Vergessenes Leid
Fast genau 35 Jahre ist es her, dass der Irak sein Nachbarland Kuwait angriff und damit den Zweiten Golfkrieg im Mittleren Osten entfachte. Die UN reagierte wiederum mit einem Wirtschaftsembargo, das in der irakischen Bevölkerung zu verheerenden humanitären Zuständen führte. Das eigentliche Ziel dieser Sanktionen, Hussein und seine Regierung, blieb von den Konsequenzen nahezu unbehelligt. Mit seinem Spielfilmdebüt möchte uns Hasan Hadi ins Gedächtnis rufen, was seit den Anschlägen des 11. September 2001 und unzähligen daraus hervorgegangen Bombast-„Anti“-Kriegsfilmen aus Hollywood (Jarhead – Willkommen im Dreck (2005), Green Zone (2010) und American Sniper (2014) seien als Beispiele genannt) nur noch die wenigsten beschäftigt: Wie sehr seine Landsleute einst unter Hussein litten, wie wenig sich der Diktator für das Elend seines Volks interessierte und wie dieses zu indoktriniert war, um die eigene katastrophale Situation richtig einschätzen zu können.Leise beginnend, laut nachhallend
Grösstenteils spannungsarm könnte man die Handlung von Ein Kuchen für den Präsidenten nennen – und würde den Film damit nicht beleidigen. Denn das Drehbuch von Hadi dient in erster Linie dazu, authentische Eindrücke (das Schul- und Kulturleben, die medizinische Versorgungslage und Polizeistrukturen) aus dem Alltagsleben der Irakis sowohl im ländlichen als auch städtischen Raum zu gewinnen und verzichtet deshalb auf allzu viele auffällig inszenierte Schockmomente … zumindest bis zu den letzten fünfzehn Minuten. Denn erst ganz zum Schluss zeigt sich expliziter, wie der Krieg und dessen Konsequenzen das Leben eines Kindes auf individueller Ebene radikal verändern können. Eine plötzliche Wucht, die einen schlucken lässtVisuelle Kraft und stilles Schauspiel
Vorher beeindruckt das Drama in zahlreichen Szenen mit detailreichen Kulissen und einer Riege von Nebencharakteren und Statisten, die für sich alleine nur einen kleinen Einfluss auf die Geschichte nehmen, aber zusammen ein stimmiges Mosaik einer verkümmernden und doch lebendigen Gesellschaft ergeben. Eine Gesellschaft, die immer noch nicht aufgehört hat, den Namen ihres Präsidenten und Führers in einem Atemzug mit Gott zu nennen und sein Porträt in nahezu jedes Büro, jede Halle und jeden Gang hängen lässt – wie uns Hadi in gefühlt jeder zweiten Einstellung demonstriert. Neben diesem einprägsamen Motiv, den üppigen Sets und einem ungewöhnlichen Bildformat mit abgerundeten Ecken wirkt es fast schon überraschend, dass die restliche Kameraarbeit des Gewinners der Camera d'Or in Cannes fast schon konservativ wirkt.Nicht unerwähnt bleiben sollte auch das Schauspiel der beiden Kinderdarsteller Nayyef und Qasem, die die Handlung über weite Strecken alleine tragen müssen und das mit einer ausdruckslosen, aber zu den Umständen passenden Miene tun. Erneut ist es das Ende, bei dem sich vor allem Nayyef mit ihrer Darbietung übertrifft und die darauffolgende Epilogszene umso zynischer erscheinen lässt.



