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Funny Farm | Untergrund-Blättle

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Funny Farm Von Hammelhoden und rasenden Postboten

Kultur

George Roy Hill (1921-2002) wurde vor allem bekannt durch „Der Clou“ und „Butch Cassidy and the Sundance Kid“, zwei Filme, die zu den besten vom Besten gehören, darüber hinaus noch durch „Tollkühne Flieger“.

Der US-Regisseur George Roy Hill an seinem Schreibtisch (1978).
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Der US-Regisseur George Roy Hill an seinem Schreibtisch (1978). Foto: Steelehill12 (CC-BY-SA 4.0 cropped)

22. Januar 2023
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Sein letzter Film basierte auf einem Roman von Jay Cronley und schildert die Schwierigkeiten eines Paares beim Umzug von New York in ein Nest in New England namens Red Bud. Mr. Farmer ist Sportreporter und will jetzt einen Roman schreiben, Mrs. Butler ist Lehrerin, und beide wollen die Ruhe auf dem Land geniessen.

Als die beiden Möbeltransporteure verzweifelt das Haus suchen, in dem Andy und Elizabeth Farmer (Chevy Chase, Madolyn Smith-Osborne) ihre Ruhe suchen, kommen sie bei einem alten Mann, der vor seinem Haus sitzt, vorbei und fragen: „Hey, Macker, wo geht’s denn hier nach Red Bud?“ „Woher wissen Sie denn“, fragt der Alte, „dass ich Macker heisse?“ „Hab’ ich geraten.“ „Dann raten Sie jetzt mal, wie sie nach Red Bud kommen“, antwortet der Alte. So ungefähr sind die Einwohner des Ortes im schönen New England drauf. Und die Farmers machen bald ihre ureigenen Erfahrungen damit.

Die Vögel zwitschern, das Gras steht im vollen Saft, im Teich schnattern die Enten – nur die Möbel fehlen im neuen Heim der Farmers. Aber auch das hat sich am nächsten Tag erledigt. Und Andy kann sich endlich an seine alte Schreibmaschine setzen und statt Sportberichten nun endlich seinen komisch-dramatischen Roman mit dem Titel „The Big Heist“ schreiben. Elizabeth vertreibt sich vor dem Haus die Zeit in den Blumenbeeten. Doch die Ruhe ist trügerisch. Ein Geräusch reisst die beiden Glücklichen aus ihrer Arbeit. Der Postbote des Ortes rast mit seinem Pickup am Haus vorbei und fährt Andy fast über den Haufen. Er hat die Angewohnheit laut lachend die Briefe einfach aus dem Fenster zu schmeissen. Eine Schlange aus dem Tümpel verfolgt Andy, und last but not least findet Elizabeth beim Unkrautjäten einen Sarg – mit Leiche. Der herbeigerufene Sheriff Ledbetter (Kevin O’Morrison) meint, die Farmers sollten auf der Hut sein. Der Mann, der da im Sarg liegt, habe auch noch einen Esel gehabt, und der sei auch verschwunden. Nicht nur das: Der gute Mann präsentiert den Farmers wenige Tage später obendrein die Rechnung für die Beerdigung des Toten: 4.000 $ für einen Sarg mit Seidenfutter und einen Marmorgrabstein.

Der Sheriff scheint ebenso nicht von dieser Welt. Er hat die Führerscheinprüfung nicht bestanden, und seitdem versucht er sich im Taxifahren. Dabei landet er schon mal im ortsnahen See. Oder das Taxi rollt im Leerlauf auf einen prachtvollen Weihnachtsbaum zu.

Andy fasst einen Entschluss. Vielleicht sollte man mit den netten Leuten von Red Bud Kontakt schliessen, sich integrieren. Gesagt, getan. Während Elizabeth mit einer Antiquitäten-Verkäuferin, der alten Mrs. Ethel Dinges (Alice Drummond), die nichts zu verkaufen scheint, Bekanntschaft schliesst, versucht sich Andy mit drei Männern beim Angeln auf dem Motorboot. Als er allerdings beim Versuch, einem der skurrilen Herren den von einem anderen in den Hals geschleuderten Angelhaken zu entfernen, seine neuen Bekannten der Reihe nach ins Wasser befördert und daraufhin die Flucht ergreift, ist die Stimmung der Farmers auf dem Nullpunkt. Auch der zum Trost gekaufte teure Hund erweist sich als Fehlinvestition. Kaum daheim, macht er sich bellend davon und rast ab und zu am Haus vorbei.

Immerhin gelingt es Andy, die ersten Kapitel seines Romans fertigzustellen, die er Elizabeth bei einem geplanten Rendezvous im nahe gelegenen Motel stolz zum Lesen präsentiert. Die allerdings fängt an zu heulen. Denn der angeblich witzige Roman entpuppt sich als ein ziemliches Wirrwarr, durch das – ausser Andy – wohl niemand durchsteigt. Das Manuskript landet im Kaminfeuer, die Stimmung auf dem Nullpunkt. Und als dann Elizabeth ihrem schriftstellernden Gatten auch noch ein eigenes Manuskript präsentiert, das sie heimlich geschrieben hat und das ein Verleger veröffentlichen will, ist Andy am Ende. Fortan säuft er und versucht, sich an dem rasenden Postboten zu rächen. Sein Verleger (Joseph Maher) will den Vorschuss – immerhin 10.000 Dollar – zurück haben, Andy gibt ein zweites Manuskript von Elizabeth als sein eigenes aus, um das Geld nicht zu verlieren, Elizabeth ist tief gekränkt und reicht die Scheidung ein ...

„Funny Farm“ gehört zu der Art von Komödien, die sich nicht darauf beschränken, einen Witz nach dem anderen zu präsentieren, sondern die eine Geschichte erzählen, die lebensnah aus alltäglichen Situationen ihren Humor gewinnt. Man wird schnell warm, sowohl mit den beiden Farmers, als auch mit den äusserst skurrilen und absonderlichen Figuren von Red Bud. Nur unter solchen Bedingungen entfalten Witze ihre Wirkung, wie etwa, wenn die zwei Enten im Teich vor dem Haus der Farmers immer dann unter Wasser tauchen, wenn der wilde Postbote vorbei rast. Hills Komödie, die eben auch Drama ist, verzichtet auf Künstlichkeit, und vor allem ergeben sich die komischen Situationen aus dem Verhalten der Personen, wirken nicht aufgesetzt oder angestrengt. Besonders schön ist etwa eine Szene in einem Restaurant. Andy hat einen Riesenhunger und verputzt eine Portion Fleischbällchen nach der anderen. Die Kellnerin meint, er würde wohl demnächst den schon Jahre bestehenden Rekord brechen, 28 Bällchen, und er schafft tatsächlich 29, 30 – bis er erfährt, dass es sich um Hammelhoden handelt.

Ebenso amüsant die Geschichte mit dem Telefon. Die beiden Damen in der Telefonzentrale (Helen Lloyd Breed und Kit Le Fever) verlangen vor der Vermittlung, dass Andy zwei Münzen in den Schlitz wirft. Doch die Farmers besitzen kein Münztelefon. Mit allerlei Tricks versucht Andy, die Telefonistinnen zu überlisten. Fehlanzeige. Sie merken sogar, dass er zwei Münzen in ein Einmachglas oder ähnliches fallen lässt. Tage später finden die Farmers, gerade aus der Stadt zurück, in einem Zimmer des Hauses – einen Münzfernsprecher.

Gelungen ist ebenfalls der letzte Teil der Geschichte. Die Farmers wollen sich scheiden lassen und engagieren die Einwohner von Red Bud dazu – natürlich gegen entsprechende Bezahlung –, potentiellen Käufern für ihr Haus eine heile Welt (noch dazu zu Weihnachten) vorzugaukeln. Die singen Weihnachtslieder, sind freundlich, zuvorkommend, verhalten sich als gute Nachbarn usw. Sehenswert.

Chevy Chase und Madolyn Smith-Osborne spielen ein sympathisches Paar, auch wenn Smith-Osborne leicht unterbeschäftigt wirkt. Den zahlreichen Nebendarstellern gelingt es, eine skurrile, aber eben vorstellbare Gemeinde irgendwo auf dem Land zu präsentieren, mit der man schnell warm wird. Hill schafft eine leichte, beschwingte, unterhaltsame Atmosphäre, in der Aufgeregtheit, kapriziöses Verhalten oder aufgesetzter Humor keinen Platz haben. Eben sehenswert und wohltuend im Vergleich zu den vielen sich Komödien nennenden Produkten aus Hollywood, die schnell vergessen sind.

Ulrich Behrens

Funny Farm

USA

1988

-

97 min.

Regie: George Roy Hill

Drehbuch: Jeffrey Boam

Darsteller: Chevy Chase, Madolyn Smith Osborne, Kevin O'Morrison

Produktion: Bruce Bodner, Robert Crawford, Patrick Kelley

Musik: Elmer Bernstein

Kamera: Miroslav Ondříček

Schnitt: Alan Heim

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