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Die Maske | Untergrund-Blättle

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Die Identität hinter dem Gesicht Die Maske

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Ein Mann erleidet einen furchtbaren Unfall und bekommt danach das Gesicht eines anderen transplantiert.

Die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska am GoEast Film Festival 2014 in Wiesbaden.
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Bild: Die polnische Regisseurin Małgorzata Szumowska am GoEast Film Festival 2014 in Wiesbaden. / Oliver Abels (SBT) (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

21. Februar 2019

21. 02. 2019

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Was eine spannende Auseinandersetzung mit dem Thema Identität hätte sein können, wird bei „Die Maske“ zu einer etwas unentschlossenen Mischung aus Dorfsatire und persönlichem Drama, das beidem nicht ganz gerecht wird.

Die Einwohner von Świebodzin waren Feuer und Flamme, alle haben sie zusammengelegt, um sich den Traum zu erfüllen: eine 36 Meter hohe Christus-Statue, so wie in Brasilien! Nur grösser! Das himmlische Ansinnen bringt aber erst einmal nur Schmerzen mit sich, zumindest für Jacek (Mateusz Kościukiewicz). Denn der fällt während des Baus so unglücklich, dass er gerade mal mit dem Leben davonkommt. Sein Gesicht wurde sogar derart stark in Mitleidenschaft gezogen, dass er ein neues braucht. Fündig werden die Ärzte bei einem Toten, dessen Antlitz sie Jacek transplantieren. Dieses Wunder bringt ihm im Anschluss jede Menge Aufmerksamkeit, aber auch jede Menge Ärger: Irgendwie ist er den Leuten dadurch unheimlich geworden, selbst seine Familie und seine Verlobte wenden sich nach und nach ab.

Leicht? Nein, das macht es einem Małgorzata Szumowska sicher nicht. Es ist sogar eine ziemliche Zumutung, was die polnische Regisseurin und Co-Autorin da abgeliefert hat. Die Reaktionen auf ihr neuestes Werk waren dann auch sehr gemischt, von Jubelarien bis zu bösen Verrissen war alles dabei. Was verständlich ist. Nicht nur, dass Die Maske mit ihrem Angriff auf ein kleines polnisches Dorf polarisiert. Der Film selbst ist nur schwer zu fassen, oft rätselhaft, ein bisschen widersprüchlich, teilweise sogar regelrecht bizarr.

Menschen? Mir doch egal!

Mit einer solchen Szene beginnt der Film dann auch. Szumowska nimmt uns mit in einen Supermarkt, in dem offensichtlich gerade ein besonders gutes Angebot die Kundschaft anlockt. Es hat nur einen Haken: Die Kunden und Kundinnen müssen in Unterwäsche ihre Einkäufe erledigen. Was sie auch tun, ohne zu zögern reissen sie sich die Klamotten vom Leib, anschliessend reissen sie einander die Waren aus den Händen. Mit der anschliessenden Geschichte hat dieser Einstieg nichts zu tun. Er bleibt auch völlig unkommentiert. Zumindest aber legt Die Maske damit schon einmal die Atmosphäre fest, zeigt uns Menschen, die keine Scham kennen, denen andere ziemlich egal sind.

Das gilt natürlich dann auch für Jacek. Erst eine gefeierte Mediensensation wird er bald zum Buhmann des Dorfes. Einer, an dem die Leute festhalten, so lange es ihnen etwas bringt, der im Anschluss aber schnell wieder fallengelassen wird. Besonders bitter dabei: Abgesehen von seiner Schwester, die ihm auch weiterhin die Treue hält, will nicht einmal sein enges Umfeld etwas mit ihm zu tun haben. Ein Mann, der halbblind ist, kaum noch verständlich spricht und dessen Gesicht kein besonders schöner Anblick ist? Nein, danke, das braucht keiner. Die Maske ist damit eine hässliche Abrechnung mit einer Gesellschaft, die sich allein durch Äusserlichkeiten identifiziert, die sich nach aussen hin als fromm gibt, innerlich jedoch verdorben ist.

Die Identität hinter dem Gesicht

Das ist weder neu noch subtil, eigentlich spielt Szumowska nur mit den üblichen Stereotypen. Was aus verständlichen Gründen nicht bei allen Zuschauern gut ankommt. Wirklich bedauerlich ist jedoch, dass Die Maske sich mit einem offensichtlichen und spannenden Thema gar nicht auseinandersetzt: Inwiefern werden wir durch unser Gesicht definiert? Dass Jacek aufgrund seines wenig vorteilhaften Äusseren gemobbt und verstossen wird, das hätte sich jeder im Vorfeld denken können. Interessanter wäre es gewesen, wie sehr ein spezifisches Aussehen Teil der Identität ist. Ist Jacek noch derselbe, wenn er anders aussieht? Und kann man diesen Menschen dann noch so lieben wie bisher, unabhängig vom persönlichen Geschmack?

Dieser existenzielle Zugang kommt zu kurz, so wie allgemein der Film irgendwie unentschlossen ist. Die Maske, das auf der Berlinale 2018 Premiere feierte, ist einerseits Satire, gleichzeitig aber auch tragisches Drama über einen Ausgestossenen. Für beides geht Szumowska aber nicht konsequent genug vor. Nur selten entwickelt der Film die Emotionalität, die das Thema verdient. Er ist aber auch nicht so lustig oder bissig, wie es möglich gewesen wäre. So wie das Dorf mit Jacek nichts anfangen kann, so ratlos erscheint zuweilen der Streifen, was er genau anpacken mag. Was bewirkt werden soll. Ein Film, der viele auch unangenehme Wahrheiten anspricht und Denkanstösse liefert, gleichzeitig aber an der Oberfläche bleibt. Das Ergebnis ist interessant, kein Zweifel, aber doch auch irgendwie unbefriedigend. Eine Maske, von der man sich wünschen würde, mehr von dem darunter zu sehen zu bekommen.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Die Maske

Polen 2018 - 91 min.

Regie: Małgorzata Szumowska
Drehbuch: Małgorzata Szumowska, Michał Englert
Darsteller: Mateusz Kościukiewicz, Agnieszka Podsiadlik, Małgorzata Gorol
Produktion: Sabine Moser, Oliver Neumann
Kamera: Michał Englert
Musik: Adam Walicki
Schnitt: Jacek Drosio

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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