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Der weisse Hai Hi !!

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Es ist warm. Die Luft ist trocken. Die See ist ruhig in Amity Island. Etliche Badegäste tummeln sich, Familien mit Kindern, Singles jedes Alters, Sonnenschirme, der Geruch von Badeöl und -creme.

BuchCover von Peter Benchley’s Jaws.
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Bild: Buch-Cover von Peter Benchley's Jaws. / Roger Kastel (PD)

8. Juni 2020

08. 06. 2020

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Das Wasser ist ruhig. Die Kinder können einige Meter hinein gehen, ohne gleich mit dem Kopf unter Wasser zu kommen. Es wird gelacht, geredet, geschwiegen, gerufen, die Kinder amüsieren sich mit dem Sand und dem Wasser, mit Luftmatratzen und Schwimmhilfen. Eine ausgelassene Stimmung. Die Sonne wärmt, es ist wunderbar.

Nur einer sitzt da am Strand, angespannt, die Augen immer auf das Meer gerichtet, einer der aus New York kommt und dort weggegangen war, weil er die steigende Kriminalität nicht mehr ausgehalten hatte, weil er seine Ruhe wollte – auch im Beruf – und obwohl er wasserscheu ist. Chief Brody (Roy Scheider) starrt auf das Meer, beobachtet jede Regung im Wasser, beobachtet seine eigenen Kinder, während seine Frau Ellen (Lorraine Gary) im Sand sitzt und sich sonnt. Messerscharf scheint sein Blick – denn nur wenige Tage zuvor war eine Frau tot an den Strand gespült worden, zerrissen, zerfleischt. Zuerst hatte der örtliche Arzt von einer Hai-Attacke gesprochen. Doch nun ist plötzlich die Rede von einer Schiffsschraube, in die die Frau geraten sein könnte. Amity Island erwartet viele Touristen in diesem herrlichen Sommer. Und Bürgermeister Vaughn (Murray Hamilton) kann keine Haie gebrauchen:

„Martin, it's all psychological.
You yell barracuda, everybody
says, "Huh? What?" You yell shark,
we've got a panic on our hands
on the Fourth of July.”

hatte er Brody gesagt und ihm untersagt, den Strand zu schliessen.

Das Wasser ist noch immer ruhig. Die Kamera fährt über die ruhige See, zeigt uns die Badenden, auch aus dem Wasser heraus. Ihre Beine strampeln, schwimmen. Alles lebt, regt sich. Die Luft ist erfüllt von der Ruhe und Ausgelassenheit der Gäste. Der 4. Juli naht und mit ihm erwartet Amity Island viele, viel zahlende Gäste.

Und innerhalb von wenigen Sekunden bricht das alles zusammen. Eine Flosse, eine schnelle kräftige Bewegung, Menschen rennen, manche fast wie gelähmt, aus dem Wasser. Alle entkommen – nur einer entkommt nicht. Ein Junge. Nur eine zerrissene Luftmatratze wird an den Strand gespült. Eine Mutter steht am Wasser, ruft, schaut, ihr Junge ist nicht mehr zu sehen. Nichts ist bis zu dieser Stelle wirklich von dem Biest zu sehen. Und doch wusste jeder Kinogänger von Anfang an, was auf ihn zukommt – sichtbar oder nicht.

Steven Spielbergs „Jaws” war das Kinoereignis des Jahres 1975 und brach an den Box Offices alle Rekorde. Millionen strömten in den Film und zahlreiche Haie mussten in der Folgezeit ihr Leben lassen, weil Spielberg sie zu Monstern erklärt hatte. Der weisse Hai – eine Attrappe im Film – war eine denkende, bewusst handelnde, mörderische, rächende Bestie, die den Kampf gegen seine Verfolger aufnahm, um ihnen den Garaus zu machen. Alles, was Wissenschaftler über das Verhalten von Haien eruiert hatten, galt für lange Zeit nach diesem Film offenbar nicht mehr. Statt dessen schien zu gelten: Fiktion wurde zur falschen Realität.

Das hatte Gründe. Denn „Jaws” setzte neue Massstäbe des Schreckens, des Gruselns und der Angst. Wie Hitchcock in „Birds” harmlose Vögel zu kollektiv und bewusst angreifenden Bestien deklariert hatte, wurde der Hai 1975 zu einem Monster der ersten Art. Nur schwer können diese „falschen” Ängste ausgeräumt werden – trotz der Tatsache, dass pro Jahr weltweit lediglich 100 Hai-Angriffe registriert werden und davon fünf bis zehn tödlich enden, vor allem aufgrund von menschlichem Fehlverhalten. Umgekehrt werden pro Jahr 100 Millionen Haie von Menschen getötet (manche sprechen gar von einer Dunkelziffer, die doppelt so hoch liegt) – aus wirtschaftlichen Gründen, um Trophäen zu sammeln oder um angeblich andere Fischbestände (Thunfische etwa) zu schützen; 70 Arten sollen bereits ausgestorben sein.

Für Chief Brody jedenfalls ist der zweite Todesfall Anlass genug, nun doch die Strände zu schliessen. Er holt sich einen Experten, Matt Hopper (Richard Dreyfuss), der sich seit seiner Kindheit – als er es mit einem Hai zu tun bekommen hatte – für die Spezies interessiert. Hopper vermutet, dass der angriffslustige Geselle die Gewässer vor Amity Island zu seinem Revier auserkoren hat und so lange hier bleiben wird, bis er nichts mehr zu fressen findet.

Brody bekommt die ganze Verzweiflung der Mutter des zweiten Opfers zu spüren – und er erkennt, dass er einen Fehler gemacht hat, weil er nicht sofort nach dem Fund der ersten Leiche den Strand hat sperren lassen. Bürgermeister Vaughn hingegen will Ruhe auf der Insel. Als er ein Preisgeld aussetzt, finden sich schnell ein paar Leute, die auch schon bald einen Hai erlegen. Die Ruhe scheint gewahrt, der 4. Juli gerettet. Vaughn lässt die Strände wieder öffnen. Doch Hopper weiss genau, dass der erlegte Hai nicht das Tier ist, das für die Opfer verantwortlich ist.

Um dies zu beweisen, will er den erlegten Hai aufschneiden. Denn wenn dieser Hai einen Menschen verspeist haben sollte, dann müssten sich noch Teile dieses Menschen in ihm befinden. Vaughn ist dagegen – doch Brody und Hopper machen sich ans Werk und finden im Innern des Tieres: ein Autokennzeichenschild und einige andere Gegenstände, aber keine Reste eines Menschen.

Der Entschluss ist gefasst: Entweder man lässt den Hai gewähren und schliesst die Strände, bis er die Gewässer um Amity Island verlassen hat, oder man macht sich auf die Jagd. Brody, Hopper und der Hai-Jäger Quint (Robert Shaw) beschliessen, den weissen Hai zu jagen – trotz Brodys Angst vor dem Wasser und vor Schiffen:

„Brody: It doesn't make any sense
when you pay a guy like you to
watch sharks.
Hooper: Well, uh, it doesn't make
much sense for a guy who hates
the water to live on an island either.
Brody: It's only an island if you look
at it from the water.
Hooper: That makes a lot of sense.”

Der Kutter von Quint fährt hinaus, not to catch a thief but a shark ...

Ich könnte Spielberg „Jaws” immer mal wieder anschauen – und das tue ich auch. Warum?

Vielleicht ist es diese enorme Spannung, die aus der Inszenierung selbst erwächst – aus dem prallen Gegensatz einer Ferieninsel, von der man selbst des öfteren träumt, mit blauem Himmel, friedlichem Meer, exzellenter Stimmung, wärmender Sonne hier – und dieser lauernden, unsichtbaren Gefahr andererseits, einer Gefahr, die urplötzlich im wahrsten Sinn des Wortes „auftaucht”, zuschlägt und wieder verschwindet. Diese zerreissende Spannung geht zurück auf ein Urbedürfnis, ich würde sagen: fast aller Menschen, das Bedürfnis nach etwas, das einem das Gruseln lehrt, das einen erschreckt, ohne dass man selbst wirklich in Gefahr wäre.

Vielleicht ist es auch die exzellente Besetzung, vor allem der Rollen von Hopper, Quint und Brody, einer „Männergemeinschaft”, die auszieht – nein, nicht um das Fürchten zu lernen, sondern um ihm ein Ende zu bereiten. Roy Scheider in der Rolle des Chief ist – und dieses Wort benutze ich nun wirklich nicht oft – cool. Scheider spielt diesen Chief – trotz der realen Gefahr – als einen ruhigen, überlegten, nachdenklichen Mann. Daneben Richard Dreyfuss – einer dieser „typischen” Naturwissenschaftler, die in ihrem Metier nicht nur Experten sind und das überall raus hängen lassen, sondern auch nicht locker lassen, um der Gefahr zu begegnen. „Sie machen in Haien?” fragt ihn Ellen Brody eines Abends, als er bei ihr und ihrem Mann mit zwei Flaschen Wein auftaucht, und er lacht und lässt den Korken knallen.

Es ist auch dieser Humor, der den Film des öfteren durchzieht, eine Art Galgenhumor angesichts der Opfer und der Absicht der drei Männer, den sechs bis acht Meter messenden Hai zu fangen. Und schliesslich Quint, ein ungehobelter, oft zynischer, aber kein schlechter Kerl, der in die Gefahr eintaucht wie andere ins Wasser – auch hier eine exzellente Besetzung mit Robert Shaw, der zwei Jahre zuvor in „The Sting” jenen Doyle Lonnegan gespielt hatte, den Robert Redford und Paul Newman so überaus exzellent übers Ohr hauen durften.

Vielleicht sind es auch jene gruseligen Szenen, in denen die Wasseroberfläche zur Scheidewand zwischen Frieden und Krieg wird, die Kameraführung von Bill Butler.

Und vielleicht ist es auch jene lange Schlusssequenz, in der nur noch der Hai hier, die drei Männer auf dem Kutter dort eine gegenseitige Jagd veranstalten, bei der es nur noch um eine Frage geht: Wer bleibt Sieger?

Vielleicht? Nein, es sind alle diese Momente und last but not least die Musik von John Williams, die einem Schauer über den Rücken laufen, die „Jaws” immer wieder zu einem Erlebnis besonderer Art werden lässt.

Übrigens: Man vergesse alle Sequels von 1978, 1983 und 1987. Keiner dieser Filme kommt an Spielbergs „Jaws” auch nur annähernd heran – Filme, die lediglich auf Kasse setzten.

Ulrich Behrens

Der weisse Hai

USA

1975

-

124 min.



Regie: Steven Spielberg

Drehbuch: Peter Benchley, Carl Gottlieb

Darsteller: Roy Scheider, Robert Shaw, Richard Dreyfuss

Produktion: David Brown, Richard D. Zanuck

Musik: John Williams

Kamera: Bill Butler

Schnitt: Verna Fields

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