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Rezension zum Film von Fritz Lang M – Eine Stadt sucht einen Mörder

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Fritz Langs unverwüstlicher Klassiker M von 1931 ist nicht etwa nur die Studie eines Mörders, der sich scheinbar nicht kontrollieren kann und zum brutalen Mörder unschuldiger Kinder wird.

Der deutsche Filmregisseur Fritz Lang bei den Aufnahmen des WeltraumFilms «Frau im Mond».
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Bild: Der deutsche Filmregisseur Fritz Lang bei den Aufnahmen des Weltraum-Films «Frau im Mond». / Bundesarchiv, Bild 102-08538 (CC BY-SA 3.0 cropped)

14. Oktober 2016

14. Okt. 2016

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Das kleine Mädchen ahnt gar nicht, was sie für ein Glück gehabt hat. Ahnungslos schlendert sie auf dem Fussweg entlang, um ihrer Mutter entgegenzugehen, die sie abholen wollte. Auf ihrem Weg bleibt sie vor einem Schaufenster stehen, indem ausgelegte Bücher zu bewundern sind. Aus einiger Entfernung hört man ein deutliches Pfeifen. Die Erkennungsmelodie des Kindermörders. Nur das Kind weiss das nicht. Die Kamera folgt dem unbeschwerten Mädchen, das als einzige nicht ahnt, welches Schicksal sie bedroht. Das Pfeifen kommt näher, da rennt sie ihrer Mutter in die Arme. Zu dieser Zeit wird Berlin bereits seit acht Monaten von einem unberechenbaren Kindermörder heimgesucht.

Kinder sind alleine kaum noch auf den Strassen anzutreffen, jede Mutter fürchtet, ihr Kind könne mittags aus der Schule nicht nach Hause kommen. Die Zahl der Opfer steigt unaufhörlich, die Polizei ist ratlos und wird von dem Mörder an der Nase herumgeführt, der in der Zeitung einen Brief veröffentlichen lässt, dass er mit dem Töten noch lange nicht fertig sei. Krisenstäbe werden einberufen im Berlin der 30er Jahre, die Bürger werden unruhig, verdächtigen ihren eigenen Nachbarn, ihre eigenen Familienmitglieder, jeden, der mit einem Kind auf der Strasse gesehen wird. Nicht nur die Polizei denkt sich neue Methoden aus, sondern auch die Unterwelt, denn deren Leben ist durch den Serienmörder ebenfalls schwieriger geworden. Die Polizei führt seit einiger Zeit fast täglich Razzien in Bars und Clubs durch, man kann sich nirgendwo mehr aufhalten, ohne einem „Bullen“ in die Arme zu laufen. Die Gangster sagen dem Gejagten den Kampf an. Man organisiert sich. Der Kampf gegen den Mörder entwickelt sich auch zu einem Kampf zwischen denen, die das gleiche Ziel verfolgen.

In dem Sinne ist Fritz Langs unverwüstlicher Klassiker M von 1931 nicht etwa nur die Studie eines Mörders, der sich scheinbar nicht kontrollieren kann und zum brutalen Mörder unschuldiger Kinder wird. Stattdessen ist es eine intensive Studie darüber, wie ein derartiger Mensch die Gesellschaft, in der wir leben verändern kann. Die Auswirkungen dieser Taten sind unübersehbar, die Bürger sind zu Nervenbündeln geworden, fähig, jeden Menschen anzugreifen, den sie für verdächtig befinden ohne dafür einen stichhaltigen Grund zu brauchen. Fritz Lang präsentiert innerhalb dieses Konzepts nicht nur einen erstklassigen Thriller, als sich herauskristallisiert, wer der Mörder ist und man die Hetzjagd auf ihn eröffnet. Lang bietet auch einen sehr tiefen Einblick in die Arbeit der Polizei zu jener Zeit, indem er in langen Gesprächen und Tischrunden die Ordnungshüter den Zuschauer aufklären lässt, welche Schritte sie eingeleitet haben und wie man einem derartigen Mörder am besten auf die Spur kommen kann.

In diesen frühen Szenen offenbart sich bereits die technische Brillanz des Regisseurs, der alle technischen Möglichkeiten seiner Zeit ausgeschöpft hat, wie er es bereits in Metropolis sieben Jahre zuvor getan hat, was einer der Gründe dafür sein mag, dass M derart gut gealtert ist. Der Tonfilm war noch nicht alt und Fritz Lang experimentierte ausführlich mit der neuen Errungenschaft, indem er mithilfe von Dialogen einige Szenen ineinander über laufen liess, wie die Szenen, in denen die Gangsterbanden und die Polizei darüber diskutieren, wie sie den Mörder fassen können. Gesetzesbrecher und Gesetzeshüter werden hier nicht nur offensichtlich verglichen, sondern es wird direkt aufgezeigt, wie sehr sich ihre Pläne, ihr Denken und ihr Handeln ähneln. Was heute banal anmutet, erwies sich damals als revolutionär, doch Fritz Lang wartet mit mehr aus als lediglich mit Ton- oder Schnittexperimenten.

Auffallend sind vor allem die ungewöhnlichen Kamerapositionen auf Dächern oder unter Tischen, die starke Beleuchtung und die hervorragenden Schauspieler, von denen Peter Lorre als Kindermörder, der sich selber nicht kontrollieren kann hervorsticht. Im Finale dieses Werks legt er die ganze Palette seines schauspielerischen Könnens dar und offeriert eine ekstatische Ein-Mann-Show, die mithilfe der Kameraeinstellungen unmittelbar zu fesseln vermag und zu den stärksten, eindrucksvollsten Momenten der Filmgeschichte gehört.

Symbolhaft sind die unendlich dicht scheinenden Rauchschwaden, durch die sich der Zuschauer seinen Blick zu bahnen versucht. Die Tatsache, dass scheinbar jeder Charakter in diesem Film ohne Unterbrechung Pfeife, Zigarette oder Zigarre raucht und den Raum mit dicken Schwaden erfüllt, ist die Metapher für die Undurchsichtigkeit des Falles, für die Ohnmacht des Apparates, der den Mörder dingfest zu machen versucht. Zudem ist M ein äusserst couragiertes Porträt über die Unzurechnungsfähigkeit, die es einem Mörder unmöglich macht, seine Taten zu kontrollieren oder vor Gericht dafür zur Todesstrafe oder zu einem Gefängnisaufenthalt verurteilt zu werden. In einer Zeit, als es Urteile wegen Unzurechnungsfähigkeit noch nicht gab, schuf Fritz Lang diesen Film und deutete mit dem Finger auf die juristischen Probleme dieses Landes, womit M als Monument für die deutsche Aufklärung der Vorkriegsära bestehen kann.

Ein spannungsgeladener Thriller über die Verfolgung eines Wahnsinnigen, ein einfühlsames Porträt über das innere Drama eines Unzurechnungsfähigen, der jeden Tag mit sich selber kämpft, eine detaillierte Schilderung über den Polizeiapparat in quasi-dokumentarischen Szenen, die kunstvoll und technisch brillant ineinander verschmolzen werden. Eines der grossen Meisterwerke des deutschen Tonfilms, das mit Peter Lorres Darstellung eine der besten schauspielerischen Leistungen der Vor- und Nachkriegszeit aufzuweisen hat.

Stephan Eicke
film-rezensionen.de

M – Eine Stadt sucht einen Mörder

Deutschland 1931 - 117 min.

Regie: Fritz Lang
Drehbuch: Thea von Harbou, Fritz Lang
Darsteller: Peter Lorre, Gustaf Gründgens, Ellen Widmann
Produktion: Seymour Nebenzahl
Musik: Edvard Grieg
Kamera: Fritz Arno Wagner
Schnitt: Paul Falkenberg

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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