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Die Letzten beissen die Hunde | Untergrund-Blättle

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Die Letzten beissen die Hunde Up, up and away !

Kultur

Michael Cimino drehte mit «Die Letzten beissen die Hunde 1974» eine Mischung aus Western, Roadmovie, Thriller, Komödie und Tragödie, die es in sich hat.

Der US-amerikanische Filmregisseur Michael Cimino, Februar 2003.
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Bild: Der US-amerikanische Filmregisseur Michael Cimino, Februar 2003. / Damiano Debiasi (CC BY 3.0 unported - cropped)

16. September 2022
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Wie idyllisch! Fast kommt man sich vor wie in jener Sorte von Western, in denen die gläubige, staatstreue und selbstverliebte kleine Gemeinschaft irgendeines Nestes im Westen anno dazumal sich selbst feiert – in Form eines Gottesdienstes. Auch der Herr Pfarrer tut alles dazu, dieses Bild nicht zu trüben. Aber wir befinden uns nicht im Wilden Westen. Jäh platzt die trügerische Idylle durch die Schüsse eines Mannes, der den Pfarrer aufs Korn nimmt. Die Gemeinde flüchtet oder taucht unter. Und unser Pfarrer sucht ebenfalls das Weite, verfolgt von einem schiesswütigen Kerl, der offenbar weiss, was er will: des Pfarrers Leben.

Und wie es der Zufall (oder das Drehbuch) will, läuft unser Pfarrer schnurstracks in ein vorbeikommendes Auto, hängt sich – so gut es geht – an die Seite des Wagens, steigt ein – und der Fahrer braust davon. Gerettet! Vorerst jedenfalls.

Michael Cimino drehte – man kann schon sagen vollumfänglich im Stil der 70er Jahre – 1974 eine Mischung aus Western, Roadmovie, Thriller, Komödie und Tragödie, die es in sich hat. Nur vier Hauptfiguren benötigte Cimino, um die Geschichte eines vergangenen und eines kommenden Bankraubs zu erzählen – und alle anderen Schauspieler sind mehr oder weniger Statisten und Beiwerk, allerdings in angemessener Qualität. Man ist auf der Flucht, aber irgendwie auch auf einem Weg, der Freiheit verheisst.

Unser Pfarrer ist alles andere als Pfarrer. Er heisst John Doherty (Clint Eastwood), aber alle, die ihn kennen, nennen ihn Thunderbolt. Der ihn verfolgt, ist ein Ex-Kumpel, der sich von Thunderbolt betrogen fühlt, Leary (George Kennedy), weil Thunderbolt die Beute aus einem gemeinsamen Bankraub angeblich vor Leary versteckt hat, um ihn um seinen Anteil zu bringen. Und der Fahrer der Autos? Nun, das ist der Tunichtgut Lightfoot (Jeff Bridges), der sein bisheriges Leben mit kleinen Gaunereien und im wesentlichen auf der Strasse zugebracht hat. Beide sitzen in einem von Lightfoot kurz zuvor gestohlenen Auto. Um dieses los zu werden, setzen T & L an einer Tankstelle kurzerhand ein älteres Ehepaar links und rechts von deren Wagen auf den Boden, um mit dem neuen Untersatz das Weite zu suchen.

Nachdem man sich mit zwei hübschen Girls vergnügt hat, holt die Wirklichkeit die beiden in Gestalt von Leary und dessen Helfershelfer Goody (Geoffrey Lewis) wieder ein. Nach einer wilden Verfolgungsjagd durch die Berge, einer Flucht von T & L mit einem Boot, der Befreiung von Kaninchen, die einem offensichtlich Verrückten gehören, dessen Auto T & L sich kurzerhand unter den Nagel reissen, werden beide von Leary und Goody dann doch erwischt. Aber nach einer Schlägerei versöhnen sich Thunderbolt und Leary wieder. Und Thunderbolt erzählt, er habe Leary, den man bei dem gemeinsamen Bankraub erwischt hatte, nicht betrügen wollen. Er habe die Beute in einer alten Schule ganz in der Nähe versteckt – dort könne man sich das Geld holen. Nur müssen die vier feststellen, dass an der Stelle der alten nun ein grössere neue Schule steht. Geld futsch!

Betrübnis jedoch stellt sich nur kurz ein – denn Lightfoot hat eine Idee. Wieso sollte man dieselbe Bank nicht noch einmal ausrauben? Damit würde doch niemand rechnen. Auch wenn Leary, der Lightfoot nicht mag, zunächst Zweifel an diesem Plan hat, einigt man sich schliesslich darauf, arbeitet ein bisschen, umd sich das nötige Kleingeld zu verschaffen, besorgt sich die nötigen Utensilien – u.a. in einer Maschinenfabrik – und geht ans Werk. Wäre doch gelacht, wenn man die hochmodernen Sicherheitsvorkehrungen der Bank nicht ausser Kraft setzen könnte ...

Man atmet förmlich– nicht zuletzt bedingt durch die Weite der Landschaft und das strahlende Sonnenlicht – den Versuch von Freiheit, von Unabhängigkeit, wenn Thunderbolt und Lightfoot sich ihrem Ziel nähern, ein anderes Leben zu führen – ein Leben jenseits der Sesshaften, ein Leben von Heimatlosen.

Eastwood spielt – wie gewohnt, könnte man sagen – einen eher ruhigen, überlegt handelnden Kerl, der nichts tut, wovon er nicht vollständig überzeugt ist. Jeff Bridges mimt jenen jungen Kerl, für den das Leben nichts anderes ist als ein permanentes Abenteuer, eine im grossen und ganzen rasante Achterbahnfahrt, auf der man sich holt, was man braucht – Mädchen, Alkohol, Autos und Geld. Und trotzdem verstehen sich die beiden – dieses ungleiche Paar – zunehmend prächtiger.

Ihnen gegenüber spielt George Kennedy einen eher unüberlegten und rachsüchtigen, egoistischen Mann, der die anderen nur für seine Zwecke einspannt. Und Geoffrey Lewis mimt dessen Handlanger, einen unbeholfenen, aber doch gutmütigen Kerl, der allerdings immer erst zu spät merkt, in welches Fettnäpfchen er gerade getreten ist.

Der Film spielt überwiegend auf der Strasse, in der Weite des Raumes, könnte man – fast pathetisch – sagen. Und es ist diese Weite des Raumes, die die Akteure für ihre Jagd, ihre Pläne, ihre Freiheit auch benötigen – oder eben auch für den Betrug, der für die entscheidende Wende im Film verantwortlich ist.

Cimino spart weder mit dargestellter Abenteuerlust, noch mit einer guten Portion Humor (etwa in dem Bild des an der Tankstelle sitzenden Ehepaares oder in den Szenen, in denen es zu Konflikten zwischen Leary und Lightfoot kommt). Auch die Überrumpelung eines Polizisten und eines doch sehr dicken Mannes durch den als Frau verkleideten Jeff Bridges haben ihre komischen Seiten. Im Verlauf der Handlung allerdings nehmen Tragik und Risiko eher zu. Insbesondere hat man ständig das Gefühl, dass jedem Sieg eine Niederlage folgt, die dem Erfolg wieder mehr nimmt, als er gebracht hat – bis zum bitteren Schluss.

Nach dem erfolgreichen Bankraub, gut vorbereitet und ebenso gut durchgeführt, setzt sich zwar die Polizei auf die Fährte der vier Gangster. Doch das Schlimmste passiert auf anderer Ebene. Leary wirft den schwer verletzten, von einer Kugel getroffenen Goody kurzerhand aus dem Auto, lässt T & L stehen, verschwindet mit dem geraubten Geld – und endet durch den Biss eines scharfen Wachhundes.

T & L haben das Glück, die alte Schule, die an anderer Stelle wieder errichtet wurde und als kleines Museum dient, zu entdecken. Das Geld aus dem früheren Bankraub ist noch hinter der Tafel versteckt. Doch auch diesem Glücksfall folgt das Unglück, denn Lightfoot stirbt im Auto, als die beiden sich zu neuen Ufern aufmachen wollen. Thunderbolt bleibt allein übrig.

Die Nähe von Komik und Leid, Glück und Verhängnis, Treue und Verrat, Freundschaft und Feindschaft ist in „Thunderbolt and Lightfoot” eng miteinander verwoben, kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass der Roadmovie und seine impliziten Elemente den Film beherrschen. Die Strasse regiert die Szenerie. Und auf dieser Strasse bleibt zum Schluss eines besonders wichtig: die Freundschaft, die zwischen T & L entstanden war, eine Freundschaft die Thunderbolt nicht vergessen wird, trotz ihrer kurzen Dauer.

Die Strasse regiert vor allem deshalb die Szenerie, weil sie Ausdruck des Freiheitsdrangs der beiden Hauptakteure ist, die sich den Zwängen und Konventionen nicht unterwerfen wollen. T & L, das sind die modernen Nomaden, die Ruhe- und Heimatlosen, die sich nicht integrieren wollen und lassen, die sich aber nichtsdestotrotz am Kuchen des Rests der Gesellschaft etwas abschneiden wollen. Dass ihre Aktivitäten illegal sind, spielt dabei eher eine untergeordnete Rolle. Am Schluss sagt Lightfoot zu seinem Kumpel, er habe gar nicht das Gefühl, etwas Unrechts getan zu haben. Und in gewisser Weise drückt sich hierin genau dieser Freiheitsdrang – und eben auch der dementsprechende Drang und Drive der 70er Jahre aus, dem Cimino und seine Akteure einen exzellenten Ausdruck verpassen.

Dabei sind T & L keine Revolutionäre, nicht einmal Rebellen. Sie sind jene Individualisten, die sich zumeist ganz allein und nur vorübergehend in einer Gruppe den Weg bahnen, entlang den schier endlosen Strassen in den schier endlosen Weiten des Landes. Und gerade diese Weite ist es, die Ciminos Inszenierung der Beengtheit der Verhältnisse entgegenstellt – auch der Beengtheit Learys. Dass T & L für ihren Freiheitsdrang bezahlen müssen, bleibt nicht aus und lässt sich nicht verhindern. Es ist diese Tragik, die den Film eben auch charakterisiert.

Ulrich Behrens

Die Letzten beissen die Hunde

USA

1974

-

109 min.

Regie: Michael Cimino

Drehbuch: Michael Cimino

Darsteller: Clint Eastwood, Jeff Bridges, George Kennedy

Produktion: Robert Daley

Musik: Dee Barton, Paul Williams

Kamera: Frank Stanley

Schnitt: Ferris Webster

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