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Kultur

Rezension zum Film von Pablo Trapero El Clan

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"Wir hatten ja keine Ahnung!", hört man es von Nachbarn gefasster Kidnapper und Mörder. Der Film «El Clan» von Pablo Trapero spielt mit dieser Unwissenheit und greift dabei auf seine realen Hintergründe zurück. Den schwachen Dialogen sowie Charakteren ist es dann aber auch geschuldet, dass die Rechnung nicht ganz aufgeht. Der starken Vorankündigung folgt ein eher seichter Krimi ohne wirkliche Bezugsperson.

Der argentinische Regisseur Pablo Trapero am Cine Arte in Viña del Mar, Chile.
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Bild: Der argentinische Regisseur Pablo Trapero am Cine Arte in Viña del Mar, Chile. / FIC VIÑA (CC BY-SA 2.0 cropped)

13. Juli 2016
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Die Mutter bereitet das Abendessen vor. Der Vater bittet um einen fertigen Teller für den Gast. Mit dem vollen Teller in der Hand macht er sich auf den Weg, eine heitere Musik ertönt und begleitet ihn. Sie führt ihn entlang des Esszimmers, durch das Wohnzimmer, wo er den Sohn auffordert seiner Mutter zu helfen, die Stufen hinauf in die erste Etage. Er klopft an die Tür seiner Tochter, den Teller noch immer vor sich haltend, und erinnert sie an das bevorstehende Abendmahl. Dann schliesst er sie wieder und geht weiter den Korridor entlang. Vor dem Badezimmer macht er halt, öffnet das Schloss, die Musik verstummt. Ein verängstigter Mann sitzt angekettet und mit einem Sack über dem Kopf in der Badewanne. Der Vater betritt das Badezimmer und schliesst die Tür hinter sich.

Eine Kamera, eine Szene – reine Gänsehaut. Der Teaser zum argentinischen Krimi wirft einen kurzen, aber bleibenden Blick hinter den alltäglichen Vorhang einer kidnappenden und mordenden Familie der 80er Jahre, die es tatsächlich gegeben hat. Sogleich springen einem alle erdenklichen Mafiosi-Filme in die Hirnwindungen und ein erster Vergleich zum Meisterwerk Der Pate bleibt auch nicht aus. Der fertige Film geht jedoch andere Wege.

Der Puccio Clan rund um Arquímedes Puccio (Guillermo Francella) ist wohlhabend, respektiert und ein Vorbild der Gesellschaft. Ihren Wohlstand haben Sie sich mit mehreren Geschäften über die Jahre hinweg aufgebaut – so scheint es zumindest. Hinter den Gemäuern entführen sie in Wahrheit immer wieder reiche Leute, fordern für deren Freilassung horrende Summen, und ist das Geld einmal eingetütet, bringen sie die Geiseln um. Was als Familienunternehmung begann, sät mit der Zeit Misstrauen und Angst in den eigenen Reihen. Alejandro Puccio (Peter Lanzani) ist ein Rugbystar, führt einen Sportladen und ist seit neuestem frisch verliebt. Auch er fürchtet um seine Zukunft und möchte sich von den Machenschaften seines Vaters distanzieren.

Die weibliche Fraktion der Familie hilft zwar selten aktiv bei dem Geiseldrama mit, wird aber durch die Schreie und Folterungen im Keller des Hauses psychisch beeinträchtigt und pendelt am seidenen Faden der Vernunft. Mit dem Zweifel folgt die Unachtsamkeit und so schleichen sich mit jeder weiteren Geiselnahme Fehler in die Abläufe der Kidnapper. Die Polizei ist ihnen auf der Spur und das letzte Opfer Mitglied einer einflussreichen Familie, die nicht mit sich verhandeln lässt.

Die Taten sind ebenso kaltblütig wie kalkuliert und sorgten in den 80er Jahren für grosses Aufsehen. Doch was verleitet eine Familie zu solch grausigen Taten? Diese Frage beantwortet der Film leider bis zuletzt nicht und setzt mittendrin an. Arquímedes ist das Familienoberhaupt und Dirigent der ganzen „Organisation“, wie sie sich selbst bezeichnen. Er sucht sich die Opfer aus, je wohlhabender desto besser, beschattet sie und wenn Plan und Vorbereitungen stehen, schlägt er zu. Dann werden die Geiseln immer nach dem selben Verfahren gefoltert und eingesperrt, bis die Angehörigen das Lösegeld bezahlen.

Anschliessend werden die Geiseln umgebracht und alles beginnt von vorne, während die Polizei im Dunkeln tappt und sie die Geldnoten zählen. Den Geiselnahmen steht das normale Familienleben gegenüber, die Kinder machen Hausaufgaben, Alejandro geht zum Rugby-Training, Kunden kommen ins Geschäft und der Vater besucht seine Freunde bei der Polizei, während im Keller des Hauses die Gefangenen um ihr Leben betteln.

Das gar groteske Szenario, welches sich im Schatten der Justiz abspielt, wird mit lauter und oftmals heiterer Musik begleitet. Dies ist nicht der Überzeichnung geschuldet, sondern erinnert an die Folterungen der Geiseln, bei der die Musik ebenfalls benutzt wird, um deren Schreie zu übertönen. Dies prägt sich nach weniger Zeit in das Verhaltensmuster des Films ein und sobald die tonale Untermalung erklingt, kann sich der Zuschauer auf einen Abstieg in die Abgründe einer Familie gefasst machen. Ein weiterer stilistischer Aspekt sind die schnittlosen Kamerafahrten, die schon dem Teaser ungemeines Potential verliehen.

Nach Birdman und Victoria erlebte diese Filmart neue Höhen und ist für mich persönlich immer wieder eine willkommene Abwechslung zum Schnittgewitter vieler aktueller Streifen. Die Produktion benötigt jedoch grosse Vorbereitung und höchste Disziplin, um die langen Takes fehlerfrei über die Bühne zu bringen. Deshalb werden in vielen Fällen versteckte Schnitte benutzt, die das Ganze erleichtern sollen. Leider greift der Film trotz Teasers nur in wenigen Szenen auf dieses Werkzeug zurück, welche ihren Eindruck nicht verfehlen und Lust auf mehr machen.

El Clan mag auf den ersten Eindruck nach einem weiteren Mafiosi-Film aussehen, entpuppt sich aber nach weniger Zeit als makaberes Familiendrama. Aus zunächst erwarteter Loyalität und Gangstermentalität entspringt Zwietracht und Angst innerhalb der Familie. Letztere ist omnipräsent und erschüttert viele Mitglieder des Puccio Clans auf ihre ganz eigene Weise. Während manche ihr Heil in der Flucht suchen, bleiben andere bis zum Schluss und hoffen auf das Urteilsvermögen ihres Vaters.

Wo wir auch bei einem der wohl grössten Kritikpunkte des Films wären: Die Charaktere wirken austauschbar und besonders Arquímedes ist weit davon entfernt, seiner Rolle als Familienoberhaupt gerecht zu werden. Er ist alt, unsympathisch und von Autorität fehlt zumindest im fertigen Film jegliche Spur. Die zunächst geglaubte Hommage an Der Pate ist in Wahrheit ein Familiendrama innerhalb der eigenen vier Wände, das sich durch seine interessanten biografischen Hintergründe sehen lassen kann, aber aufgrund gesichtsloser Charaktere an Präsenz einbüsst.

Thorleiv Nicolai Klein
film-rezensionen.de

El Clan

Argentinien

2015

-

110 min.

Regie: Pablo Trapero

Drehbuch: Pablo Trapero

Darsteller: Guillermo Francella, Peter Lanzani, Lili Popovich

Produktion: Pedro Almodóvar, Agustín Almodóvar

Musik: Vicente D´Elía

Kamera: Julián Apezteguia

Schnitt: Alejandro Carrillo Penovi

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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