die Fassbinder erzählt.

Ulrich Behrens

(1) Rocco Granata: Buona Notte Bambino (1963). Granata, Jahrgang 1938, in Belgien lebender Schlagersänger italienischer Herkunft, hatte 1959 einen Welthit: „Marina“. Ende der 80er Jahre erlebte er ein Comeback, auch mit deutschsprachigen Titeln.

Händler der vier Jahreszeiten

Deutschland 1972 - 89 min.

Regie: Rainer Werner Fassbinder
Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder
Darsteller: Hans Hirschmüller, Irm Hermann, Andrea Schober
Produktion: Tango (Ingrid Caven, Rainer Werner Fassbinder, Michael Fengler)
Musik: Archivmusik (u. a. Rocco Granata)
Kamera: Dietrich Lohmann
Schnitt: Thea Eymèsz

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