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Der Saustall „Heftiger Streit“ ?

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Die Geschichte, die Bertrand Tavernier in seinem 1981 inszenierten Film „Der Saustall“ erzählt, spielt zwischen Juli 1938 und dem Abschluss des sog. „Münchner Abkommens“ am 29.9.1938 in dem senegalesischen Dorf Bourkassa, in dem der französische Polizist Lucien Cordier (Philippe Noiret) für Ordnung sorgen soll.

Der französische Schauspieler Philippe Noiret, Januar 2000.
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Bild: Der französische Schauspieler Philippe Noiret, Januar 2000. / Christian D'AUFIN (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

18. Februar 2019

18. 02. 2019

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Tavernier, der sich durch Filme wie „Der Uhrmacher von St. Paul“ (1974), „Der Richter und der Mörder“ (1976) oder „Ferien für eine Woche“ (1980) einen Namen machte, konzentriert die Handlung des Films vollständig auf Cordier, einen zunächst hilflos, feige erscheinenden Mann, der sich von allen Leuten auf der Nase herumtanzen lässt. Der Priester (Jean Champion) des Ortes wirft ihm vor, seinen Aufgaben als Polizist nicht nachzukommen; nie habe er jemanden ins Gefängnis gesteckt.

Und tatsächlich hätte Cordier allen Grund, so einige Leute einzusperren – etwa Monsieur Mercaillou (Victor Garrivier), der ständig seine Frau, die junge Rose (Isabelle Huppert), auf offener Strasse verprügelt. Oder den Zuhälter Le Peron (Jean-Pierre Marielle), der in seinem Bordell Angst und Schrecken verbreitet. Oder selbst den Geschäftsmann Vanderbrouck (Michel Beaune), der mit seinen öffentlichen Latrinen nicht nur Geld verdient, sondern auch die Gegend verpestet. Doch Cordier scheint dies alles locker zu sehen.

Locker nimmt er es auch hin, dass seine Frau Huguette (Stéphane Audran) es ganz offensichtlich mit ihrem angeblichen Bruder Nono (Eddy Mitchell) treibt, der bei beiden wohnt und Huguette „Mama“ nennt. Als Ausgleich verbringt Cordier ab und an seine Zeit in Roses Bett.

Tavernier zeichnet ein von Beginn an etwas seltsam anmutendes Bild des Lebens in einer französischen Kolonie am Vorabend des zweiten Weltkrieges. Man weiss nicht so recht, ob man über das Verhalten der Figuren lachen oder weinen soll. Man erkennt kaum, ob Tavernier eine Art Satire zeigen will oder es darauf anlegt, die tragischen Folgen des Verhaltens von Leuten zu dokumentieren, die man als „white trash“ in einer französischen Kolonie bezeichnen könnte.

„Eigentlich müsste ich den Reichen
und Mächtigen die Daumenschrauben
anlegen. Aber dazu habe ich kein
Recht, eben weil sie reich und mächtig sind.“

Ausgangspunkt für die weitere Entwicklung der Geschichte ist es, dass Cordier sich von Kollegen in einer grösseren Stadt, die ihn verulken wollen, indem sie ihm kräftig in den Hintern treten, erzählen lässt, er solle sich von üblen Kerlen wie dem Zuhälter Le Peron nichts gefallen lassen, ihm den Garaus machen. Als Cordier nach Bourkassa zurückkehrt, erschiesst er Le Peron und seinen Handlanger, nachdem er sie mit vorgehaltener Waffe gezwungen hatte, ein Lied zu singen.

Auch bei dieser Szene fragt man sich: Ist das ernst gemeint? Oder will Tavernier Cordier immer noch als einen Dummkopf hinstellen, der dumme Spässe ernst nimmt und nicht weiss, was er tut. Diese Darstellung, die Unentschlossenheit, sich für Satire oder Tragödie zu entscheiden, die durch Philippe Noirets Spiel noch verstärkt wird, macht es einem schwer, mit dem Film in irgendeiner Weise warm zu werden. Im weiteren Verlauf der Handlung ermordet Cordier auch Roses Ehemann und den Senegalesen „Freitag“ (Samba Mané), der die Leiche Mercaillous gefunden und gehört hat, wie Rose aus Unvorsichtigkeit Cordier als dessen Mörder benannt hat.

Dabei offenbart Cordier gegenüber seinen Opfern eine Skrupellosigkeit und Gefühllosigkeit, die wiederum darauf hindeuten, dass Tavernier einen Mann zeigen will, der aus seiner schäbigen Situation als mieser, kleiner Polizist, umgeben von rassisistischen Kollegen und Senegalesen, die ihn sowieso nicht interessieren, eine Art „Erlöser“-Pose inszenieren will (so, wie es in den hier zitierten Worten Cordiers am Schluss des Films offenbar wird). Cordier erscheint jetzt als ein Mensch, der sich in seinen Allmachtsphantasien das Recht nimmt, über Leben und Tod zu entscheiden, den „weissen Abfall“ zu beseitigen.

Geschickt fädelt er am Schluss auch den Tod seiner Frau und Nonos ein, nachdem er zunächst auch Rose als armseliges Opfer selbst töten wollte. Rose erschiesst die beiden, weil die vermuteten, sie habe das Geld Huguettes. Als Nono Rose verprügelt, greift die zum Revolver, den ihr Cordier besorgt hatte.

Eingewoben in diese vertrackte und dramaturgisch kaum überzeugende Handlung ist dann noch eine genauso wenig glaubhafte Liebesgeschichte zwischen Cordier und der neuen Lehrerin am Ort, Anne (Irène Skobline). Warum diese junge Frau überhaupt Gefallen an Cordier findet, bleibt unerfindlich. Ebenso unerfindlich bleibt, warum Huguette ihren Mann nicht einfach mit Nono verlässt. Sie hält Cordier eh für einen Schlappschwanz. Weil sie noch mehr Geld sparen muss, um den Senegal zu verlassen? Weil Cordier sie nicht gehen lassen würde? Wohl kaum. Ebenso aufgesetzt wirken die Szenen, in denen der Zuhälter Le Peron auf Leichen im Fluss schiesst oder Chavasson (Guy Marchand), der Polizistenkollege Cordiers, in allzu plakativer Weise seinen Rassismus preis gibt.

„Also kann ich meine Berufung nur
erfüllen, indem ich doppelt so hart
auf die Armen einschlage, auf die
Unglücklichen, die Neger, auf so
arme Mädchen wie dich, die ein
anderes Körperteil mehr nutzen als ihr Gehirn.“

„Coup de torchon“ ist einfach nicht „rund“. Die erzählerischen Brüche, die unscharfen, teilweise widersprüchlichen Charakterzeichnungen, das Schwanken zwischen halbgarer Satire und ebenso halbgarer Tragödie verleiden einem eine innere Beziehung zum Dargestellten; der Film liess mich kalt. Auch der Originaltitel – „Heftiger Streit“ – deutet auf diese Unentschlossenheit. Ist auch der Titel ironisch gemeint? Dann verstehe ich zumindest die Ironie nicht. Die hier eingestreuten Zitate von Cordier in einem letzten Gespräch zwischen ihm und Rose deuten auf mehr, als der Film wirklich überzeugend zu vermitteln vermag. Und Rose? Sie ist entsetzt über Cordiers Worte. Aber warum eigentlich? Sie war glücklich über den Mord Cordiers an ihrem Mann. Diese Worte geben vielleicht wieder, was Tavernier zeigen wollte – allein das ist ihm kaum gelungen.

Der Film wurde teilweise gelobt als Satire auf den moralischen und politischen Verfall der europäischen Zivilisation am Vorabend des zweiten Weltkrieges. Auch hier kann ich nur in flüchtigen Ansätzen sehen, was vielleicht geplant war. Das mag seinen Grund auch darin haben, dass Tavernier den Ort der Handlung (nach einer Romanvorlage von Jim Thompsons „POP 1280“) aus einer rassistischen Kleinstadt in den Südstaaten der USA nach Afrika verlegte. Thompsons Roman schildert mit schwarzem Humor die Geschichte eines Sheriffs, der zwecks seiner Wiederwahl alles aus dem Weg räumt, was dem entgegensteht – eine bitterböse Satire auf amerikanische Redneck-Mentalität. Bei Tavernier ist davon kaum noch etwas zu spüren.

Philippe Noiret, der in mehreren Filmen des Regisseurs die Hauptrolle spielte, ein begnadeter Mime, kann diese widersprüchliche Anlage der Person Cordiers nicht auflösen. Isabelle Huppert, hat einige wenige gute Szenen, ist aber in ihren Fähigkeiten unterfordert und mit der Rolle überfordert.

Ulrich Behrens

Der Saustall

Frankreich 1981 - 128 min.

Regie: Bertrand Tavernier
Drehbuch: Jean Aurenche, Bertrand Tavernier
Darsteller: Philippe Noiret, Isabelle Huppert, Stéphane Audran
Produktion: Henri Lassa, Adolphe Viezzi
Musik: Philippe Sarde
Kamera: Pierre-William Glenn
Schnitt: Armand Psenny

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