Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa Eine schauspielerische Offenbarung

Kultur

„Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa“ erzählt die Geschichte einer Familie, die lauter Krisen durchmacht, ist zugleich aber auch das Porträt einer Kleinstadt, die sich immer mehr auflöst.

Johnny Depp am Fim Festival von Cannes, 1992.
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Johnny Depp am Fim Festival von Cannes, 1992. Foto: Georges Biard (CC-BY-SA 3.0 unported - cropped)

13. Oktober 2023
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Das ist mal traurig, mal tröstlich und bis heute ein sehenswertes Drama mit einer wunderbaren Besetzung.

Mit Schicksalsschlägen kennt sich Gilbert Grape (Johnny Depp) aus, der mit seiner Familie in der Kleinstadt Endora lebt. Schliesslich werden die Grapes schon seit vielen Jahren von Schicksalsschlägen verfolgt. Erst erhängte sich der Vater und liess damit seine Frau Bonnie (Darlene Cates) und die vier Kinder allein. Bonnie wiederum wurde daraufhin psychisch krank und hat seither das Haus nicht mehr verlassen. Inzwischen wäre sie dazu auch kaum noch in der Lage, mit einem Gewicht von 250 Kilogramm kann sich sie praktisch nicht mehr bewegen. Während Gilbert und seine Schwester Amy (Laura Harrington) irgendwie versuchen, den Haushalt zu schmeissen, hat die pubertierende Ellen (Mary Kate Schellhardt) darauf keine Lust. Und dann wäre da noch Arnie (Leonardo DiCaprio), der geistig zurückgebliebene Sohn, der viel Betreuung unf Aufmerksamkeit braucht. Dabei würde Gilbert viel lieber Zeit mit Becky (Juliette Lewis) verbringen, die eines Tages mit ihrer Grossmutter auftaucht …

Eine schauspielerische Offenbarung

Das schauspielerische Talent von Leonardo DiCaprio würde heute wohl niemand mehr in Frage stellen. So hat er in Liebesdramen (Titanic), Komödien (Catch Me If You Can) und rauen Abenteuer (The Revenant – Der Rückkehrer) seine Vielseitigkeit bewiesen, ebenso seine Zugkraft. Er ist zu einem der grössten Stars in Hollywood geworden. Während man heute deshalb automatisch Grosses von ihm erwartet, war man zu Beginn seiner Karriere darauf logischerweise nicht vorbereitet. Umso grösser war die Offenbarung, als er in Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa auftrat. Seine Darstellung eines geistig zurückgebliebenen jungen Mannes, der an einer nicht näher erklärten Krankheit leidet, war so stark, dass er für das Drama seine erste von bislang sieben Oscar-Nominierungen erhielt. Und auch wenn er damals leer ausging, wusste man doch, dass man von diesem jungen Mann noch viel sehen bzw. hören würde.

Überhaupt sind die schauspielerischen Leistungen stark. Ebenfalls grossen Eindruck hinterliess etwa Darlene Cates, die als schwergewichtige und vom Selbstmord ihres Mannes traumatisierte Mutter ihr Schauspieldebüt gab. Etabliert war hingegen natürlich Johnny Depp, dem seinerzeit noch die Herzen des weiblichen Publikums zuflogen. Er ist es auch, der im Mittelpunkt steht, wie der Titel Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa bereits verrät. Die Titelfigur muss irgendwie die Familie zusammenhalten, obwohl sie selbst gar nicht so wirklich weiss, was sie mit ihrem Leben anfangen soll. Die Optionen vor Ort sind gering, er steckt fest in einem perspektivlosen Job, auch das Haus der Familie verfällt immer mehr. Auf Dauer wird das nicht mehr funktionieren, man schiebt nur das Unvermeidbare hinaus, will es nicht wirklich wahrhaben.

Zwischen Abschied und Aufbruch

Eine wirkliche Handlung gibt es in dem Film nicht. Peter Hedges (Ben Is Back), der seinen 1991 veröffentlichten Roman What's Eating Gilbert Grape zu einem Drehbuch adaptierte, hat vielmehr eine Aneinanderreihung mehrerer parallellaufender Stränge. Da ist beispielsweise die unglücklich verheiratete Betty Carver (Mary Steenburgen), die sich immer wieder an den jüngeren Gilbert heranschmeisst. Gilberts Chef, der einen kleinen Laden mit Nahrungsmitteln hat, sorgt sich wegen der Konkurrenz, als ein grosser FoodLand Supermarkt aufmacht und die Kundschaft abzieht. Ein anderes Motiv, welches zwischenzeitlich aufkommt, sind die Camper, die durchkommen und für Arnie ein Höhepunkt im Jahr sind. Endlich passiert einmal etwas! Diese einzelnen Mosaikteile setzen sich zusammen zu dem Bild einer auseinanderbrechenden Kleinstadt, in der niemand wirklich glücklich ist.

Trotz der Tragik: Die meiste Zeit über ist das alles recht ruhig. Erst später wird Regisseur Lasse Hallström (Gottes Werk und Teufels Beitrag, Bailey – Ein Freund fürs Leben) ein wenig die Intensität erhöhen. Das Ergebnis ist mal rührend, kann tieftraurig sind und ist doch auch aufmunternd. Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa zeigt seinen Figuren einen Weg auf, der die Vergangenheit würdigt, ohne sich weiter an sie zu ketten. Gerade das Ende, wenn man das Gefühl hat, dass die Familie endlich weitermachen darf und eine Aufbruchstimmung entsteht, geht dabei zu Herzen. Einen gewissen Hang zur Sentimentalität braucht es da schon, wobei glücklicherweise auf Kitsch oder allzu manipulative Momente verzichtet wird. Wer sich darauf einlässt, findet hier ein Drama, das auch dreissig Jahre später noch ein schönes Beispiel für einen Ensemblefilm ist.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa

USA

1993

-

118 min.

Regie: Lasse Hallström

Drehbuch: Peter Hedges

Darsteller: Johnny Depp, Juliette Lewis, Leonardo DiCaprio

Musik: Alan Parker, Björn Isfält

Kamera: Sven Nykvist

Schnitt: Andrew Mondshein

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.