UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Ein einfacher Unfall

Ein einfacher Unfall Heimlich gedreht

film-677583-70

Kultur

Ein einfacher Zufall“ erzählt mit zärtlicher Ironie von iranischen Ex-Häftlingen, die unvermutet auf ihren Folterer treffen und vor der Frage stehen, wie sie mit ihrem Rachebedürfnis umgehen sollen.

Der iranische Filmregisseur Jafar Panahi auf dem roten Teppich beim 78. Filmfestival von Locarno im Jahr 2025.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild vergrössern

Der iranische Filmregisseur Jafar Panahi auf dem roten Teppich beim 78. Filmfestival von Locarno im Jahr 2025. Foto: Quejaytee (CC-BY 4.0 cropped)

Datum 4. April 2026
0
0
Lesezeit4 min.
DruckenDrucken
KorrekturKorrektur
Regisseur Jafar Panahi stellt erneut seine Unerschrockenheit vor dem iranischen Regime unter Beweis, dreht aber keinen Heldenfilm, sondern ein realitätsgesättigtes Drama über menschliche Schwächen und Stärken in einer unmenschlichen Diktatur.

Vahid (Vahid Mobasseri) ist ein einfacher Mechaniker, der nur deshalb in einem der berüchtigten iranischen Gefängnisse landete, weil er für die Rechte der Arbeiter eintrat. Jahre nach seiner Freilassung sieht er aus purem Zufall seinen ehemaligen Folterer Eghbal (Ebrahim Azizi) wieder. Wie hypnotisiert spioniert er ihm nach, lauert ihm auf, schlägt ihn bewusstlos und gräbt dem Peiniger eine Grube, in der er ihn lebendig begraben will. Aber dann kommen ihm Zweifel, denn er erkennt Eghbal lediglich am Quietschen von dessen Beinprothese, gesehen hat er ihn niemals, weil ihm bei den Verhören stets die Augen verbunden waren.

Um sicher zu gehen, trifft Vahid einen ehemaligen Mithäftling. Der schickt ihn weiter zu anderen Leidensgenossen. Und so irren irgendwann die Fotografin Shiva (Maryam Afshari), das Brautpaar Goli (Hadis Pakbaten) und Ali (Madjid Panahi) sowie Shivas Ex-Geliebter Hamid (Mohamad Ali Elyasmehr) in Vahids Lieferwagen durch Teheran, inklusive der Holzkiste mit dem betäubten Verdächtigen darin. Rache oder Menschlichkeit? Das ist die Frage in Jafar Panahis gar nicht thesenhaftem, sondern liebenswert leichtfüssigem Drama über die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele.

Absurdes Dilemma

Ein einsamer, entlaubter, dürrer Baum, mitten in der Wüste. Wie in dem Stück Warten auf Godot von Samuel Beckett kommt sich Hamid vor – das aussprechend, was die Kamera zuvor dem Publikum suggeriert hatte. Selbstironie und Humor durchziehen das filmische Drama noch viel dominanter als das düstere Theaterstück über die absurden Widersprüche der menschlichen Existenz.
Die bezaubernde Leichtigkeit in Jafar Panahis Roadmovie hat jedoch nichts mit Weltflucht zu tun. Ja, die Lage der in der Wüste Gestrandeten besteht tatsächlich in einem schier ausweglosen Dilemma, in das sie ohne ihre Schuld geworfen wurden. Wie können sie die Scheinhinrichtungen und tiefen Demütigen jemals bewältigen, von denen sie im Verlauf ihrer Streitigkeiten über die Frage erzählen, ob sie den Peiniger nun umbringen sollen oder nicht? Wie eine neue Existenz aufbauen, wo sie sich doch wie lebende Tote fühlen? Kann es je eine Therapie geben, eine reinigende Konfrontation? Der Regisseur gibt darauf keine erlösende Antwort. Er zeigt unterschiedliche Bewältigungsversuche. Jede seiner Figuren geht anders mit dem Trauma der Folter um.

Der iranische Meisterregisseur, der sowohl die Goldene Palme (für Ein einfacher Unfall) wie den Goldenen Bären (2015 für Taxi Teheran) und den Goldenen Löwen (2000 für Der Kreis) gewonnen hat, weiss, wovon er spricht. Er sass wegen der erfrischenden Realitätsnähe seiner Filme mehrfach in den Gefängnissen der Mullah-Diktatur, zuletzt sieben Monate im berüchtigten Teheraner Evin-Knast, aus dem er nach einem Hungerstreik frei kam. Was er damals erlebte und von seinen Mitgefangenen erfuhr, spiegelt sich in seinem neuen Film, getreu Panahis Motto, dass alle wichtigen persönlichen Erlebnisse irgendwann Eingang in seine Kunst finden. Er könne einfach keine anderen Filme machen, sagt er in Interviews. Und er könne auch seine Heimat nicht verlassen. Das verleiht seinem jüngsten Film eine staunenswerte Zivilcourage. Anfang Dezember wurde er erneut zu einem Jahr Haft verurteilt. Das Urteil ist aber noch nicht rechtskräftig.

Heimlich gedreht

Ein einfacher Unfall, der heimlich in Teheran gedreht wurde, erzählt nur auf den ersten Blick eine einfache Geschichte. Seine Raffinesse besteht einerseits in einem wendungsreichen Drehbuch mit vielen Überraschungen und einigen besonders gelungenen Seitenhieben gegen die grassierende Korruption im Iran. Die andere grosse Stärke liegt in der Authentizität der Charaktere. Obwohl die filmischen Figuren jeweils unterschiedliche Fraktionen der iranischen Oppositionsbewegung repräsentieren, sind sie alles andere als Ideologien auf zwei Beinen. Der Film zeigt sie als komplexe Charaktere mit vielen verschiedenen Facetten. Nur so erklärt sich zum Beispiel das lange, zärtliche Telefonat Vahids mit seiner Mutter, das zunächst gar nichts zur Handlung beizutragen scheint, aber einen starken Kontrapunkt zu dessen späterem Gewaltausbruch setzt.

Sogar dem mutmasslichen Peiniger widmet das Drama lange Szenen, die ihn als freundlichen Familienvater und sensiblen Menschen zeigen. Das ist das, was sämtliche Filme Panahis auszeichnet: ein berührendes Interesse an den ganz normalen, mit sanfter Selbstironie betrachteten Widersprüchen des Menschlichen. Nur, dass es dieses Mal angesichts der finstersten Verbrechen gegen die Humanität ein noch grösseres Gewicht bekommt. Dabei ist es sicherlich kein Zufall, sondern Verbeugung vor der iranischen Frauenbewegung, dass Maryam Afshari, die Darstellerin der Shiva gegen Ende hin zu grosser Form aufläuft und für die vielleicht überraschendste Wendung des Films sorgt.

Ein einfacher Unfall

Frankreich, Luxemburg, Iran

2025

-

113 min.

Regie: Jafar Panahi

Drehbuch: Jafar Panahi

Darsteller: Vahid Mobasseri, Maryam Afshari, Ebrahim Azizi

Produktion: Jafar Panahi, Philippe Martin

Kamera: Amin Jafari

Schnitt: Amir Etminan

9500