UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Die Ehe der Maria Braun | Untergrund-Blättle

7044

Die Ehe der Maria Braun Geschichte und Eigensinn

Kultur

Zerbombt, ausgebombt, tot gebombt. Der Anfang wie das Ende, und doch anders.

Hanna Schygulla (hier im Februar 2018 in Berlin) spielt im Film von Fassbinder die Rolle der Maria Braun.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Hanna Schygulla (hier im Februar 2018 in Berlin) spielt im Film von Fassbinder die Rolle der Maria Braun. Foto: Diana Ringo (CC BY-SA 4.0 cropped)

30. Mai 2022
1
0
8 min.
Drucken
Korrektur
Eine Ehe, einen halben Tag und eine ganze Nacht lang, und ansonsten unerfüllt über ein Jahrzehnt: das ist Maria Braun. Das Bild vom Führer fällt durch eine Granate. Der 1000jährige Horror fällt in Schutt und Asche und mit ihm Millionen und Abermillionen. Der Blick wird frei durch das Loch, das die Granate reisst – auf Maria und Hermann (Hanna Schygulla, Klaus Löwitsch), die sich das Ja-Wort geben, das nicht nur ein Ja-Wort ist für die romantische Liebe, die „wirkliche“ Liebe, die ewige Liebe, sondern auch ein Ja für eine Zeit nach dem Schrecken. Und doch reisst die Gewalt die beiden noch einmal auseinander. Hermann wird einberufen, Maria bleibt zurück. Und bleibt und bleibt und bleibt.

Wie in „Lola“ (1981) und „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ (1981/82), den anderen beiden Filmen der sog. „BRD-Trilogie“, präsentiert uns Fassbinder wiederum eine Frau im Zentrum einer melodramatisch inszenierten Nachkriegsgeschichte. Zentrum ist Maria nicht nur als Hauptcharakter dieser Geschichte, sondern – wie Lola und Veronika Voss – auch als medialer Star, nicht als Schauspielerin oder Sängerin, sondern diesmal als aufstrebendes Medium der neuen Wirtschaft. Medium zudem – wie Lola und die Voss – als fast anachronistisch zu den Verhältnissen anmutende Frau, die sich, weil sie weiss, was sie will, und ebenso, wie sie es will, in der dezimierten, aber nichtsdestotrotz weiter herrschenden Männerwelt durchzusetzen versteht.

Maria versteht es, an Traum und Wirklichkeit zugleich festzuhalten. Ihr Traum ist die ewige Liebe zu Hermann in beider Ehe, die durch den Krieg nicht zerstört werden kann. Ihre Wirklichkeit ist das „Alles“, was zu tun ist, um auf die Verwirklichung des Traums hinzuarbeiten. Als ihr Schwager Willi (Gottfried John) aus der Gefangenschaft zurückkehrt und vom Tod Hermanns berichtet, bricht für Maria nicht etwa eine Welt zusammen. Nein, sie glaubt nicht an den Tod Hermanns.

Sie spürt, dass er noch leben muss. Sie freundet sich bei der Arbeit in der Bar Bronskis, in der auch ihre Schwester Betti (Elisabeth Trissenaar) arbeitet, mit dem amerikanischen Soldaten Bill (Greg Eagles) an, der sie schwängert. Aber sie wird Bill nie heiraten. Bill verschafft ihr Seidenstrümpfe und Lucky Strikes. Bill kümmert sich um sie und schläft mit ihr. Der Vertrag ist eindeutig und klar. Aber sie liebt Hermann und verheiratet ist sie mit Hermann. Das bleibt, das andere vergeht. Als Hermann eines Tages in der Tür steht, Maria und Bill vor Augen, da erschlägt sie Bill ohne Zögern – und Hermann geht für sie ins Gefängnis. Das Kind von Bill treibt sie ab.

Wieder bleibt beider Liebe unerfüllt, und wieder entscheidet sich Maria für ihren Traum und das „Alles“. Das „Alles“ ist nun der aus der Emigration zurückgekehrte Unternehmer Karl Oswald (Ivan Desny), der mit Maria schlafen, aber sie nicht lieben darf. In seinem Betrieb macht sie als Beraterin Oswalds Karriere und kommt zu Geld und Ansehen. Als sie nach seiner Entlassung Hermann alles geben will, was sie erreicht hat, lehnt der ab und wandert nach Kanada aus und als er nach Jahren zurückkehrt, es selbst zu etwas gebracht hat, scheint der Ehe der Maria Braun nichts mehr im Weg zu stehen. Eine Gasexplosion tötet beide, während die deutsche Nationalelf Fussballweltmeister wird.

„Die Ehe der Maria Braun“ wirkt wie eine Mixtur aus zwei Bilanzen: der historischen Bilanz der jungen Bundesrepublik Deutschland und einer ganz privaten, eigenen Bilanz der Maria Braun, die es versteht, Geist und Körper, Verstand und Gefühl als zwei Seiten ihrer persönlichen Bilanz, ihrer privaten Biografie zu trennen. Sie schläft mit Bill und Oswald, aber sie liebt beide nicht. Beide sind nicht das Ziel, das sie erreichen will, sondern nur Mittel zum Zweck. Daran lässt sie beiden gegenüber auch keinen Zweifel. Ihr Ziel bleibt die Erfüllung ihrer Ehe mit Hermann. Demgegenüber, dieser „weiblichen“ Bilanz entgegengesetzt, erweist sich die Geschichte als „Nachkriegsgeschichte“, als Restauration alter Werte durch politische Kräfte, die die Zeichen der Zeit wohl erkannt haben. Die Bilanzen kreuzen sich, treffen sich an dem Punkt dessen, was jetzt angesagt ist, was jetzt Programm, was jetzt aber nicht wirklicher Neu-Anfang ist: der Restauration alter Machtverhältnisse.

Maria Braun ist eine Protagonistin der Ökonomie der Liebe, die die Ökonomie der Ökonomie für ihre Zwecke einzuspannen versucht: erfolgreich. Sie kommt zu Ansehen und zu Geld. Wie Hermann, wenn auch später und über den Umweg Kanada. Der Tausch scheint perfekt. Die Ökonomie der Liebe scheint sich mit der Ökonomie der Ökonomie zu vereinbaren, ja vereinbaren zu lassen. Sie schenken sich beide alles und scheinen damit eins zu werden: ein Paar, ein geradezu romantisches Paar. Die Liebe in den Zeiten der Erstarrung, die sich als Wiederaufbau tarnt, des ewig Gestrigen, das sich als Wirtschaftswunder verkleidet, und der Verdrängung, die sich nur kläglich unter dem Mantel der „formierten Gesellschaft“ (Erhard) verstecken kann, scheint nicht nur möglich, sondern geradezu bedingt durch die neuen Formen des gesellschaftlichen Verkehrs.

Maria scheint das Alte, die Konvention, die scheinbar obsolet gewordenen Regeln geschlagen zu haben: den Buchhalter Oswalds, Senkenberg (Hark Bohm), dem sie den Erfolg in der Firma durch eigenwillige Strategien streitig macht, die eigene Familie, in deren Enge die Ehe zwischen Betti und Willi scheitert und in der die Beziehung zwischen ihrer Mutter (Gisela Uhlen) und dem Tunichtgut Hans Wetzel (Günter Lamprecht) nichts wirklich Bewegendes bewegt. Aber der Schein scheint zu trügen. In dem Moment, in dem sich der Erfolg der Ökonomie der Liebe einzustellen gedenkt, führt eine Unvorsichtigkeit zum Tod des Paares. Oder war es Absicht?

Der Film lässt in Wahrheit offen, inwieweit Aufstieg und Fall wem zuzurechnen sind. Man könnte in den personellen Konstellationen auch wieder jene Spiegelbilder vermuten, die in Fassbinders Filmen die Identität von Personen so schwierig ermitteln lassen. Hier Maria und Hermann, dort Betti und Willi. Hier der immer wieder gefangene Hermann (Soldat, Verurteilter, Ausreisender), dort der erfolgreiche Oswald und sein „gutes Gewissen“ Senkenberg. Verdoppelte Personen. Vielfach wird der Film als Kritik Fassbinders an der Restauration des Kapitalismus in Westdeutschland gewertet.

Aber Fassbinders Filme waren nie die Aussenansicht eines Regisseurs „auf“ einen Zustand oder eine Entwicklung. Seine Filme beherrscht die Binnenperspektive, die Sicht aus den Verhältnissen selbst heraus. Die zentrale Frage dabei ist vor allem: Welches Kapital im Sinne von nicht nur ökonomischem Vermögen besitzen die Handelnden, um welche Ziele zu verfolgen? Bezüglich dieser Geschichte muss man davon ausgehen, dass Maria über ein enormes Vermögen verfügt, um ihr Ziel zu erreichen. Ihr Scheitern stellt keine Sperre im Gang der Dinge dar. „Deutschland ist Weltmeister.“ Trotzdem ist ihr Eigensinn als individuelles Vermögen mit oder auch gegen die Geschichte von enormer Gewalt, andererseits nicht allmächtig. Denn es scheint, dass die „Exkursion“ Hermanns nach Kanada auf einen ihr unbekannten „Vertrag“ zwischen Hermann und Oswald zurückzuführen ist – ausgehandelt, weil Oswald als todkranker Mann für den kurzen Rest seines Lebens Maria für sich allein haben wollte. Die Ökonomie der Ökonomie schlägt auch Maria ins Kreuz. Und die Vereinbarungen, die sie selbst mit Bill und dann mit Oswald getroffen hatte, erzeugt Vereinbarungen zwischen anderen, von denen sie nichts weiss oder die ihren Plänen hinderlich sind oder sein können.

„Die Ehe der Maria Braun“ beginnt mit der Sprengung des Hitler-Bildes, endet mit den Negativen der Bilder der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland – Adenauer, Erhard, Kiesinger, Schmidt, der dann wieder als Positivabzug erscheint (Willi Brandt zeigt Fassbinder explizit nicht in dieser Reihe!!). Es wäre simpel, hier eine triviale Kontinuitätsthese zu vermuten. Die Negative deuten eher auf Abgrenzung vom vorherigen in einem Prozess, der dann wieder zur „Normalisierung“ führt (Schmidt im Positivabzug, „Modell Deutschland“), allerdings einer Entwicklung, die von Verleugnung und Verdrängung gekennzeichnet ist.

Man könnte auch sagen: Die Ökonomie der Ökonomie schlägt sich ganz unpolitisch, ganz neutral, ganz ahistorisch in einem langwierigen Prozess zur „Normalisierung“ durch, zum „Wir sind wieder wer“. Die individuellen Biografien verblassen in diesem Prozess, den man auch als erneute „ursprüngliche Akkumulation des Kapitals“ bezeichnen könnte, aber weitaus mehr eine ganze Gesellschaft erfasst und kulturelle Hegemonie beansprucht. Konsequent weiter gedacht würde dann heute die neoliberale Ideologie und Praxis den Gipfel all dessen darstellen. Nur der überdurchschnittliche Eigensinn einer Frau wie Maria Braun leuchtet für kurze Zeit und vielleicht in der Erinnerung als etwas auf, das als Widerstand oder Gegenstück zu dieser Entwicklung gesehen werden könnte.

Diese Frage nach dem Verhältnis von in den Herzen und im Kopf von Menschen geronnener Geschichte hier und ihrem Eigensinn dort sowie beider Einfluss auf Denken und Handeln ist aktueller denn je. Fassbinders BRD-Trilogie ist nicht nur insofern Teil seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte aus einer ihm ganz eigenen Sicht, einer Binnenperspektive, die sich von der vieler linker Protagonisten, die behaupteten, „über“ den Dingen zu stehen, unterscheidet. Sie ist nicht beherrscht von einer Weltsicht oder Ideologie, sondern vom Hineinbegeben in die jeweilige Zeit und ihre Massstäbe, und vom Erzählen einer ganz „privaten“ Geschichte.

Ulrich Behrens

Die Ehe der Maria Braun

Deutschland

1979

-

115 min.

Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Peter Märthesheimer, Pea Fröhlich

Darsteller: Hanna Schygulla, Klaus Löwitsch, Ivan Desny

Produktion: Albatros / WDR

Musik: Peer Raben

Kamera: Michael Ballhaus

Schnitt: Rainer Werner Fassbinder (als Franz Walsch), Juliane Lorenz

Mehr zum Thema...
Die Fassbinder-Muse Hanna Schygulla in Venedig, 1982.
Rezension zum Film von Rainer Werner FassbinderDie Ehe der Maria Braun

27.09.2017

- «Die Ehe der Maria Braun» kommentiert weniger als dass sie die Nachkriegszeit zeigt und verarbeitet.

mehr...
Armin Müller-Stahl spielt im Fassbinder-Streifen den anfänglich unbestechlichen Baudezernenten Herrn von Bohm.
Rezension zum Film von Rainer Werner FassbinderLola

18.09.2017

- «Lola» ist Fassbinders dritter Film der BRD-Trilogie und kommt farbenfroh, fröhlich und gut gespielt daher.

mehr...
Rainer Werner Fassbinder und Hanna Schygulla am Fimfestival von Venedig, 1980.
Rezension zum Film von Rainer Werner FassbinderDie Sehnsucht der Veronika Voss

29.11.2011

- Die Sehnsucht der Veronika Voss, der zweite Teil der so genannten BRD-Trilogie, ist ein stilistisch überaus kunstvoller Film, in dem Fassbinder seine eigenen, sehr kritischen Ansichten über die Entwicklung der BRD offenbart.

mehr...
Angst essen Seele auf im NT Theater

18.01.2017 - Die zweite Schaffensperiode von dem Filmemacher Rainer Werner Fassbinder war stark für Bedingungen die das Zusammenleben zwischen Menschen schwerer machen. Ein Beispiel aus dieser Zeit ist Fassbinders Film "Angst essen Seele auf".

Homo-Ehe-Gesetz und Demos in Frankreich

20.12.2012 - In Frankreich fanden am 17. und 18. November, sowie am Sonntag, den 16. Dezember, grosse Demonstrationen um den Gesetzentwurf, der homosexuellen Paare das Recht auf Ehe geben soll, statt.

Dossier: Nationalsozialismus
Ferdinand Vitzethum
Propaganda
Wer will dass die Welt so bleibt wie sie ist

Aktueller Termin in Berlin

VoxKü

Vegan VOxKÜ Food,Drinks,Music   Irregular events and discussions - there is a garden and sometimes a firebin The entrance is elevated but there is a ramp  

Mittwoch, 7. Dezember 2022 - 20:00 Uhr

Kadterschmiede, Rigaer Str. 94, 10247 Berlin

Event in Wien

WIENER BESCHWERDECHOR & BAND

Mittwoch, 7. Dezember 2022
- 19:30 -

Theater am Spittelberg

Spittelberggasse 10

1070 Wien

Mehr auf UB online...

Demonstrant*innen der initiative Barrierefrei und von Rollfender Widerstand in der Tür eines ICE. Es sind nur wenige Stufen, aber mit dem Rollstuhl nicht zu überwinden.
Vorheriger Artikel

Die Stufen müssen weg!

Lüneburg: ÖPNV für alle!

Strassenblockade in München am 21. November 2022.
Nächster Artikel

Der friedliche Protest lässt sich nicht wegsperren!

Weitere Menschen auf Münchens Strassen

Untergrund-Blättle