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Der Schlafwandler | Untergrund-Blättle

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Der Schlafwandler Immer schön wach bleiben ...

Kultur

Gute Thriller, die ihr Publikum noch schrecken können und die bis zum Schluss spannend bleiben, sind rar.

Tuva Novotny (hier in Goa 2005) spielt in dem Film die Rolle der Tochter Saga.
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Bild: Tuva Novotny (hier in Goa 2005) spielt in dem Film die Rolle der Tochter Saga. / Ministry of Information & Broadcasting (GODL-India)

4. Juli 2022
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In skandinavischen Ländern findet man solche Filme ab und an, und sie können wirklich begeistern. Der 2000 von Johannes Runeborg inszenierte Thriller „Sleepwalker“ gehört zu den Filmen, auf die Hollywood einmal mehr scharf ist. Joel Schumacher („Nicht auflegen“, 2002) plant ein Remake von „Sleepwalker“ produzieren. Runeborg arbeitet mit Täuschungen, überraschenden Wendungen, Irreführungen des Publikums – und zwar so gut, dass es eine helle Freude ist.

Die Familie Hansson scheint eine durchschnittliche schwedische Familie zu sein. Vater Ulrik (Ralph Carlsson) geht seiner Arbeit als Architekt nach, seine Frau Monika (Ewa Carlsson) versorgt das Haus und zwei kleine Kinder. Tochter Saga (Tuva Novotny) geht bereits ihre eigenen Wege. Nach einem gemeinsamen Urlaub mit dem befreundeten Ehepaar Fredrik (Mats Rudal) und Helen (Sylvia Rauan) scheinen alle wieder froh, zu Hause in Stockholm zu sein. Ulrik filmt die letzten gemeinsamen Stunden mit Fredrik und Helen im Haus der Hanssons mit der Videokamera.

Ulrik ist ein liebevoller Familienvater, aber völlig überarbeitet. Eines Nachts wacht er auf und verspürt arge Schmerzen in der Brust. Monika hat schon die Notaufnahme des Krankenhauses am Apparat, als sich Ulriks Zustand plötzlich wieder bessert. Als er dann jedoch morgens erwacht, packt ihn das Grauen: Er liegt in einer Blutlache, seine Familie ist verschwunden. Verzweifelt ruft er die Polizei und Saga an. Inspektor Levin weiss zunächst überhaupt nicht, was er von dem merkwürdigen Vorfall halten soll. Das Blut erweist sich als Fischblut. Einbruchsspuren sind nicht vorhanden. Doch wo ist die Familie? Im Keller des Hauses findet Hansson seine mit Lehm beschmierten Stiefel. Da er an Schlaflosigkeit leidet und aus diesem Grund Tabletten einnimmt, hat er den Verdacht, er könne schlafgewandelt sein. Hat er seine Frau und die beiden Kinder ermordet? Von seinem Arzt, Dr. Christian (Donald Högeberg), den auch die Polizei vernimmt, weiss Hansson, dass die Einnahme von Schlaftabletten mit Alkohol dazu führen kann, dass er nachts schlafwandelt.

Um dies festzustellen, bindet er sich vor dem Einschlafen die Videokamera auf die Schulter und stellt sie ein. Sein Verdacht scheint sich zu bestätigen: Am Morgen zeigt ihm die Aufzeichnung, wie er nachts mit dem Auto zum Ferienhaus der Familie gefahren ist und Bündel in einen nahe gelegenen Brunnen geworfen hat. Dann zeigt die Kamera ein Auto. Die Aufnahme bricht ab. Später findet die Polizei das Auto von Monika Hansson. In dem Haus, in das die Familie Hansson demnächst einziehen wollte, findet Inspektor Levin etliche verpackte Leichenteile sowie auf dem Boden ausgebreitete blutverschmierte Kleidungsstücke.

Inzwischen hat Ulrik Stockholm verlassen. Er hat den Verdacht, dass seine Frau und die Kinder mit dem Zug nach Oslo gefahren sind. Die Polizei fahndet nach ihm, weil sie jetzt den Verdacht hat, er habe seine Frau und die beiden Kinder ermordet.

Doch dann tauchen die drei plötzlich wieder zu Hause auf ...

Ein ganz erstaunlicher Film, den Johan Runeborg da in Szene gesetzt hat – zunächst vor allem deshalb, weil der Regisseur auf Effekthaschereien jeglicher Art vollständig verzichtet, ebenso auf übermässig solchen Zwecken dienende Musik. Das Drehbuch von Johan Brännström konzentriert sich fast vollständig auf die Hauptperson, den von Schlaflosigkeit geplagten Familienvater, der unbedingt herausbekommen will, ob er seine Frau und die beiden jüngeren Kinder getötet hat. Das Skript legt eine solche Vorgehensweise nahe, da Schlafwandler unter bestimmten Bedingungen – ohne hinterher davon noch zu wissen – in der Lage zu sein scheinen, auch gefährliche Dinge zu tun. Zumindest hat Hansson selbst diesen Verdacht.

Doch Runeborg und Brännström leiten nicht nur einmal den Zuschauer auf falsche Fährten. Der Film funktioniert nach dem Muster: Sobald man sicher ist, die Lösung gefunden zu haben, wendet sich alles in eine andere Richtung. Mal hält man Hansson für unschuldig und für das Opfer eines anderen Täters, mal scheint man kaum noch bezweifeln zu können, dass er gemordet hat. Hanssons verzweifelte Bemühungen, seine möglichen nächtlichen Ausflüge mit der Kamera festzuhalten, baut Runeborg so geschickt in die Handlung ein, dass wiederum falsche (oder auch richtige?) Fährten gelegt werden.

Die Lösung des Falls bleibt dem Schluss des Films vorbehalten. Und wer meint, er habe den Film vorher enträtseln können, muss schon ein enormes Talent besitzen. Der Wechsel zwischen der Kamera, die uns die tägliche, und der, die uns die nächtliche Realität zu vermitteln scheint, gerät zunehmend zu einem Spiel zwischen Realität, Phantasie und Traum, die man kaum noch festmachen kann. Runeborg verzichtete übrigens auch auf die üblichen Überzeichnungen im Genre, auf Übertreibungen wie über-dramatisierte Schockeffekte.

Der Film bleibt insofern auf dem Boden der Tatsachen, als er das Geschehene nüchtern, fast trocken einfängt. Ralph Carlsson spielt diesen Ulrik Hansson derart überzeugend, dass man sich diese Figur lebhaft als Mensch von nebenan vorstellen kann. Tuva Novotny als seine grössere Tochter und Anders Palm als resigniert wirkender Inspektor, der ständig mit einem Zahn zu kämpfen hat, tragen das ihre dazu bei, dem in zumeist düsterer Atmosphäre gedrehten Film einen ununterbrochenen Spannungsbogen zu verleihen.

95 Minuten reichten Runeborg für seinen Nervenkitzel. Logische Ungereimtheiten weist der Film nicht auf. Und wenn man am Anfang des Films gut aufgepasst hat, erschliesst sich des Rätsels Lösung am Schluss wie von selbst.

Ulrich Behrens

Der Prozess

Schweden

2000

-

95 min.

Regie: Johannes Runeborg

Drehbuch: Johan Brännström

Darsteller: Ralph Carlsson, Tuva Novotny, Ewa Carlsson

Produktion: Johan Harnesk

Musik: Christian Kribbe Sanqvist

Kamera: Håkan Holmberg

Schnitt: Johannes Runeborg, Johan Brännström

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