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Die Erde bebt Tradition und „Moderne“

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Zwischen Viscontis Filmen „Der Tod in Venedig“ (1971), „Die Verdammten“ (1969) und „Ludwig II.“ (1973) erscheint „La Terra Trema“ aus dem Jahr 1948 beinahe als neorealistischer Ausrutscher des italienischen Meisterregisseurs (1906-1976).

Luchino Visconti beim Dreh von «Senso», 1954.
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Bild: Luchino Visconti beim Dreh von «Senso», 1954. / Unknown (PD)

2. April 2019

02. 04. 2019

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Doch schon in seinem ersten Film „Ossessione ... Von Liebe zersetzt“ (1943), basierend auf Cains Roman „The Postman Always Rings Twice“, der von Mussolinis Zensur verboten worden und auch nach dem Krieg lange nur in verstümmelten Fassungen zu sehen war, kreuzte sich der vordergründige Neorealismus des Regisseurs mit seiner spezifischen Sichtweise einer Zeit, in der das „Alte“ nicht vergehen und untergehen will, das „Neue“ nicht kommen kann, weil es der entfremdeten Welt nicht entfliehen kann. Das „Alte“ war für Visconti der Kapitalismus, wie ihn der italienische Marxist Gramsci sah.

Schon in den beiden ersten Filmen aber, die zu Klassikern des Neorealismus zählen, aber manifestiert sich die Visconti eigene Ästhetik und Bildersprache, obwohl oder vielleicht gerade auch weil er z.B. in „Die Erde bebt“ derart „brachial“ und dicht den Einwohnern des sizilianischen Fischerdorfes Acitrezza „zu Leibe rückt“, dass dies filmisch nur durch malerische Kompositionen ausgeglichen werden kann, um nicht den Eindruck eines Dokumentarfilms zu hinterlassen. Visconti war nie Dokumentarfilmer. Tatsächlich ist „La Terra Trema“ frühes Zeugnis dafür, wie Visconti durch das filmisch intensive Ausmalen und Ausstaffieren einer spezifischen Umgebung seine Figuren zwischen Entfremdung und Leidenschaft agieren lässt, bis sie (fast) zerbrechen.

In „Die Erde bebt“ zeigt Visconti einen sozialen und kulturellen Raum, doch zugleich eben auch einen Raum der Leidenschaften, des (Auf-)Begehrens, der Rebellion nicht nur in einem kollektiven, sondern vor allem in einem humanen und individuellen Sinne. Er zeigt – und das ist Thema all seiner Filme – die Begrenztheit dieser Räume, die mit aller Tragik verknüpfte Unmöglichkeit, sie „einfach“ zu verlassen bzw. verlassen zu können.

Der Film, eigentlich als erster Teil einer nie realisierten Trilogie angelegt, deren letzter Part mit dem kollektiven Widerstand der Arbeiter enden sollte, fand die auch finanzielle Unterstützung der italienischen Kommunisten, zumal Visconti Ort und Zeit der literarischen Vorlage – ein Roman des sizilianischen Schriftstellers Verga (1840-1922) – in die Gegenwart der Zeit nach Mussolini verlegte und ausschliesslich mit Laienschauspielern von Acitrezza arbeitete. Visconti, Drehbuchautor Pietrangeli und teilweise auch Hauptdarsteller Antonio Arcidiacono fungieren in der Originalfassung des Films als Erzähler. Die Darsteller sprechen kein Italienisch – für sie die Sprache der Reichen –, sondern Sizilianisch.

Erzählt wird die Geschichte der Familie Valastro, Fischer wie ihre Vorfahren, soweit sie zurückblicken können, die hart arbeiten müssen, um ein karges Leben führen zu können, das sie kaum aus Acitrezza herausführt und herausführen kann. Die Fischer, die zweimal am Tag aufs Meer hinausfahren, müssen ihren Fang den örtlichen Grosshändlern verkaufen, die sie ausnehmen, nur mehr oder weniger Spottpreise für den Fisch bezahlen. Der junge ‘Ntoni Valastro (Antonio Arcidiacono) will sich dies nicht länger gefallen lassen und ist entschlossen, anstatt der Eltern und Grosseltern der Fischer selbst mit den Händlern zu verhandeln. Zusammen mit seinem Bruder Cola (Giuseppe Arcidiacono) muss er erkennen, wie die Händler sie betrügen. Sie werfen die zweifelhaften Waagen der Händler ins Meer und prügeln sich mit den Ausbeutern.

Die Händler verzichten auf Strafanzeigen, weil sie auf die Arbeit der Fischer angewiesen sind. ‘Ntoni sieht darin eine Chance, dem Diktat der Händler zu entkommen: Mit dem Geld, das er durch eine Hypothek auf das Elternhaus bei der Bank bekommt, kauft er sich ein eigenes Boot, um künftig auf eigene Rechnung zu arbeiten. Doch ein furchtbarer Sturm zerstört das Boot und entzieht damit der Familie Valastro die Lebensgrundlage. Die Bank beauftragt einen Anwalt, das Haus zu konfiszieren, die Familie steht vor dem Nichts und ‘Ntoni wird gezwungen, sich der Herrschaft der skrupellosen Händler wieder auszuliefern.

Am Ende steht Zerrissenheit, Bruch, Trennung. Die Familie bricht auseinander. Die eh schon bescheidenen Träume der Familienmitglieder weichen der Ärmlichkeit der Verhältnisse, der Skrupellosigkeit und der Hoffnungslosigkeit. Die Schwestern Mara (Nelluccia Giammona) und Lucia (Agnese Giammona), die zusammen mit der Mutter das Haus versorgen, müssen auf Beziehungen verzichten, ebenso ‘Ntoni, der in die hübsche Nedda (Rosa Costanzo) verliebt ist.

Der Film zeigt das unaufhaltsame Eindringen einer neuen Lebensweise, des Kapitalismus, in archaische Strukturen. Der Grossvater der Familie (Giovanni Greco) steht für das Alte, die Tradition; er kennt kein Aufbegehren, nur das duldsame Leiden und Erleiden wie sein Vater, Grossvater und alle vor ihnen. Doch der Verfall dieser Lebensweise ist deutlich zu erkennen, nicht nur an den Häusern, den Menschen, den Strassen, Wegen und der Kleidung der Einwohner. Mit dem sozialen Verfall geht der kulturelle einher, die Lebensfreude trotz Armut, das bisschen Glück und die Hoffnung auf Liebe. Die Händler lassen ‘Ntoni und seine Familie im Netz ihrer Geldwirtschaft zappeln. „Wenn ich genug Zeit habe, und die habe ich,“ sagt die Schnecke, „höhle ich den Stein.“ Die Händler haben Zeit. Am Schluss bleibt der Familie Valastro „nicht mehr als die Augen zum Weinen“.

Schon in diesem Film sind Viscontis Bilder geprägt von Üppigkeit, ja einer geradezu raumfüllenden Pracht und Intensität, die durch das Dokumentarhafte der Bilder nur schwer zu verdecken ist. Die Kamera erkundet den Raum bis in alle Einzelheiten, durchleuchtet die Häuser, das Meer bei Nacht, wenn die Fischer auf den Booten ihre Laternen anzünden. Besonders in der zweieinhalbstündigen Originalfassung des Films erstreckt sich diese Fülle der Details über den ganzen Film.

Visconti ermöglicht damit die Visualisierung des Kampfes zwischen Tradition und „Moderne“, zwischen Duldsamkeit und Rebellion. Der zunehmenden Verarmung und dem wachsenden Zerfall der familiären Strukturen entspricht der masslose Reichtum auf der anderen Seite. Der Raum dehnt sich nicht, sondern in ihm verfallen die Menschen in zerrissene Arme hier und skrupellose Händler und Reiche dort. Visconti verbirgt nicht seine Sympathie für die Fischer und seine Verachtung für die Händler, in deren Büro noch an der Wand, notdürftig überpinselt, der Name Mussolini prangt.

Aber „La Terra Trema“ ist kein Film der politischen Verurteilung, eher eine (vergebliche) Spurensuche nach den Chancen von Rebellion und Auswegen aus dem Dilemma einer Zeit des gewaltsamen Umbruchs.

Beide Filme – die lange Originalfassung sowie die deutsche, auf 91 Minuten gekürzte synchronisierte Fassung – sind auf einer Videokassette (leider nicht auf DVD) bei Arthaus erschienen. Der Vergleich beider Fassungen lohnt sich, denn in der stark gekürzten Fassung fallen insbesondere die Teile des Films der Schere zum Opfer, in denen Visconti in langen, aber nicht etwa langweiligen Kamerasequenzen den Lebensraum der Fischer erkundet. Trotz dieser Kürzungen dokumentiert auch die Synchronfassung die Aussagen des Films noch gut.

Und trotz des Alters des (schwarz-weissen) Films ist insbesondere die Bildqualität geradezu hervorragend. Der Ton enthält manchmal ein Knistern oder Rauschen, das dem Genuss des Films jedoch nichts anhaben kann.

„La Terra Trema“ ist ein frühes Meisterwerk des italienischen Regisseurs, das in vielerlei Hinsicht auf seine späteren Filme verweist. Auch wenn es noch dem Neorealismus verhaftet ist, deutet sich im Film bereits die Visconti eigene Art der Inszenierung an, wie sie etwa in „Tod in Venedig“ oder „Ludwig II.“ zum Ausdruck kommt.

Ulrich Behrens

Die Erde bebt

Italien 1948 - 165 min.

Regie: Luchino Visconti
Drehbuch: Antonio Pietrangeli, Luchino Visconti
Darsteller: Antonio Arcidiacono, Giuseppe Arcidiacono, Nelluccia Giammona
Produktion: Salvo d'Angelo, Renato Silvestri
Musik: Willy Ferrero
Kamera: Aldo Graziati
Schnitt: Mario Serandrei

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