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Die Kleinstadt | Untergrund-Blättle

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Die Kleinstadt Familie und Nation

Kultur

„Die Kleinstadt“ ist ein Familiendrama, in welchem die Familie als ein Spiegel der Türkei verstanden werden kann.

Der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan am Film-Festival del Sur, März 2009.
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Bild: Der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan am Film-Festival del Sur, März 2009. / Cines del Sur Granada Film Festival (CC BY-SA 2.0 cropped)

11. April 2022
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Mit tollen Darstellern und einem Auge fürs Detail erzählt Nuri Bilge Ceylan von Hierarchien, von Rückständigkeit und Konflikten, in welchen es um Aufbruchsfantasien geht, aber auch um vermeintlich zerbrochene Träume.

In einer kleinen ländlichen Stadt in der Türkei wächst Asiye (Havva Saglam) mit ihrem jüngeren Bruder Ali (Cihat Bütün) auf. Der Alltag in der Gemeinde verläuft immer nach einem festen Schema, abhängig von der jeweiligen Jahreszeit, der Ernte und der Witterung. Die Geschichte setzt ein im Winter und die beiden Kinder sind in der Schule, wo Asiye von ihrem Lehrer angesprochen wird, als dieser ihr übel riechendes Mittagessen betrachtet.

Peinlich berührt und den Tränen nahe verläuft der Rest des Vormittages ohne weitere Vorkommnisse und während die Kinder in der Schule sind macht sich ihr Cousin Saffet (Mehmet Emin Toprak) auf die Suche nach einer Arbeit in der kleinen Stadt. Im Frühling verwandelt sich die Welt der Stadt, wird fröhlicher und hält so manches Abenteuer für die Kinder bereit, auch wenn der Rest ihrer Familie dies wenig beachtet, ist ihr Cousin doch weiterhin ohne Arbeit und ihr Vater (Sercihan Alevoglu) unzufrieden, hatte ihn doch sein Studium wie auch seine Ausbildung ausserhalb seines Heimatlandes eigentlich auf ein Leben abseits der Stadt vorbereitet. Als im Sommer die Familie nach der Maisernte den Abend im nahegelegenen Wald bei einem Lagerfeuer verbringt, prallen die Gegensätze in der Familie aufeinander, ausgelöst von einer langen Geschichte des Grossvaters.

Familie und Nation

Das Werk des türkischen Filmemachers Nuri Bilge Ceylan (The Wild Pear Tree) erhält oftmals die Bezeichnung slow cinema, befasst zwar auf der einen Seite mit Themen, doch anderseits mit Beobachtungen, welche die Kamera in teils langen Sequenzen festhält, so, als ob der Zuschauer selbst eingeladen wird, genauer hinzuschauen und sich Zeit für die möglichen Schlussfolgerungen zu nehmen. Bereits in seinem ersten Film Die Kleinstadt aus dem Jahre 1997 kann man diese formale Herangehensweise erkennen in der Studie einer Gemeinde und einer Familie, ihrer Strukturen, Widersprüche und ihrer Konflikte. Dabei versteht sich die Kernfamilie als ein Abbild der Nation, eine Sammlung eben jener Themen, welche die Gesellschaft der Türkei widerspiegeln, zumindest, wenn man den ersten Minuten des Filmes folgt.

Wie im Kino eines Lav Diaz ist man geneigt, so manches Detail als eine Repetition oder als eine Banalität zu sehen, doch gerade die Details sind es, die bei Ceylans Werk eine grosse Rolle spielen oder ihre Bedeutung erst im Gesamtkontext der Handlung entfalten. So nimmt sich Ceylans Kamera zunächst viel Zeit, die Abläufe der Stadt oder vielmehr des Dorfes zu studieren, wie eine Gruppe Schulkinder im Schnee spielt, sie einem geistig wohl zurückgebliebenen Mann einen Streich spielen, welchen dieser mit einem breiten Grinsen quittiert und vor dem Schulgebäude einen Eid ablegen, die Nation nach den Prinzipien Atatürks mit Respekt und Liebe zu behandeln. Es scheint in Kasaba, wie der Film im Original heisst, um eine Art Spiegelung zu gehen, wenn man so will, einer Art Überprüfung der These, inwiefern die Familie tatsächlich als Abbild der Nation herhalten kann und inwiefern sich Werte wie Liebe und Respekt denn in ihre wiederfinden lassen.

In diesem Zusammenhang ist der Dialog am Lagerfeuer, welche alleine schon wegen seiner Länge eine zentrale Rolle im Film einnimmt, besonders wichtig. Der Logik mancher Heimatfilme folgend zeigt sich die Familie und ihrer Vertreter auf der einen Seite als Repräsentant moralischer Werte, doch zudem als eine ideologisch und bisweilen aus emotional stark disparate Zusammenkunft. Klar ist die Rollenverteilung, doch widersprüchlich bisweilen die Auslegung, sieht man beispielsweise den progressiv argumentierenden Intellektuellen, der zwar gegen die Rückständigkeit der Dorfgemeinde aufmuckt, aber dem selbst der nötige Mut fehlte, diese zu verlassen. Nicht weniger glanzvoll erscheint der von Mehmet Emin Toprak gespielte Rebell der Familie, der sich immer mehr in eine Aussenseiterposition drängt und zutiefst unglücklich erscheint.

Natur und Mensch

Was in manch anderen Filmen vielleicht eine zentrale, aber insgesamt schnell abgehandelte Szene wäre, wird fast zu einer Art Meta-Film, als ein „Stück im Stück“, dessen Bedeutung sich weit über Kreis der Feuerstelle hinaus erstreckt. Die Perspektive der Kinder nutzend, aber immer wieder auch wechselnd schaffen es Ceylan und seine Darsteller, ihren Charakteren immer mehr an Bedeutung, an Dimension und an Persönlichkeit zu geben. Selbst die teils harschen Anschuldigungen sowie vielleicht im Eifer des Gefechts gemachte Äusserungen sind im Kontext der erhitzen Diskussion zu erklären und Teil einer Dramaturgie, die sich nicht nur durch Langsamkeit, sondern vor allem durch ihre Menschlichkeit definiert.

Das Familiendrama kann in diesem Sinne ein Abbild der Nation sein, was sich durch eine Sehnsucht zur Vergangenheit, einem festgefahrenen Rollenbild und einem Drang nach aussen hin bestimmt, aber eigentlich immer nur im Kleinen verbleibt. So entsteht ein ambivalentes Verhältnis zu Heimat, was noch unfertig zu sein scheint, aber welches Ceylan in seinen weiteren Werken noch weiter erforscht.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Das Verhör

Türkei

1997

-

85 min.

Regie: Nuri Bilge Ceylan

Drehbuch: Nuri Bilge Ceylan

Darsteller: Mehmet Emin Toprak, Havva Saglam, Cihat Bütün

Musik: Ali Kayaci

Kamera: Nuri Bilge Ceylan

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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