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Der Tiger von New York | Untergrund-Blättle

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Kultur

Der Tiger von New York Dschungel der Grossstadt

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„Der Tiger von New York” ist eine besonders eigenwilliges Beispiel für einen film noir, in dem Kubrick bereits einige der Elemente seiner spezifischen Art und Weise, Filme zu drehen, offenbarte.

Selbstporträt von Stanley Kubrick mit einer Leica III.
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Bild: Selbstporträt von Stanley Kubrick mit einer Leica III. / Stanley Kubrick (PD)

28. April 2020
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Der Film entstand in unmittelbarer Nähe der damaligen Wohnung Kubricks in Greenwich Village. Zu sehen sind Penn Station, der Broadway, Times Square, der Garment District und einige andere Lokalitäten im Herzen New Yorks. Der damals 26jährige Kubrick selbst filmte und schnitt die Low-Budget-Produktion (75.000 Dollar), die eine kalte, dunkle, von Neonlicht, Gewalt und Einsamkeit beherrschte Grossstadt zeigt, in der scheinbar der Zufall eine Geschichte ins Rollen bringt, die wiederum nur Gewalt und Tod zu bringen scheint.

Die Geschichte selbst scheint ebenfalls simpel und entwickelt sich in gerade einmal 67 Minuten. Der wenig erfolgreiche Boxer Davy (Jamie Smith) verliert gegen einen jüngeren Kollegen und entschliesst sich, New York zu verlassen und zu seinem Onkel nach Seattle zu ziehen. Das einzige, was ihn noch halten könnte, ist eine Frau, die Davy von seinem Fenster aus beobachtet und die ihn fesselt. Gloria Price (Irene Kane) ist jung, blond und schön. Sie ist Tänzerin in einem der zahlreichen Lokale, das dem alternden Gangster Rapallo (Frank Silvera) gehört. Rapallo meint, auch Gloria gehöre ihm und ist rasend vor Eifersucht, wenn sie mit einem der jüngeren Männer tanzt. Als er sie eines Tages bedrängt und Gloria schreit, weil sie von Rapallo nichts mehr wissen will, kommt ihr Davy zu Hilfe. Gloria erzählt Davy, wie sie zu ihrem Job gekommen ist, von ihrer Schwester Iris (Ruth Sobotka), die sich wegen des Todes ihres Vater umgebracht hatte, und Davy bietet ihr an, sie nach Seattle mitzunehmen.

Als Rapallo davon erfährt, dass Gloria ihn verlassen will, hetzt er zwei seiner Gangster auf sie und ihren Geliebten. Wiederum der Zufall will es, dass ein anderer statt Davy dran glauben muss, den Rapallos Leute für den Geliebten Glorias halten. Davy selbst bekommt es mit der Polizei zu tun, weil die ihn für den Mörder halten. Gleichzeitig versucht er Gloria zu finden, die von Rapallo entführt wurde. Es beginnt eine Hetzjagd durch die Strassen der Stadt.

Kubrick filmte mit einer Handkamera in den Strassen von New York, im Boxring – diese Bilder gehören zu den schönsten des Films und erinnern an einen späteren Film Scorseses („Raging Bull”) –, in dunklen und gefährlichen Hinterhöfen, in herunter gekommenen, fast menschenleeren Strassen, in einem Tanzlokal und in der Schlussszene in einer Halle, in der Dutzende von Schaufensterpuppen aufbewahrt werden. Während der Film anfangs wie eine Aneinanderreihung von filmischen Skizzen wirkt – Davy beim Boxen, in seiner Wohnung, in der Umkleidekabine, nachdenklich, fast depressiv –, entwickelt sich nach einer Viertelstunde eine unglaubliche Dynamik, die sich bis zum Schluss hin ständig steigert. Die Verfolgungsjagd gehört für mich zu den schönsten und gelungensten Beispielen eines Showdown, obwohl oder gerade weil sie mit minimalen Mitteln gedreht wurde.

Der Zweikampf zwischen Davy und Rapallo zwischen den Schaufensterpuppen steht dabei schon für die in späteren Filmen zur Vollendung geführte spezifische Symbolik Kubricks, hier bezüglich Sex und Gewalt. Für eine Traumsequenz benutzte Kubrick Negativbilder, die die Strassen von New York zeigen und alptraumhaft angelegt sind. Aus dem Traum erwacht Davy durch den Schrei Glorias. Auch hier wieder der Zusammenhang von Sex und Gewalt.

Die Personen wirken einerseits stilisiert – Rapallo ist ein Bilderbuchgangster, Gloria eine kühle Bilderbuchblonde, Davy das Abziehbild eines deprimierten Loosers –, andererseits aber wiederum auf überzeugende Weise authentisch, nämlich als Verlorene in einer Grossstadt, die sich nur durch Gewalt dem völligen Untergang entziehen können. Alle suchen in anderen Personen nur einen Ausweg: Davy glaubt, eine Beziehung zu Gloria könnte ihn aus seinem Tief befreien. Gloria glaubt, Davy könne sie aus der Abhängigkeit der Stadt und Rapallos herausholen. Rapallo glaubt, nur durch Gewalt und Zwang könne er in der Stadt überleben und seine Wünsche erfüllen.

Auch in den mehrfach vorkommenden statischen Bildern zeigt Kubrick bereits seine Vorliebe fürs Detail, ja seine penible Sorge darum, dass in diesen Bildern „alles stimmig” sein muss – etwa in der Szene, in der Davy Gloria von seiner Wohnung aus beobachtet. Auch als er mit seinem Onkel telefoniert, sieht man Gloria auf der anderen Seite des Blocks, dann allerdings in einem Spiegel. Kubrick zeigt seine Figuren durch Fenster, Türen, Gänge, Treppenaufgänge – sie wirken wie gerahmt, um ihre Grenzen und die Begrenztheit ihres Lebens zu zeigen. Später wird man u.a. in „The Shining”, „2001: A Space Odyssee”, „A Clockwork Orange” und „Barry Lyndon” viele dieser Stilmittel zur Reife ausgeprägt wiederfinden.

Dass der Film mit einem Happyend schliesst, liegt kaum in der Logik der Geschichte, sondern hat seinen Grund wohl eher darin, dass die Produktionsfirmen solches zu jener Zeit erwarteten (United Artists kaufte den Film damals von Kubrick). Der „richtige” Schluss der im Rückblick von Davy selbst erzählten Geschichte wäre es vielleicht gewesen, dass der erfolglose Boxer allein in den Zug nach Seattle eingestiegen wäre. Trotzdem kündet „Killer’s Kiss”, dem man den äusserst dämlichen deutschen Titel „Der Tiger von New York” verpasste, von den grossen Kubrick-Filmen, die schon bald folgen sollten.

Übrigens spielte Kubricks damalige Frau Ruth Sobotka in dem Film die Schwester Glorias, die Tänzerin Iris.

Ulrich Behrens

Der Tiger von New York

USA

1955

-

67 min.

Regie: Stanley Kubrick

Drehbuch: Stanley Kubrick, Howard Sackler

Darsteller: Frank Silvera, Irene Kane, Jamie Smith

Produktion: Stanley Kubrick, Moris Bousel

Musik: Gerald Fried

Kamera: Stanley Kubrick

Schnitt: Stanley Kubrick

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