UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Alien: Romulus

Alien: Romulus Im Weltraum hört dich niemand malochen

film-677583-70

Kultur

Der bislang letzte Spielfilm der Alien-Franchise zeigt, dass der wahre Horror nicht von den ausserirdischen Lebensformen ausgeht, sondern von der Arbeit für einen Megakonzern.

Xenomorph aus dem Film Alien: Romulus.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild vergrössern

Xenomorph aus dem Film Alien: Romulus. Foto: Eden, Janine and Jim (CC-BY 2.0 cropped)

Datum 22. Mai 2026
0
0
Lesezeit6 min.
DruckenDrucken
KorrekturKorrektur
Der Franchise-Film ist die Geissel des gegenwärtigen Kinos. Von der Notwendigkeit verflucht, bis in alle Ewigkeit die Kapitalbewegung am Laufen zu halten, produzieren die grossen Filmstudios hauptsächlich Fortsetzungen erfolgreicher Filme. Was sich einmal verkauft hat, verkauft sich sicher ein zweites, fünftes oder siebtes Mal. Doch bekommt das Publikum dabei den entsprechenden Unterhaltungswert für seinen Geldwert geboten? Kann die immer nächste Fortsetzung halten, was der grosse Name verspricht? Fragen, die für den folgenden Text nicht relevant sein werden.

Diese Rezension verfolgt einen anderen Ansatz und möchte den Film „Alien Romulus“ (2024) nicht unter der Massgabe prüfen, ob dieser ein würdiger Vertreter des Alien-Franchise ist. Vielmehr soll geklärt werden, was der Film einem Publikum im 21. Jahrhundert erzählen möchte, welches schon mehr als einmal Facehugger, Xenomorphe, Hybride und Androiden über die Leinwand hat flimmern sehen.

Perspektive: Lungenkrebs

Der Film hält sich nur kurz damit auf, Bilder zu zeigen, welche das berühmte Alien ankündigen und setzt schnell den Fokus auf die Protagonistin der Handlung, Rain. Sie lebt mit ihrem „Bruder“ Andy, einem Androiden, auf einer Bergbaukolonie des aus den vorangegangenen Filmen bekannten Megakonzerns Wayland-Yutani und träumt von Sonnenaufgängen. Warum, wird mit einer einfachen Bildunterschrift deutlich:

„Minenkolonie Jackson's Star
Einwohnerzahl: 2781
Lichtjahre zur Erde: 65
Tageslichtstunden pro Jahr: 0“
So stapfen die Gestalten im Film fortwährend durch eine ewige Nacht im Schein industrieller Beleuchtung und glühender Eisen. So lebensfeindlich wie die Lebensbedingungen sind auch die Arbeitsbedingungen. Die Kolonie ist bevölkert von Teenagern; die meisten ihrer Eltern sind bereits gestorben. „Lungenerkrankung durch Minenarbeit“ erfährt man. Kein Wunder also, dass Rain und ihre Freunde beschliessen, vom Planeten zu fliehen. Sie wollen „[…] einfach nicht so enden, wie unsere Eltern“. Um jedoch den nächsten bewohnbaren Planeten erreichen zu können, benötigen sie Kryokapseln. Diese hoffen sie, im Orbit auf dem Wrack der Forschungsstation Renaissance zu finden. Dort angekommen verläuft natürlich nichts mehr nach Plan.

Romulus Labor

„Die Station ist in zwei Hälften unterteilt: Romulus und Remus. Beide sind unserem Streben gewidmet, die Rolle des Menschen in den Weiten des Alls zu verbessern.“

Schon der Flug zur Raumstation bringt eine Gewissheit: Nachdem ihr Schiff die Wolkendecke durchstösst, sieht Rain zum ersten Mal die Sonne. Das Problem war also nie, dass ihr Planetensystem keine Sonne besitzt, sondern dass diese durch die Bergbauemissionen auf dem Planeten verdunkelt wurde. Die Botschaft sollte spätestens hier deutlich werden: Das Verwertungsinteresse des Konzerns nimmt keinerlei Massstab an der Erhaltung einer lebenswerten Umwelt für die Menschen und verschlechtert diese sogar aktiv.

Dies wird auch an Bord der Renaissance deutlich, denn dorthin hat man die Überreste des Aliens gebracht. Schnell wird klar, dass die Experimente mit den Xenomorphen auf der Raumstation schrecklich schiefgegangen sind und die Lebensformen die gesamte Station kontaminiert haben. Für die Gruppe geht es von nun an um das nackte Überleben. Die Bilder, die hier gezeigt werden, sind sicherlich schon aus anderen Filmen der Reihe bekannt. Interessant ist jedoch der Gegenstand der Forschungsarbeit, welcher sich auf der Station gewidmet wurde: die Erschaffung von hybriden Lebensformen aus Menschen und Xenomorphen.

Der neue Mensch

„Die Menschheit war nie wirklich für die Kolonisation des Alls gemacht, sie ist schlicht zu fragil, zu schwach. […] Der perfekte Organismus, das sollte doch den Menschen beschreiben. Also habe ich diesen Fehler korrigiert. Ich nahm dieses Geschenk an, für die Menschheit.“

Da der Film wie auch seine Vorgänger eindrücklich bewiesen haben, welche Gefahr von den Aliens ausgeht, erscheint das Experiment, Hybride aus Menschen und Xenomorphen zu schaffen, einigermassen wahnsinnig, die Idee folgt jedoch einem klaren Kalkül. Dass „der Mensch“ als Mangelwesen gilt, ist sicherlich keine Erfindung dieses Films. Man sollte sich jedoch sehr genau fragen, wo dieses Defizit „des Menschen“ eigentlich liegen soll? Für sich genommen funktioniert der menschliche Körper hervorragend. Es lohnt sich daher die Problemstellung umzudrehen: Was haben Leute, die diese Frage an den Menschen herantragen, eigentlich mit ihm vor?

Immerzu stösst die Ware Arbeitskraft im kapitalistischen Reproduktionsprozess an die physischen Grenzen des Menschen, an denen diese Funktion nun einmal untrennbar hängt. Schon die elementarsten Körperfunktionen werden so zur Schranke der unbegrenzten Benutzung dieser Ware, die sich die Unternehmen mit ihrem Geld einkaufen. Debatten zum Thema gibt es reichlich: von der Dauer des Arbeitstags, über den Arbeitsschutz bis zu den Pinkelpausen bei Lieferant*innen.

Diese Perspektive stellt nicht menschliches Leben ins Zentrum der Überlegung, sondern etabliert einen eigenen Massstab, der den Menschen allein unter Verwertungskriterien in den Blick nimmt. Für Wayland wird es zum Problem, dass die Arbeiter*innen in ihren Minenkolonien sterben wie die Fliegen. Nicht weil es um Menschenleben geht, sondern weil dem Konzern Arbeitskraft abhandenkommt. Die Teenager im Film versuchen, dieser Logik zu entfliehen.

Dieser Film setzt den Trend der neueren Alien-Teile wie „Prometheus“ (2012) und „Covenant“ (2017) fort und entmystifiziert das Alien zugunsten gesellschaftlicher Diskurse. Einige mögen hierin einen Affront sehen, doch diese Dekonstruktionsleistung ist grundsätzlich zu begrüssen, nur weiss der Film damit wenig anzufangen. In „Alien Romulus“ obsiegt am Ende „der Mensch“ über „das Unmenschliche“. Dies wird von der Erzählung einfach gesetzt. Der Film wird so zum Anwalt für einen unüberwindbaren Kern der Humanitas, welcher, hierin liegt die Antinomie des Films, die ganze Zeit grundsätzlich bestritten und angegriffen ist – in der Fiktion, wie auch der Welt.

Schwester und Bruder entschwinden am Ende in den Weltraum in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Doch eine Perspektive für die Gesellschaft gibt es zu keinem Zeitpunkt. Trotz seiner kritischen und in Teilen antikapitalistischen Haltung ist es fraglich, ob die im Film vorgestellten Argumente tatsächlich an den herrschenden Überzeugungen rütteln können. Die kapitalistischen Verhältnisse unserer Gegenwart sind jedenfalls so stabil, dass Entertainmentkonzerne wie Disney, dem mittlerweile die Rechte am Alien-Franchise gehören, selbst Kapitalismuskritik noch gewinnbringend verkaufen können. Dies könnte daran liegen, worin diese Kritik hauptsächlich besteht.

Sie ist nämlich keinesfalls grundsätzlicher Natur, sondern zeigt, wie für Disney üblich, systemische Zumutungen, die am Ende zu nichts anderem taugen, als (erfolgreiche) Bewährungsproben für die Protagonist*innen zu sein. Darin treffen die Filme, in ihrer ewigen Reproduktion auch ein Bedürfnis des Publikums, welches sich in seinen täglichen (Arbeits-)Kämpfen gerne als Sieger sehen möchte. In einer Ökonomie, welche notwendig viele Verlierer*innen und nur wenige Gewinner*innen produziert. Vor diesem Hintergrund scheint die Aussicht für Rain tatsächlich utopisch. Ihr stehen zur Flucht ein Raumschiff und andere Planten zur Verfügung. Uns nicht.

Alien: Romulus

USA

2024

-

119 min.

Regie: Fede Álvarez

Drehbuch: Rodo Sayagues, Fede Álvarez

Darsteller: Cailee Spaeny, David Jonsson, Archie Renaux

Produktion: Walter Hill, Ridley Scott

Musik: Benjamin Wallfisch

Kamera: Galo Olivares

Schnitt: Jake Roberts

9521