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Jim Carrey und seine spezifische Komik muss man lieben. Ich kann mich für diese Art Humor nicht sehr begeistern.

Jim Carrey an der Cinémathèque de Paris, März 2011.
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Bild: Jim Carrey an der Cinémathèque de Paris, März 2011. / Théo du 14 (CC BY-SA 2.0 cropped)

18. Dezember 2020
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„Die Truman Show“ ist der einzige Film, in dem mir Carrey sehr gut gefiel. Das hat seinen Grund vielleicht auch darin, dass er hier in eine Geschichte eingebettet war, die ihm nicht ermöglichte, wie etwa in „Bruce Allmighty“ oder mit Abstrichen in „Der Mondmann“ seine Komik voll auszuleben; in der Truman Show stand nicht er als Jim Carrey im Zentrum, sondern die Geschichte, in die er eingespannt war.

In der Geschichte um einen jungen Mann, der als einziger nicht weiss, dass er Zeit seines Lebens in einer Scheinwelt der Medien zum Star herangezüchtet wurde, konnte Carrey beweisen, dass er für eine dramatische Rolle, die zugleich komische Situationen erzeugt, begabt ist. Anders in „Der Mondmann“. Milos Forman erzählt die Geschichte des amerikanischen Komikers Andy Kaufman, der in den 70er Jahren als Provokateur das Publikum zur Raserei bringen konnte, nach dem viele Zuschauer aber immer wieder verlangten.

Kaufman wird nachgesagt, er habe die Mechanismen der Show zu Ende gedacht. Seine Narreteien, wird sogar behauptet, hätten die Kunst im Fernsehen revolutioniert. Er führte das Publikum an der Nase herum, bis dahin, den Herzanfall einer älteren Dame auf der Bühne vorzutäuschen, um kurz darauf als Indianer verkleidet ihre Auferstehung zu feiern. Nach seinem Tod 1985 sollen sogar engste Freunde geglaubt haben, das alles könne inszeniert sein; irgendwann werde Kaufman irgendwo auf der Bühne oder im Fernsehen auftauchen und „Ätsch“ sagen.

Ich kann dies nicht beurteilen, weil ich Kaufman nie bei seiner Arbeit gesehen habe. Von Milos Formans biografischem Film allerdings wird behauptet, er zeichne zumindest das öffentliche Leben Kaufmans realistisch nach und Jim Carrey – der Kaufman-Fan sei – bringe den Komödianten wieder zum Leben.

Wenn Forman zu Beginn des Films Carrey / Kaufman mit Kinderstimme das Publikum davon überzeugen will, das Kino wieder zu verlassen, weil der Film schlecht sei, und eine Platte auflegt, die den Abspann musikalisch begleitet, um zu erreichen, dass sich beim Publikum die Spreu vom Weizen trennt, lässt dies hoffen. Auch einige andere Szenen, in denen Kaufman Publikum, Freunde, Produzenten von TV-Shows und die Fans von Catcher-Kämpfen bis zum geht nicht mehr an der Nase herumführt und sogar Jerry Lawler, einen siegreichen und bekannten Catcher, für sein Vorhaben eingespannt hat, enthalten teilweise durchaus komische Situationen und Gags. Aber eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. Insgesamt gesehen gehöre ich wohl zu der starken Minderheit respektive knappen Mehrheit von Leuten, denen Kaufmans Humor – so kritisch seine Absichten auch gewesen sein mögen – fremd ist.

Der Film zeigt Kaufman als kleinen Jungen, der von seinem Vater (Gerry Becker) einmal wieder „erwischt“ wird, als er auf dem Bett herum hüpft, Schabernack treibt und behauptet, die bunte Tapete sei sein Publikum. Als Erwachsener tingelt Kaufman durch Bars, um seinen merkwürdigen Humor an die Frau und an den Mann zu bringen. Erfolg hat er damit zunächst nicht. Die meisten Leute sind gelangweilt, wenn Kaufman das Publikum auffordert, Tierstimmen nachzuäffen, und selbst seine Elvis-Parodie, von der schon mehr begeistert sind, liess mich ehrlich gesagt: kalt.

Bei einem seiner Auftritte entdeckt ihn George Shapiro (Danny DeVito), ein Talentsucher und Produzent. Shapiro spürt offenbar, dass in Kaufman etwas steckt, aus dem man etwas machen kann. Kaufman selbst bestreitet, er sei Komiker: „Ich mache keine Witze. Ich weiss überhaupt nicht was das ist, lustig.“ Shapiro engagiert ihn für Sitcoms, u.a. als Laudka für „Taxi“, für Saturday Nigh Live und anderes mehr. Kaufman selbst schafft sein eigenes Double, von dem zunächst niemand weiss, dass er es selbst ist, dieser Tony Clifton, ein offenbar untalentierter und aggressiver Barsänger, der so ein bisschen wirkt wie die amerikanische Ausgabe von Helge Schneider. Kaufman leimt selbst Shapiro, weil er Cliftons Auftritt in einer Show zur Bedingung macht, damit er selbst daran teilnimmt.

In einer der Shows provoziert er die Frauen, von denen er behauptet, sie seien im Bügeln, Kochen etc. viel besser als die Männer, und fordert dazu auf, eine Zuschauerin solle sich doch melden, um gegen ihn zu kämpfen. So lernt er seine spätere Liebe Lynne (Courtney Love) kennen. Die Show hat Folgen. Im vollbesetzten Zelt provoziert Kaufman das Publikum, das Wrestlern zuschauen will; wiederum sind die Frauen Objekt seiner Verballhornung. Wieder kämpft er gegen eine Frau, siegt, und der Wrestler-Star Jerry Lawler (gespielt von dem Catcher selbst) droht ihm, er solle endlich mal gegen einen Mann kämpfen. Kaufman spielt das Grossmaul, den agent provocateur, aber der grösste Betrug ist, dass Lawler selbst von ihm engagiert wurde und auch nur eine Rolle spielt.

Kaufmann ist nicht unumstritten. 1982 wird er aus Saturday Night Live rausgeschmissen, als ihm bei einer Telefonumfrage weniger als 30% der Anrufer noch sehen wollen.

Ich gestehe Milos Forman zu, dass er einem Mann, der die Medien und ihre Mechanismen offenbar kräftig durcheinander wirbelte, einen Outsider, den Forman und Carrey aber dennoch glücklicherweise nicht als pathologischen Fall darstellen, eine Art Denkmal setzen wollte. Das liegt auch in der Tradition der Filme Formans, wenn man an „Amadeus“ (1984), „Einer flog übers Kuckucksnest“ (1975) oder „Larry Flint – Die nackte Wahrheit“ (1997) denkt. In all diesen Filmen spielen Aussenseiter die zentrale Rolle, man denke etwa an Mozart und seinen Gegner Salieri. Man denke an Jack Nicholson als McMurphy und seinen Gegenpart, Schwester Ratched (Louise Fletcher) in „Einer flog übers Kuckucksnest“. Jim Carrey ist in dieser Hinsicht zweifellos in seinem Element, wenn er Kaufman als einen Mann darstellt, der auf aussergewöhnliche Weise die Medien, ihre Regeln und das Publikum durcheinander bringt.

Unter der Voraussetzung, dass Kaufman in „Man on the Moon“ (Titel nach dem Song von R.E.M) hautnah dargestellt wird, frage ich mich allerdings, was an ihm tatsächlich nonkonformistisch gewesen sein soll. Sicherlich, Kaufman wirbelte Staub auf. Aber wenn er beispielsweise, statt das Publikum in seinen Erwartungen zu befriedigen, eine Stunde lang auf der Bühne aus einem Roman vorliest, bei einem Sketch oder ähnlichem seinen Text nicht aufsagen will oder einfach vergisst, so mag das für manchen einer medialen Revolution gleichkommen. Ich fand es schlichtweg: nichtssagend und langweilig. Und ich sehe keinen Anhaltspunkt dafür, warum hierin etwas Rebellisches zu sehen sein soll.

Selbst die Publikumsbeschimpfung im Ring, in denen er Frauen massiv provoziert und der Catcher Jerry Lawler sich munter in Kaufmans „Intrige“ einspannen lässt, mag auf den ersten Blick ganz nett sein, eine Provokation, deren Sinn jedoch beim zweiten Hinsehen eher verpufft. Ich finde diesen Kaufman nur selten komisch, aber das wollte er wohl auch gar nicht sein. Wie man sich allerdings in den 70er Jahren, was andernorts zu lesen war, stundenlang langweiligen, schier endlosen Tiraden Kaufmans oder seines Alter Egos Clifton aussetzen konnte, bleibt mir ein Geheimnis.

Für mich ist Carreys bzw. Formans Kaufman ein schierer Langweiler, zum Teil geschmacklos und in jeder Hinsicht konformistisch, das heisst den Regeln der Medien angepasst. Er führt deren Logik vielleicht zu Ende, zeigt, wohin es führt, wenn man sie bis zum bitteren Ende weiter treibt. Aber muss ich deshalb Helge Schneider oder Andy Kaufman eine Medaille um den Hals hängen? Schneider macht nämlich letztlich etwas ähnliches: Er zeigt den Schlager in seiner gänzlichen Bedeutungslosigkeit. Trotzdem stirbt der Schlager nicht aus. Das kann man aber auch ohne Schneider wissen. Und es ist nichts Besonderes daran, weil letztlich die Mechanismen der medialen Welt eben doch ausschliesslich mit sich selbst konfrontiert werden.

Das führt aber nicht aus diesen Regeln ein Stückweit hinaus, sondern bleibt dem System verhaftet. Nicht Rebellion, sondern kindlicher Trotz eines Erwachsenen und Reproduktion der medialen Mechanismen auf eine zugegebenermassen aussergewöhnlichen Ebene zeichnen Kaufman – zumindest im Film – aus. Das Publikum macht fast alles mit. Da wissen wir. Warum sollte es nicht auch Kaufman mitmachen?

Man mag das mögen. Ich kann damit nichts anfangen.

Ulrich Behrens

Der Mondmann

England

1999

-

114 min.

Regie: Miloš Forman

Drehbuch: Scott Alexander, Larry Karaszewski

Darsteller: Jim Carrey, Danny DeVito, Courtney Love

Produktion: Danny DeVito, Michael Shamberg, Stacey Sher

Musik: Mike Mills & diverse

Kamera: Anastas N. Michos

Schnitt: Adam Boome, Lynzee Klingman, Christopher Tellefsen

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