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Die Wütenden – Les Misérables | Untergrund-Blättle

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Die Wütenden – Les Misérables Ausweglose Banlieue

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Ein Film mit Parallelen zur aktuellen Polizeigewalt gegen Demonstrant*innen in Frankreich.

28 Millimètres, Portrait d’une Génération.
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Bild: 28 Millimètres, Portrait d'une Génération. Collage von Ladj Ly by JR, Montfermeil. / Giafunitoul (CC BY-SA 4.0 cropped)

18. Februar 2020

18. 02. 2020

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4 min.

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Der richtige Film zur aktuellen Diskussion um Polizeigewalt angesichts der Demos der Streikbewegung in Frankreich. Es geht hier jedoch vordergründig weder um die aktuelle Polizeigewalt gegen die Streikbewegung, die am 13. und 14. Januar sogar erstmals von Regierenden krisiert worden ist; es geht auch nicht um die Polizeigewalt gegen die Gelbwestenbewegung, die seit dem November 2018 unausgesetzt auf hohem Niveau durchgeführt wird, sondern in diesem Film geht es um die Polizeigewalt bei Einsätzen in den Banlieues, ein seit den Vorstadt-Riots von 2005 immer wiederkehrendes Thema, das filmisch aufgearbeitet wird, und leider nichts von seiner Aktualität verloren hat.

Der Titel der deutschen Version, die ab dem 23. Januar in den deutschen Kinos läuft, ist leider historisch irreführend, denn „Les Misérables“, der französische Originaltitel, ist gleichzeitig der Titel des bekannten Romans von Victor Hugo aus dem Jahre 1862, „Die Elenden“, und das wäre auch der richtige Filmtitel in Deutsch gewesen – die „Enragés“, die „Wütenden“ also, waren eine Strömung in der Französischen Revolution, das verwirrt und führt ab von gewollten Parallelen zum Roman. Der kleine Strassenjunge aus dem Viertel, der den Revolutionär*innen bei Hugo zur Seite steht, heisst „Gavroche“ – und auch in diesem Film geht es um einen kleinen Jungen aus der Vorstadt, „Issa“, der Opfer von Polizeigewalt wird. Da wäre es also bei der Übersetzung des Filmtitels schon besser gewesen, näher bei Hugo zu bleiben.

Verrohte Polizeiroutine in den Vorstädten

Trotzdem ist der Film ein anschauliches und aktuelles Beispiel der verrohten Polizeiroutine bei Einsätzen gegen Jugendliche in den Vorstädten, welch Letztere in einer gegenseitigen Gewaltspirale auch nur immer brutaler werden und sich immer stärker bewaffnen und militarisieren. Der Film zeigt eine Ausweglosigkeit sich gegenseitig hochschaukelnder Gewalt, die alle Individuen, die vermitteln oder eine Alternative entwickeln wollen, gnadenlos überrollt und die Zuschauer*innen reichlich verzweifelt und schockiert zurücklässt. Eine Perspektive emanzipativer Revolte zeigt das Filmgeschehen nicht auf. Ich bleibe nach dem Gesehenen reichlich deprimiert in der ausweglosen Realität zurück.

Der Film hat seit seiner Premiere in Cannes im Mai 2019 zahlreiche internationale Preise eingeheimst. Die Handlung erzählt von einem zurückhaltenden und besonnenen Polizisten, Stéphane, der zu einer Brutalo-Einheit im Pariser Vorort Montfermeil versetzt worden ist: der Befehlshaber der Einheit, der autoritäre und äusserst sexistische Chris und der im Viertel aufgewachsene schwarze Polizist Gwada weisen ihn in ihren Streifenalltag ein. Zunächst macht Chris sofort sinnlos zwei Frauen sexistisch an; danach klappern sie Schulkids, lokale Drogendealer und Leute der örtlichen Muslimbrüder auf ihrer Streifentour ab. Ein Junge aus der Vorstadt macht sich einen Spass, sein Handy in eine private Drohne zu laden, sie über den Häusern kreisen zu lassen und Aufnahmen zu machen.

Der Weg in die Gewaltspirale beginnt, als Issa, ein kleiner Schuljunge, aus sinnlosem Spass einen gerade geborenen Löwen aus dem örtlichen Zirkus klaut. Die drei vom Streifenwagen stellen Issa, wollen ihn festnehmen, werden aber von Steine werfenden Kids eingekreist und in einen Nahkampf verwickelt. Gwada wird durch den Angriff verunsichert und feuert seine LBD-Gummigeschoss-Kanone, eigentlich eine Distanzwaffe, aus nächster Nähe auf Issa ab und verunstaltet dessen Gesicht für immer. Gut wird gezeigt, wie Gwada für kurze Zeit realisiert, was er getan hat und verzweifelt, dann aber schlägt er den Weg in die Vertuschung ein, wie das für die französische Polizei typisch ist. Doch die Drohne hat den Schuss von oben gefilmt, es kommt zur Jagd nach dem Film und dem Jungen, dem die Drohne gehört.

Das Geschehen zwingt zum Vergleich mit realen Vorkommnissen von Polizeigewalt gegen die jüngste Streikbewegung im Dezember und Januar, in der zum Beispiel am 9. Januar 2020 ein Polizist mit dieser Armeewaffe, einer LBD-Kanone, die ausserhalb Frankreichs bei europäischen Polizeien nicht zur Normalbewaffnung gehört, aus nächster Nähe zweimal auf einen Demonstranten abgedrückt und riesige Hematome auf der Brust verursacht hat. Solche und ähnliche Fälle, die in Frankreich regelmässig zu Schwerverletzten, Komafällen oder Getöteten führen, lösten Mitte Januar in Frankreich eine breite und kritische Diskussion über Polizeigewalt, Einsatzstrategien und -konzepte aus. Auch real geht es dabei immer öfter um solche individuellen Aufnahmen und Videos von Fällen der Polizeigewalt, denn die Herrschenden und auch die offiziellen Medien können sie nicht mehr leugnen und vertuschen, wenn die Aufnahmen übers Internet viral gehen.

Der Film endet schliesslich mit der Einkreisung und physischen Verfolgung der polizeilichen Dreiergruppe in einem Vorstadthochhaus; es gibt brutale Kämpfe im Treppenhaus von Stockwerk zu Stockwerk – und Issa kehrt mit einer Art Zombiegesicht zum Geschehen zurück, in dem er als Kid seinerseits seine neuen Waffen auf die sich verschanzenden „Flics“ abfeuert.

Lou Marin
graswurzel.net

Die Wütenden – Les Misérables

Frankreich 2019 - 105 min.

Regie: Ladj Ly
Drehbuch: Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Manenti
Darsteller: Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djibril Zonga
Produktion: Toufik Ayadi, Christophe Barral
Kamera: Julien Poupard
Schnitt: Flora Volpière

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