Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun Jugend im Spätkapitalismus
Kultur
Ronald Schernikau hat mit gerade mal 20 Jahren seinen Roman „Kleinstadtnovelle“ herausgebracht und wird 1980 zum Interview ins Fernsehen eingeladen.

Mehr Artikel
Still aus dem Film "Freizeit oder: Das Gegenteil von Nichtstun". Foto: OKNO und Markus Koob.
1
0
Schernikaus Buch handelt vom Leben und Träumen von 17 jährigen Jugendlichen in einer kleinen Stadt in der BRD. Was sagt das Buch Gleichaltrigen 37 Jahre später? Das ist das Thema von Pitzens Film. Knapp 70 Minuten wird eine Gruppe politisch aktiver junger Menschen gezeigt, geschlechtergerecht, zwei männlich und drei weiblich gelesene Personen. Sie stehen kurz vor dem Abitur und am Duktus ihrer Gespräche ist erkennbar, dass sie einen bürgerlich-mittelständischen Hintergrund haben. Das ist eine Feststellung und keine Kritik.
Wir sehen die jungen Menschen beim Malen eines antifaschistischen Transparents, das in der nächsten Szene schon am Lautsprecherwagen einer linken Demonstration zu sehen ist. Dann sitzen die zwei jungen Männer im Grünen und diskutierten einen polizeikritischen Leitartikel von Heribert Prantl in der Süddeutschen Zeitung (SZ). Auffällig ist, wie sich die beiden jungen Radikalen über die kritischen Worte in der SZ freuen. Sie überlegen, wie toll es doch wäre, wenn der Text als Leitartikel abgedruckt würde. Doch einer der jungen Männer macht den Einwand, dann könnte er wohl nicht so radikal formuliert werden. Es fällt auf, wie reflektiert die jungen Leute sind. Dass wird in den zahlreichen Gesprächen, die die Gruppenmitglieder untereinander führen, sehr deutlich. In einer Szene geht es um die Vorbereitung von Aktionen gegen Gentrifizierung, in einer anderen diskutieren die zwei Frauen über ihre alltäglichen sexistischen Erfahrungen.
Wer verändert die Welt?
Besonders beeindruckend fand ich, wie sich die jungen Leute im Film mit linker Kultur befassen. So liest einer von ihnen aus einem Artikel über Klassen und Klassenkampf vor, den Theobald Tiger alias Kurt Tucholsky 1930 in der Weltbühne geschrieben. Auch hier sieht man, wie es die jungen Leute bewegt und sie sich fragen, was der Text mit ihnen zu tun hat. In der letzten Einstellung schauen sich die Jugendlichen die berühmte letzte Szene des Films „Kuhle Wampe“ von Bert Brecht an. Dort sieht man eine Gruppe junger Kommunist*innen in einem Zugabteil darüber sinnieren, wer die Welt verändern wird. Die Szene endet mit dem Satz: „Die werden die Welt verändern, denen sie nicht gefällt.“
Auch hier sieht man wieder, wie die Dialoge die jungen Leute bewegt. Für sie sind es keine historischen Fragen. Ihnen gefällt die Welt nicht, das wird im Film klar. Doch haben sie ein Interesse, die Welt zu verändern, das über die moralische Empörung hinausgeht? Wenn einer der Protagonisten sagt, dass alle Menschen es verdient hat, in einer Wohnung zu leben, in der sie genug Platz und Sicherheit haben“, dann geht es nicht mehr nur um die Frage, wem die Welt nicht gefällt, sondern wer ein Interesse daran hat, sie zu verändern. Dass die Antworten da oft weit auseinandergehen ist bekannt und hat vor mehr als 50 Jahren im Zuge der 68er Bewegung viele junge Linke von der moralischen Empörung zur Beschäftigung mit dem Kommunismus gebracht.
Ihnen hat der Schriftsteller Uwe Timm in seinem Roman Rot im wahrsten Sinne des Wortes eine literarische Totenrede gewidmet. Eine zentrale Figur des Romans heisst Aschenbrenner, der in der 68er Bewegung zum Kommunisten wurde. An einer Stelle des Romans wird aus Notizen zitiert, die sich der junge Aschenbrenner als linker Aktivist zu Fragen des Wohnraums gemacht hat.
„Im Zentrum von München, am Englischen Garten stehen Bankgebäude, Versicherungen, Bayerische Hypotheken Bank, Allianz, Münchner Rückversicherung, seht Euch die Gebäude an, am Abend, nachts, an Feiertagen, leer und tot stehen sie da. Statt dass dort Familien mit Kindern wohnen, wohnt dort das Kapital. Und die Leute finden es auch noch vernünftig, weil es ja die teuersten Grundstücke sind. Es ist das Unvernünftigste. Das muss umgewertet werden.“ Uwe Timm, Rot, Kiepenheuer & Witsch
Aschenbrenner stellte sich also in der Nachfolge von 1968 die gleichen Fragen, die sich die jungen Leute 2017 im Film gestellt haben. Und er bemerkt den Unterschied zwischen denen, denen die Welt nicht gefällt und denen, die ein Interesse daran haben, sie zu verändern.Man kann nur wünschen, dass diese grundsympathischen jungen Linken aus dem Film, die ebenso wie die Figuren im Roman von Uwe Timm die Ecken, Kanten und Wände des bürgerlichen Staates zu spüren bekommen werden, das Ziel, die Welt zu verändern, nicht nur aus moralischen Gründen verfolgen, sondern auch weil die grosse Mehrheit ihrer Bewohner*innen daran ein Interesse haben müsste.
2021 als der Film erscheint, schrieb ich in einer Besprechung: „Gern würde man einen Film sehen, der die gleichen Personen nach 5, nach 10, 15 oder 20 Jahren noch einmal befragt. was aus den Utopien und Hoffnungen ihrer Jugend geworden ist. Nun sind fast 8 Jahre nach dem Dreh des Films vergangen und es.
Freizeit oder: das Gegenteil von Nichtstun
Deutschland
2021
-71 min.
Regie: Caroline Pitzen
Produktion: Philipp Froehlich, Caroline Pitzen, Ljupcho Temelkovski
Kamera: Markus Koob
Schnitt: Caroline Pitzen


