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Das Messer im Wasser Gelungene (politische) Parabel

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Eine Landstrasse in Polen. Ein Paar fährt, die meiste Zeit schweigend, durch die karge Landschaft.

Polanski Polanski am Cannes Film Festival, 2013.
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Bild: Polanski Polanski am Cannes Film Festival, 2013. / Georges Biard (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

30. November 2019

30. 11. 2019

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4 min.

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Andrzej (Leon Niemczyk) ist ein herrschsüchtiger Beifahrer. Sie, Krystyna (Jolanta Umecka), solle nicht so weit links fahren. Krystyna hält an. Ohne ein Wort zu sagen, wechseln sie die Plätze und Andrzej fährt weiter. Plötzlich steht ein junger Mann (Zygmunt Malanowicz) auf der Strasse und versucht, das Auto anzuhalten. Im letzten Moment bremst Andrzej und schimpft mit dem jungen Mann. Trotzdem fordert er ihn – unter zynischen Bemerkungen – auf, auf dem Rücksitz Platz zu nehmen.

Nach einigen Kurzfilmen war „Das Messer im Wasser“ Roman Polanskis erster längerer Kinofilm, der den Regisseur auch über die Grenzen Polens hinaus bekannt machte. „Nóz w wodzie“ ist eine Charakterstudie, eine Art Kammerspiel über drei Personen, minimalistisch inszeniert, an wenigen Schauplätzen (vor allem auf einem Segelboot) und begrenzt auf diese drei Personen. Vor allem aber ist der Film eine harsche, beissende Kritik an der nachkriegspolnischen Gesellschaft des realen Sozialismus.

Andrzej und Krystyna sind unterwegs zu einer Segelpartie am Wochenende. Aus zunächst unersichtlichen Gründen lädt Andrzej den jungen Mann – dessen Namen wir nicht erfahren – zu der Fahrt auf dem Segelboot ein. Der junge, gut aussehende Kerl ist ein Rumtreiber, ein Taugenichts, so sieht es jedenfalls Andrzej, ein rebellischer, teilweise zorniger, aufbegehrender Typ, der sich von niemandem etwas sagen lassen will. Andrzej hingegen weiss alles, kann alles und kommandiert alles. Andrzej, wesentlich älter als seine junge Frau, ist der Herr im Hause und auf dem Boot. Der junge Mann versteht nichts vom Segeln, aber er behauptet, das sei doch Kinderkram, ein solches Boot zu lenken. Kein Kinderkram. Die Segel rotieren über seinem Kopf, als er das Steuer von Andrzej in die Hand bekommt.

Krystyna bleibt ruhig, greift nur ein, wenn Andrzej oder auch der Junge sich über die Massen in die Haare geraten. Der junge Kerl allerdings lernt – was soll er auch machen? –, was auf dem Boot alles zu beachten ist. Als das Paar ins Wasser springt, bleibt er allein zurück, weil er angeblich nicht schwimmen kann. Da kommt Wind auf, und durch Andrzejs Hilfe hat er nun Macht über das Boot. Er lenkt es Richtung der beiden Schwimmenden. Andrzej und Krystyna kehren an Bord zurück.

Man isst, trinkt, streitet, sonnt sich, schläft.

Am nächsten Morgen jedoch eskaliert die Situation zwischen Andrzej und dem jungen Kerl. Andrzej hat dessen Klappmesser und will es nicht hergeben. Er provoziert den jungen Mann, bis das Messer ins Wasser fällt, dann er untertaucht und plötzlich verschwunden ist. Ist er ertrunken?

Obwohl das Boot als Synonym für eine ganze Gesellschaft steht, Andrzej den Prototyp des machtbesessenen sozialistischen, aber nichtsdestotrotz oder gerade deshalb spiessigen Kleinbürgers verkörpert, Krystyna eine Frau darstellt, die für ausgleichende Gerechtigkeit steht, jedoch letztlich keine Chance hat, der Macht etwas entgegenzusetzen, und der junge Mann die wilde, rebellische, lebensgierige (polnische) Jugend repräsentiert, wirkt die Dramaturgie in „Nóz w wodzie“ nie im Sinne eines Lehrstücks aufgesetzt – und das vor allem auch deshalb, weil diese kammerspielartige Parabel durchaus auch für andere Gesellschaften gelten könnte. Polanski lehrt nicht, sondern lässt die Konflikte aus dem Spiel der Personen, ihrer Mentalität heraus entstehen.

Andrzej wird zwar nicht als völlige Negativgestalt präsentiert. Polanski gesteht ihm zu, dass man von ihm lernen kann. Und der junge Mann lernt von ihm. Andererseits überkommt Andrzej Eifersucht und Neid auf einen wesentlich jüngeren Mann, der so ist, wie er selbst einmal war. Hinzu kommt, dass Krystyna den jungen Mann mag, nicht nur weil sie sich erinnert, dass Andrzej auch einmal so war. Letztlich bleibt dem jungen Mann nur ein Mittel, um von Andrzej los zu kommen: Finesse und Flucht. Er versteckt sich hinter einer Boje, taucht, schwimmt zum Boot, erobert Krystyna und rächt sich damit an Andrzej, der zwischenzeitlich auf der Suche nach ihm an Land geschwommen ist.

Krystyna sagt dem jungen Kerl, dass sie die Nase voll hat von der Arroganz der Macht und dem Spiessertum Andrzejs, aber auch, dass sie Angst hat, dass der junge Mann einmal genauso werden könnte. Andrzej, der glaubt, der junge Mann sei ertrunken, bekommt es mit der Angst, die er wiederum mit Arroganz und Machtdemonstration zu überspielen versucht. Insbesondere die Schlussszene verdeutlicht, in welchen Verstrickungen Polanski sein Heimatland zu dieser Zeit sah: Das Auto des Paares steht an einer Wegkreuzung. Rechts geht es zur Polizei, links nach Hause. Andrzej glaubt noch immer, der junge Mann sei ertrunken. Er hat ihn nicht verstanden, und er sieht sich trotz seines eigenen Machtanspruchs als hilflosen, jämmerlichen Kerl, der etwas erlebt hat, was nicht in seinem Weltbild vorkommen darf. Er sieht sich vor der Entscheidung: Blamage und Offenbarung bei der Polizei oder Verheimlichung, Vertuschung.

„Nóz w wodzie“ erreicht teilweise – obwohl in ruhigem Tempo erzählt – eine klaustrophobische Atmosphäre, besonders in den Schlussminuten. Polanski benennt – ohne darauf direkt einzugehen – sämtliche Probleme, die er in der damaligen polnischen Gesellschaft sah: eine sehenswerte Parabel, die von ihrer Bissigkeit und Treffsicherheit kaum etwas verloren hat.

Ulrich Behrens

Das Messer im Wasser

Polen 1962 - 90 min.

Regie: Roman Polański
Drehbuch: Roman Polański, Jakub Goldberg, Jerzy Skolimowski
Darsteller: Leon Niemczyk, Jolanta Umecka, Zygmunt Malanowicz
Produktion: Stanisław Zylewicz
Musik: Krzysztof Komeda
Kamera: Jerzy Lipman
Schnitt: Halina Prugar-Ketling

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