Die bitteren Tränen der Petra von Kant Sich einen Platz erkämpfen

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Kultur

„Die bitteren Tränen der Petra von Kant“ ist ein grossartig gespieltes Drama über den gesellschaftlichen Stand der Frau, das aktueller und provokanter nicht sein könnte.

Eva Mattes (hier in Hamburg 2012) spielt in dem Film die Rolle von Gabriele von Kant.
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Eva Mattes (hier in Hamburg 2012) spielt in dem Film die Rolle von Gabriele von Kant. Foto: image_author

Datum 27. April 2024
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Rainer Werner Fassbinder beweist abermals sein Talent, die Welt des Theaters mit der des Filmes zu verbinden, zu einem Film, dessen Dialoge und Darstellerinnen mehr als einmal den Zuschauer sprachlos machen werden.

Die Modeschöpferin Petra von Kant (Margit Carstensen) hat die Tage, in denen sie um Aufträge betteln musste, schon lange hinter sich. Sie ist international gefragt und sehr vermögend, doch in der Liebe hat sie bei weitem nicht denselben Erfolg. Nur ihre Sekretärin und Assistentin Marlene (Irm Hermann), die sie bereits seit vielen Jahren begleitet und ihre jeden Wunsch erfüllt, hält ihr weiterhin die Treue. Nach dem Aus ihrer zweiten Ehe macht sie ihre Bekannte Sidonie von Grasenabb (Katrin Schaake) mit ihrer Freundin Karin (Hanna Schygulla) bekannt, von deren Schönheit Petra vom ersten Moment an wie bezaubert ist. Schon am nächsten Tag verabredet sie sich mit der jungen Frau, hört sich ihre Lebensgeschichte an, ihre Beichte über die unglückliche Ehe und ihre Beziehung zu den Eltern, die aus einfachen Verhältnissen kommen. Petra möchte ihr ein neues, ein besseres Leben bieten, in dem sie Karin bei ihrer Karriere als Model hilft. Zugleich gesteht sie Karin ihre Liebe.

Nachdem Karin zu Petra gezogen ist, werden die beiden zu einem Paar. Allerdings werden der jungen Frau die konstanten Liebesbekundungen und Petras Anhänglichkeit mit der Zeit zuwider, sodass es zu ersten kleinen Streitigkeiten kommt. Als Karin gesteht, sie habe regelmässig Kontakt zu Männern, reagiert Petra zutiefst gekränkt und beschimpft ihre Geliebte, jedoch sind ihre Gefühle so stark, dass sie es nicht übers Herz bringt, Karin zu verlassen.

Bedauern, was man nicht begreift

Nachdem Rainer Werner Fassbinder sein Theaterstück Die bitteren Tränen der Petra von Kant geschrieben hatte, adaptiert er es auch fürs Kino. Nicht zuletzt seine Vorliebe für Filme mit starken, widersprüchlichen Frauenfiguren wie Die barfüssige Gräfin oder Alles über Eva von Joseph L. Mankiewicz (dessen Name im Film zu Beginn von Petra genannt wird) war der Anlass für diese Entscheidung. Jedoch ist Die bitteren Tränen der Petra von Kant weitaus mehr als eine Verbeugung vor Hollywood, sondern, wie bei Fassbinder üblich, eine Behandlung von gesellschaftlichen Themen, in diesem Falle die Rolle der Frau, die Definition von Beziehungen sowie die Stellung der Frau in einer zunehmend kapitalistisch ausgerichteten Gesellschaft. Es ist wieder einmal grosses Schauspielerkino, was der Zuschauer geboten bekommt, mit Frauenfiguren, die man so im gegenwärtigen deutschen Kino schmerzlich vermisst.

Die Nähe zur Bühne merkt man Die bitteren Träne der Petra von Kant von der ersten Minute an, jedoch passt die konzentrierte, fast schon klaustrophobische Inszenierung zur Geschichte. Der Film ist ein „Krankheitsfall“, wie es im Vorspann heisst und zeigt detailreich die Krankheit eines Menschen, die sowohl Geist als auch Körper befällt, sodass man für die Umwelt nicht mehr tragbar ist. Die von Margit Carstensen gespielte Petra von Kant ist eine, die über den Dingen zu stehen scheint, zum einen wegen ihres Vermögens, doch zum anderen wegen ihre scheinbaren emotionalen Distanz, was man an der Routine sieht, mit der sie gegenüber ihrer Freundin Sidonie über die letzten Monate ihrer Ehe spricht.

Der Habitus wie auch der Sprachduktus sind in der Nähe einer Geschäftsabwicklung, bei der sich der Zuschauer (und Sidonie) fragt, ob nicht vielmehr Petra von der Richtigkeit ihrer Aussagen überzeugt werden muss. Sie möchte nicht bedauert werden, nicht das Opfer sein, zu dem die Gesellschaft sie gerne machen würde und was sie in den Augen ihres Gegenübers gespiegelt sieht. Petra hat sich vorgenommen, allen Normen zu widersprechen, auch in der Ehe, was sich mehr und mehr als Hybris herausstellt oder als Krankheit in den Augen ihrer Umwelt.

Sich einen Platz erkämpfen

Wem gehören nun die im Titel erwähnten Tränen der Petra von Kant? Margit Carstensen spielt eine Frau, die schon durch ihren Erfolg eine Sonderposition innehat, und dennoch mehr will. Wie Ikarus scheint sie der Sonne zu nahe zu kommen und droht auf die Erde zu fallen. Fassbinders Frauenfiguren zeigen ein Panorama der Frauenrollen, von der traditionellen Angepassten, der Verträumten bis hin zu der Demütig-Dienenden, die ihr Schicksal stumm erträgt. Wie später in ihrer Paraderolle als Maria Braun ist Schygullas Figur eine, die überleben will und sich an die Regeln des Spiels anpasst, auch wenn dies eine gewisse emotionale Erkaltung nach sich ziehen muss. Es geht darum, sich einen Platz zu erkämpfen, wobei schon der Anflug einer Schwäche den Absturz bedeuten könnte.

Als jemand, der zwischen der Welt der Bühne und der des Films stand, gelingt es Fassbinder abermals, beide Ebenen zu vereinen. Das Zusammenspiel von Hinter- und Vordergrund oder etwa die Ausstattung betonen den Fokus auf das Schicksal, welches hier gezeigt wird, mitsamt der richtenden-wertenden Blicke, die man auf sich zieht.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Die bitteren Tränen der Petra von Kant

Deutschland

1972

-

124 min.

Regie: Rainer Werner Fassbinder

Drehbuch: Rainer Werner Fassbinder

Darsteller: Margit Carstensen, Hanna Schygulla, Katrin Schaake

Produktion: Michael Fengler

Kamera: Michael Ballhaus

Schnitt: Thea Eymèsz