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Der Schakal (1997) | Untergrund-Blättle

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Kultur

Der Schakal (1997) Idiotic Plot

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Fred Zinnemanns „Der Schakal“ (1973) gehört zu den Meisterwerken der Filmkunst.

Bruce Willis (hier 2018 in San Diego) spielt im Remake von 1997 die Rolle des Schakals.
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Bild: Bruce Willis (hier 2018 in San Diego) spielt im Remake von 1997 die Rolle des Schakals. / Gage Skidmore (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

5. April 2021
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Der Altmeister („Das siebte Kreuz“, 1944; „High Noon“, 1952) erzeugte über zwei Stunden Dauerspannung, in dem er eine Welt des Kalten Krieges vorführte, in der Skrupellosigkeit auf allen Seiten herrscht: auf seiten des Killers (Schakal) und seiner Auftraggeber, der OAS, die den französischen Staatspräsidenten de Gaulle wegen dessen Algerienpolitik ermorden wollten, wie auf seiten der Staatsorgane, denen jedes Mittel recht war, um diesen Anschlag zu verhindern. Zinnemann zeigte Amoralität, intellektuelle Debilität und Skrupellosigkeit als entscheidende Kennzeichen einer Welt, in der Machterwerb respektive -erhalt zum einzigen Lebensinhalt geworden waren.

„Der Schakal“ von Regisseur Michael Caton-Jones aus dem Jahre 1997 ist formal zwar ein Remake des Klassikers von Zinnemann; die Ausgangskonstellation – Staatsorgane jagen einen zunächst unbekannten Killer, der einen Anschlag auf einen Repräsentanten des Staates plant – entspricht der des älteren Films. Damit hören die Gemeinsamkeiten beider Filme aber auch schon auf.

Der russische Mafia-Terrorist Terek Murad (David Hayman) will sich für die Tötung seines widerlichen Bruders Ghazzi (Ravil Issyanov) bei einer gemeinsamen Aktion des amerikanischen FBI unter Leitung von Carter Preston (Sidney Poitier) und der russischen Sicherheitsorgane unter Führung von Valentina Koslova (Diane Venora) rächen und beauftragt einen skrupellosen Profikiller, dessen Identität unbekannt ist und der als „Der Schakal“ von sich reden machte (Bruce Willis), mit der Ermordung einer Person in amerikanischen Regierungskreisen.

70 Millionen Dollar verlangt der Killer und bereitet das Attentat vor. Bei einem gewissen Ian Lamont (Jack Black) in Kanada gibt er den Bau eine Abschussvorrichtung in Auftrag, computergesteuert und geeignet für eine Spezialwaffe. Falsche Papiere, ein mit Gift präpariertes Auto, ständiges Wechseln des Aussehens, der Haarfarbe und der Identität sollen ihn bis Washington bringen, um dort seinen Auftrag zu erledigen.

Durch die Festnahme und Folter eines Kuriers von Terek Murad erhalten Preston und Koslova erste Informationen über den Schakal. Aus anderen Quellen erfahren sie, dass die ehemalige baskische Terroristin Isabella Decker (Mathilda May) eine der wenigen sein soll, die den Schakal schon einmal gesehen hat. Nur weiss niemand, wo sich Isabella aufhält – ausser dem in einem US-Gefängnis einsitzenden IRA-Terroristen Declan Mulqueen (Richard Gere), der mit Isabella einmal liiert war. Mulqueen erklärt sich nach Verhandlungen bereit, das FBI zu unterstützen und führt Preston zu Isabella, die inzwischen mit einem Amerikaner verheiratet ist. Das FBI vermutet, dass der Schakal die Ermordung des stellvertretenden FBI-Chefs Donald Brown (John Cunningham) plant. Schliesslich kommt man dahinter, dass der Killer von Kanada aus per Segelboot in die Staaten einreisen will. Seine Zielperson allerdings ist nicht der FBI-Vize ...

Ich habe ehrlich gesagt selten einen Plot verfolgt, der von derart viel Lieblosigkeit, Drehbuch-Dummheit, unglaubwürdiger Besetzung, ebenso unglaubwürdigen Verhaltensweisen und fast völlig fehlender Spannung gekennzeichnet ist wie dieses Pseudo-Remake. Mal ganz abgesehen von den gängigen und ausgelutschten Nach-Kalter-Kriegs-Klischees – z.B. russische Ex-Geheimdienstler und jetzige Mafiosi als extrem ungehobelte, saufende, fluchende Idioten und Psychopathen – ist die Besetzung des Films, um hier einmal anzufangen, geradezu absurd.

Bruce Willis spielt einen skrupellosen Killer, nur, dass er völlig lustlos, fast schon gelangweilt durch den Film schleicht, ohne der Figur dieses Schakals irgendwelche Konturen geben zu können. Sidney Poitier, dieser grossartige Mime, wird zum Statisten des Drehbuchs degradiert. Diane Venora hat weniger zu spielen als zu rauchen. Aber die grösste Katastrophe in diesem Spektakel ist Richard Gere. Es tut mir leid, aber ich nehme ihm weder den IRA-Terroristen, noch seine im Verlauf der Handlung behauptete Wandlung vom Saulus und zum Paulus ab.

Gerade erst sitzt er eine langjährige Haftstrafe wegen Mordes ab, im nächsten Moment hilft er den Staatsorganen bei der Suche nach einem Killer, motiviert durch einen persönlichen Konflikt mit dem Schakal, und wird im zweitnächsten Moment fast schon Freund des FBI-Ermittlers.

Selbst wenn man aber davon absieht, strotzt die Geschichte von Absurditäten en gros. Ausgangspunkt ist die Ermordung irgendeines hohen Tieres in US-Regierungskreisen durch einen einzelnen Killers. Das bedeutet, was sich jedes Kind ausrechnen kann, das schon einmal Verstecken gespielt hat: möglichst wenig Aufmerksamkeit zu erwecken, was Logistik, Einreise, Vorbereitung und Ausführung der Tat usw. angeht. Was macht unser Killer? Genau das Gegenteil.

Er probiert seine Waffe samt Unterbau aus, bis sie ihr Ziel trifft, zwar in einer verlassenen Gegend irgendwo in Kanada, aber mit viel Lärm – doch nicht etwa, damit irgend jemand vielleicht doch etwas mitbekommt? Jack Black ist ja wirklich ein netter Kerl, aber als Ian Lamont, der Willis das „Stativ“ für die Mordwaffe zimmert, fragt er so viel über dessen Absichten, dass man annehmen muss, Lamont wolle sich selbst ins Grab verfrachten – was dann auch bei dem lauten Probeschiessen passiert. Das widerspricht jeglichem gesunden Menschenverstand.

Die Grenze zwischen Kanada und den Staaten ist nicht gerade kurz, und es bieten sich sicherlich viele Möglichkeiten, unerkannt in die USA einzureisen. Was macht Willis Schakal? Getöse. Er schippert in einem gekauften oder gemieteten Segelboot über einen der grossen Seen auf die andere Seite. Ich fasse es nicht! Als er dann dort ankommt und vom FBI und Mrs. Koslova bereits erwartet wird (!), kann er entkommen, weil ausser Mulqueen und Koslova im entscheidenden Moment niemand anwesend ist! Besteht das FBI und der russische Sicherheitsdienst aus lauter Deppen? Willis Schakal besprüht sein Auto mit einer giftigen Substanz, um Neugierige vom Schnüffeln abzuhalten. Einer fasst das Auto an und stirbt an dem Gift. Wer kann man mir erklären, dass so etwas eine Methode sein soll, möglichst keine Aufmerksamkeit zu erregen?

Als man Isabella vor dem Zugriff des Schakals schützen will, werden gerade einmal drei (!) Leute, Mrs. Koslova, Witherspoon und ein weiterer FBI-Agent dafür abgestellt. Immer wenn der Schakal zuschlagen will bzw. zuschlägt und das FBI davon informiert ist (!), sucht man vergeblich nach Sicherheitsorganen.

Last but not least. Innerhalb des Einsatzkommandos aus amerikanischen und russischen „Spezialisten“ (?) befindet sich ein Verräter, der den Schakal informiert. Als der, ein Russe, enttarnt wird, schickt man ihn einfach per Aeroflot nach Hause. Das war’s. Gerade diese Szene ist derart belanglos inszeniert, dass einem die Haare zu Berge stehen. Sozusagen im Vorbeigehen wird ein Verräter entlarvt und nach Hause verfrachtet.

Aber das beste kommt noch. Nachdem man herausgefunden hat, dass nicht der FBI-Vize, sondern die First Lady (Tess Harper) Opfer des Schakals werden soll, lässt man die Frau des Präsidenten seelenruhig auf einer öffentlichen Veranstaltung im Freien (!) (eine optimale Zielscheibe) reden, reden, reden, wartet seelenruhig ab, und als der erste Schuss gefallen ist, steht sie immer noch da und ist etwas verdutzt. Dann erst stürzt sich aus dem Hintergrund Preston auf die First Lady. Hat man seit dem Mord an Kennedy beim FBI nichts dazu gelernt? Der Schakal selbst, in Uniform, steht putzmunter in der Menge, um seine in dem Auto versteckte Waffe ferngesteuert zum Einsatz zu bringen. Auch hier muss man sich fragen, ob die amerikanischen Sicherheitskräfte Dilettanten sind. Aber dilettantisch sind an diesem Film nur Drehbuch und Inszenierung.

Gekrönt wird dieser Nonsens nach der Tötung des Schakals, durch folgenden Dialog: Preston: „Schade, dass wir wohl nie erfahren werden, wer er wirklich war.“ Mulqueen: „Das ist egal. Er war böse, er ist tot, er ist weg.“ So beerdigt man seinen eigenen Film. Dann lässt der nette Mann vom FBI den geläuterten Ex-Terroristen laufen. Amen!

Einhundertundfünfundvierzig Minuten Quälerei haben ein Ende. Und ich sehne mich nach Fred Zinnemanns Klassiker. Ein weiteres Fazit erübrigt sich.

Ulrich Behrens

Der Schakal

USA

1997

-

145 min.

Regie: Michael Caton-Jones

Drehbuch: Chuck Pfarrer

Darsteller: Bruce Willis, Richard Gere, Sidney Poitier

Produktion: Michael Caton-Jones, Sean Daniel, James Jacks, Kevin Jarre

Musik: Carter Burwell

Kamera: Karl Walter Lindenlaub

Schnitt: Jim Clark

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