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Die Stadt der verlorenen Kinder | Untergrund-Blättle

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Die Stadt der verlorenen Kinder Ein Märchen ...

Kultur

Alpträume! Ein einziger Alptraum! Die Szenerie entfaltet sich vor unseren Augen wie eine dunkle Fantasywelt.

Regisseur Jean-Pierre Jeunet auf dem Filmfest München 2014.
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Regisseur Jean-Pierre Jeunet auf dem Filmfest München 2014. Foto: Kalligraf (CC BY-SA 4.0 cropped)

4. November 2022
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Ein Weihnachtsmann kommt durch den Schornstein. Noch lacht der Junge, mit Freude in den Augen. Dann steigen weitere Weihnachtsmänner aus dem Kamin. Das Lachen verschwindet, die Freude verschwindet. Der Junge weint, Angst steht in seinen Augen geschrieben. Alle Kinder haben Angst, alle Alpträume. Das Kindliche scheint verschwunden, das Unschuldige, das Reine, das Unverblümte, das Offene, dieses Lachen der Kinder – weg.

Der Film von Jeunet und Caro ist schon etwas Besonderes – vor allem anderen appelliert er an die Phantasie der Erwachsenen, fordert Rückbesinnung auf das klassische Märchen.

Der Alptraum dehnt sich aus, er entfaltet sich vor unseren Augen. Eine von Dunkelheit geschwängerte Hafenstadt, verwinkelte Gassen, deren Ecken und Kanten, Treppen und Häuser Mysteriöses zu verbergen scheinen, nur Mysteriöses. Das, was sich da entfaltet, scheint nicht von unserer Welt. Gaukler und Prostituierte, Hafenarbeiter und Seeleute, alte Kähne, und etliche geheimnisvolle Gestalten beherrschen die Szenerie. Sicher, alles Dinge, die wir kennen. Aber das Zusammenspiel all dessen ist doch derart „anders“, dass diese Welt nicht als die unsere erscheint.

Ein Mann wird mit einem Messer ermordet. Und keiner schert sich drum. Ein Kraftmensch durchbricht die Ketten, die um seinen Leib gelegt wurden. One (Ron Perlman) heisst er, ein nur scheinbar einfältiger, einer, der nur wenig Worte kennt. One hat einen kleinen Bruder, Denrée, der gar nicht sein leiblicher Bruder ist. Aus einer Mülltonnen, aus der es wimmerte, hat er ihn geborgen, zu sich genommen, beschützt ihn.

In der Hafenstadt herrscht so etwas wie Krieg. Eine Bande von Zyklopen will die Herrschaft der Menschen für immer zerstören, Männergestalten mit einem künstlichen, aufgesetzten Auge, die von sich als besserer Rasse sprechen. Sie stehlen Kinder. Sie haben den Pakt mit dem Teufel geschlossen – mit Krank (Daniel Emilfork), einem glatzköpfigen Monster, das auf einer Art Bohrinsel draussen auf dem Meer lebt. Auf der Bohrinsel aufgesetzt steht eine Art Laboratorium, ein Experimentierfeld, in dem Kraft sich an eine Maschine anschliessen lässt, um die Träume der ihm von den Zyklopen gelieferten Kinder zu stehlen. Denn er selbst kann nicht träumen. Und weil er nicht träumen kann, altert er. Er altert schneller als jeder andere. Krank ist ein Mann nicht nur ohne Träume, sondern vor allem ohne jegliches Gefühl. Bei ihm sind ein weiblicher Zwerg, ein gescheitertes Experiment eines gescheiterten Wissenschaftlers, Mademoiselle Bismuth (Mireille Mossé), ein sechsfach replizierter Klon (Dominique Pinon), der ständig einschläft, und ein in einem Aquarium befindliches Gehirn, ein Wesen ohne Körper, aber mit Intelligenz, mit Bewusstsein, das Krank permanent den Spiegel seiner Monstrosität vorhält. Onkel Irvin heisst dieses Wesen.

Auch Ones kleinen Bruder haben die Zyklopen entführt und zu Krank transportiert. One trifft auf der Suche nach Denrée auf ein paar Kinder, die für ein anderes Monster arbeiten müssen: für die Krake, eine Art siamesischer (weiblicher) Zwilling mit vier Armen und Händen, aber nur drei Beinen (oder sind es vier, von denen zwei in einem breiten Schuh stecken?). Die Krake missbraucht die Kinder für Diebstähle aller Art. Und als sie die Kinder beauftragt, einen Tresor zu stehlen, kommt ihr One gerade recht. Denn der ist stark genug, um den Tresor zu schleppen.

Dann allerdings passiert etwas, was in dieser dunklen Welt nicht passieren dürfte. Die kleine Miette (Judith Vittet), die für die Krake arbeitet, hat Mitleid mit One, der seinen Bruder sucht. Sie hilft ihm. Und beide, One und Miette, haben sich ab nun dreier Feinde zu erwehren: den Zyklopen, der Krake und Krank.

Jeunet („Delicatessen“, 1991; „Die fabelhafte Welt der Amelie“, 2001; „Alien – Die Wiedergeburt“, 1997) und Caro zaubern mit ihren Bildern eine Welt, die wie eine Mischung aus Sciencefiction-Abenteuer, Märchen und Fantasy wirkt. Dem dunklen, manchmal makabren, oft skurrilen Design der Hafenstadt entsprechen die mysteriösen Gestalten, die sich hier und auf der Bohrinsel Kranks tummeln. Die Krake wirkt wie eine Mischung aus der Hexe aus „Der Zauberer von Oz” und einer (bzw. zwei) bösartigen Lehrerinnen oder Gouvernanten. Die Zyklopen, manchmal fast bis ins Lächerliche gezogene Gestalten, scheinen einem Sciencefiction entsprungen zu sein. Am abstrusesten in diesem Gruselkabinett aber wirkt Krank, der seinem Namen alle Ehre macht, umgeben von einem sechsfachen Klon und einem Zwerg, die sich alle in einer monströsen Welt aufhalten. Die Utensilien dieser Welt auf dem Bohrturm sehen aus wie Relikte des frühen Industriezeitalters kombiniert mit moderner Computertechnologie.

Alles in diesem Film scheint rein erfunden, ausschliesslich phantasiert, ja fast erträumt zu sein. Nicht nur die Alpträume der entführten Kinder, die keine Kindheit kennen, die Krank zu schaffen machen, der immer weiter altert, nicht nur diese Alpträume stechen uns ins Auge. Der ganze Film ist ein Alptraum – allerdings einer, in dem sich erst leise, aber dann doch immer hörbarer etwas anderes regt – so als ob jemand endlich aufwachen will, so, als ob mit einem bösen Spuk Schluss gemacht werden soll. One und Miette, manchmal wie Vater und Tochter, manchmal ebenbürtig, als wenn es sich um ein Paar handeln würde, kennen nur noch ein Ziel: Denrée und die anderen Kinder zu befreien. Dass sie dabei Unterstützung erfahren von einem Mann namens Marcello (Jean-Claude Dreyfus), der sie eigentlich im Auftrag der Krake töten sollte, und einem Taucher (ebenfalls Dominique Pinon), dem zu Bewusstsein kommt, dass er diese Sippschaft auf der Bohrinsel geschaffen hatte, konterkariert das Schreckliche, das Tote im Film.

Tatsächlich wirken Zyklopen, Krake und Krank wie etwas Totes, das sich noch regt, wie etwas Verfaulendes, das sich wehrt, das schrecklich Rache nimmt. Und nur das im Aquarium schwimmende Gehirn, Onkel Irvin, scheint den Überblick über die Gefahren dieser Welt zu haben und zu wissen, was zu tun ist.

Jeunet und Caro erzählen allerdings vor allem ein Märchen, ein Märchen klassischer Struktur, mit zwei Helden – die sich ihrer Unschuld endgültig entledigen müssen – und mit bösen Hexen und Zauberern, die es zu besiegen gilt. „Die Stadt der verlorenen Kinder” ist vor allem anderen ein Phantasiegebilde, das uns im Kino vielleicht wieder daran erinnern soll, was Kino eben auch und vor allem ist oder sein kann. Und ganz ähnlich wie in „Delicatessen” und in gewissem Sinne auch in „Die fabelhafte Welt der Amelie” setzen Jeunet und Caro auf den „inszenierten Zufall”, durch den sich ganz plötzlich, einem Wunder (eben wie im Märchen) gleich, aus einem fallenden Tropfen über eine Kettenreaktion ein rettendes Ereignis entwickelt, das den Helden zugute kommt.

Unterstützt wird dieses Phantastische von Handlung, Umständen, Szenerie und Personen durch den Einsatz ebenso phantastischer Mittel wie etwa dem mit einer Art Spritze ausgestatteten Floh, den Marcello lenkt, um andere zu aggressivem Verhalten zu zwingen.

Besonders eindrücklich in der schauspielerischen Leistung sind neben Ron Perlman die beiden Kraken Odile Mallet und Geneviève Brunet, vor allem aber Daniel Emilfork als Krank und auch Dominique Pinon in seinen sieben Rollen als Klon und Taucher.

Bei der ganzen Düsternis des Films haben Jeunet und Caro allerdings nicht den Humor vergessen. Denn insgesamt wirkt die Geschichte doch durchweg auch als Komödie, weil insbesondere in der Darstellung der skurrilen Figuren – der Krake, der Zyklopen, Kranks – das Komische im Tragischen zum Vorschein kommt.

Ulrich Behrens

Die Stadt der verlorenen Kinder

Frankreich

1995

-

108 min.

Regie: Jean-Pierre Jeunet, Marc Caro

Drehbuch: Jean-Pierre Jeunet, Marc Caro, Gilles Adrien

Darsteller: Ron Perlman, Daniel Emilfork, Judith Vittet

Produktion: Claudie Ossard

Musik: Angelo Badalamenti

Kamera: Darius Khondji

Schnitt: Hervé Schneid

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