UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Einer von uns | Untergrund-Blättle

3759

Kultur

Rezension zum Film von Stephan Richter Einer von uns

Kultur

„Einer von uns“ ist das zugleich spannende wie trostlose Porträt einer Gesellschaft, deren Mittelpunkt ein Supermarkt bildet. Da treffen schicke Endlosregale auf bittere Wegwerfbilder, die Wut der Verlierer auf die Langeweile der Ungewollten, bis hin zum erschütternden Finale, das einen als Zuschauer hilflos zurücklässt.

Der österreichische Filmregissuer Stephan Richter.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Der österreichische Filmregissuer Stephan Richter. / Kermitdafrog1980 (CC BY-SA 4.0 cropped)

27. November 2016
2
0
4 min.
Korrektur
Drucken
Die Möglichkeiten in der kleinen österreichischen Vorstadt sind begrenzt, die Zukunftsaussichten sind es auch, kaum ein Jugendlicher hat ein echtes Ziel vor Augen. Während Michael (Dominic Marcus Singer) immerhin eine Stelle in dem lokalen Supermarkt von Herr Winkler (Markus Schleinzer) bekommen hat, vertreiben sich die Jugendlichen Julian (Jack Hofer) und Marko (Simon Morzé) auf dem angrenzenden Parkplatz nur die reichlich vorhandene Zeit. Auch der arbeitslose und kürzlich von seiner Freundin verlassene Victor (Christopher Schärf) zieht es dorthin, hofft er doch, dort endlich in der Fleischabteilung einen Neuanfang starten zu können.

In Deutschland haben nicht allzu viele wirklich Notiz von dem Vorfall genommen, Österreich war 2009 jedoch zutiefst erschüttert, als ein gerade einmal 14-jähriger Einbrecher in einem Supermarkt von einem Polizisten erschossen wurde. Auch Stephan Richter, der hier sein Langfilmdebüt als Regisseur und Drehbuchautor gibt, hatte die Geschichte so sehr mitgenommen, dass er sie Jahre später zum Anlass von Einer von uns nahm. Eine reine Wiedererzählung der Ereignisse ist das Drama jedoch nicht, vielmehr ein präziser und schmerzhafter Blick auf eine auseinanderbrechende Gesellschaft.

Der erste Abstecher in den Supermarkt erzählt dabei natürlich eine ganz andere Geschichte. Adrett sind sie aufgebaut, die vielen mal mehr, mal weniger sinnvollen Produkte, die immer so platziert sind, dass sie einem ins Auge stechen. Dem Zufall wurde dabei nichts überlassen. Kunststück, schliesslich geht es hier darum, Geld zu verdienen. Wie Kunst sieht das Ergebnis dann auch aus, die nicht enden wollenden Gänge, die keinen Raum übriglassen. Nicht für den Zufall. Nicht einmal für Menschen: In Einer von uns sind so wenige unterwegs, dass man sich zuweilen fragt, ob da überhaupt noch jemand in der österreichischen Vorstadt lebt.

Die Antwort darauf, die ist dann auch nicht auf den bunten Verpackungen oder den Werbeaufstellern zu finden, sondern da, wo eigentlich niemand hinschauen soll: Immer wieder werden Bilder eines Müllcontainers gezeigt, in denen die nicht verkauften Lebensmittel landen. Es ist die Kehrseite einer Wegwerfgesellschaft, in der alles entsorgt wird, was nicht zu gebrauchen ist: Essen, Kleidung, Menschen. Das ist schon während der „normalen“ Szenen unangenehm bis traurig, wie hier Leute vergeblich um eine Zukunft kämpfen, die Perspektivlosigkeit in Alkohol oder Drogen zu vergessen versuchen – Einer von uns ist vergleichbar zum Schweizer Kollegen Chrieg ein Blick in die Abgründe, das Porträt einer Gruppe vergessener oder verdrängter Verlierer.

Dass diese sich um einen Supermarkt herum versammeln, gibt dem Ganzen eine besonders bittere Note. Wenn schon keine Werte oder Visionen die Menschen eint, dann doch immerhin der Kommerz. Und sei es eine kleine Plastikpistole für die Tochter. Dabei ist der österreichische Film zugleich äusserst spannend, denn die unterkühlten Bilder und die unheimliche, teils durch Rap ergänzte Musik lassen einen von Anfang an nichts Gutes ahnen. Selbst wer nichts über die Geschichte weiss, spürt hier schnell, dass etwas unfassbar Tragisches in der Luft liegt. Immer intensiver wird sie Stimmung, der Umgang untereinander feindseliger und von Beleidigungen wie Drohungen geprägt. Unter der trügerischen Ruhe rumort es: im Supermarkt, in der Vorstadt, im Land. Und am Ende? Die Fassungslosigkeit, wie etwas Derartiges passieren konnte. Trauer. Wut. Denn so willkürlich die Reaktion des Polizisten auch erscheint, so ist sie doch das fast schon logische Ergebnis einer Gesellschaft, in der die Menschen keinen Platz mehr finden, weder für sich, noch für die anderen.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Einer von uns

Österreich

2015

-

88 min.

Regie: Stephan Richter

Drehbuch: Stephan Richter

Darsteller: Jack Hofer, Simon Morzé, Christopher Schärf

Produktion: Arash T. Riahi, Karin C. Berger

Musik: Maja Osojnik, Matija Schellander

Kamera: Enzo Brandner

Schnitt: Andreas Wodraschke, Julia Drack

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Der französische Schauspieler Michel Bouquet spielt in Claude Chabrols Drama «Vor Einbruch der Nacht» den erfolgreichen Pariser Werbefachmann  Charles Masson.
Rezension zum Film von Claude ChabrolVor Einbruch der Nacht

01.06.2016

- Der für Chabrol typische Blick hinter die Fassade der Bourgeoisie - kann dieser Thriller dem Genre noch etwas Neues abgewinnen?

mehr...
Vorort Hölle 2
PropagandaVorort Hölle 2

12.03.1999

- Vorort Hölle II - Propaganda - Archiv - Ausgabe 14 - Untergrund-Blättle

mehr...
Telli Aarau
FotoreportageTelli Aarau

24.10.2021

- Das Telli ist eine Blocksiedlung, welche vom Architekten Hans Marti entworfen wurde und zwischen 1971 und 1991 in Aarau erbaut wurde.

mehr...
’Märkte als Richter’ - Stephan Pühringer über Merkels Sprechen über die Krise

19.10.2015 - Selbst nun, da sich die ursprüngliche Skepsis gegenüber Merkels Rhetorik in der Geflüchtetenkrise mehr und mehr bestätigt, steht die deutsche ...

Die Zeit der Forderungen ist vorbei - Banlieues in der Pariser Vorstadt

07.10.2010 - Der polizeilich verschuldete Tod zweier Jugendlicher in einer Pariser Vorstadt löste im Herbst 2005 eine wochenlange Revolte aus, die sich rasch über ...

Dossier: Israel und Palästina
Dossier: Israel und Palästina
Propaganda
Shop until you drop

Aktueller Termin in Frankfurt am Main

Ausstellungen im Hochbunker geöffnet

Diesen Winter öffnen wir erstmals einmal im Monat den unbeheizten Bunker, jeweils von 11:00 – 14:00 Uhr

Sonntag, 23. Januar 2022 - 11:00

Hochbunker, Friedberger Anlage 5-6, 60314 Frankfurt am Main

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle