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Das Gesetz der Begierde Wunschbilder vom anderen

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Almodóvar bezeichnete »La ley del deseo« als einen Schlüsselfilm seiner Karriere. Über den Film wurde in Spanien eher geschwiegen.

Antonio Banderas spielt in dem Film von Pedro Almodóvar den jungen Antonio Benítez.
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Bild: Antonio Banderas spielt in dem Film von Pedro Almodóvar den jungen Antonio Benítez. / Bernard Boyé (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

1. Februar 2020

01. 02. 2020

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Eine nicht ausgesprochene Zensur ummantelte die Idee zu diesem Streifen. Öffentliche Gelder bekam Almodóvar nur wenig; er musste sogar einen privaten Kredit aufnehmen, um die Dreharbeiten zu finanzieren.

Inhalt

Der Filmregisseur Pablo (Eusebio Poncela) liebt den jungen Juan (Miguel Molina). Doch Juan schläft zwar mit Pablo, liebt ihn aber nicht, reist in den Süden, als Pablo gerade seinen neuen Film fertiggestellt hat. Pablo stürzt sich, um Juan zu vergessen, in sein nächstes Projekt, »La Voix humaine« von Cocteau, in dem seine Schwester Tina (Carmen Maura), die einzige Rolle spielen soll. Tina hatte sich in ihrer Jugend als Tino einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, um ein inzestuöses Verhältnis mit ihrem Vater haben zu können. Der hatte sie jedoch, nachdem seine Frau ihn wegen dieses Verhältnisses verlassen hatte und Vater und Tochter nach Marokko umgezogen waren, verlassen. Tina hatte seit diesem Tag kein Verhältnis zu einem Mann.

Pablo lebt mit seiner Tochter Ada (Manuela Velasco) zusammen, deren Mutter (Bibi Andersen) in der Welt herum tingelt. Als Cocteaus Stück aufgeführt wird, fängt der junge Antonio (Antonio Banderas) Pablo nach der Premiere ab und verführt ihn – seine erste homosexuelle Erfahrung. Antonio will Pablo für sich ganz allein. Als er einen Brief von Juan findet (den Pablo auf der Schreibmaschine vorformuliert geschrieben hatte und in dem Juan ihm seine Liebe so gesteht, wie Pablo es gerne möchte, den er Juan geschickt hatte, damit dieser ihn unterschreibt und zurückschickt), kann Antonio nur noch an eins denken: wie er den Konkurrenten los wird.

Als Antonio zu seiner Mutter (Helga Liné) abreist, schreibt Pablo ihm unter dem Namen Laura P. – einer Figur seines nächsten Films – einen Brief, in dem er ihm mitteilt, dass er Juan besuchen wird, um Antonio loszuwerden. Antonio jedoch kommt Pablo zuvor, stösst Juan von einer Klippe ins Meer und flüchtet zurück zu seiner Mutter, wo er das Hemd verbrennt, aus dem Juan während des Todessturzes eine Tasche abgerissen hatte.

Der Polizeiinspektor (Fernando Guillén) und sein junger, unerfahrener und leicht aufbrausender Kollege (Fernando G. Cuervo) verdächtigen zunächst Pablo, dann Tina des Mordes. Als Pablo auf der Rückfahrt von der Beerdigung Juans bei einem Autounfall das Gedächtnis verliert, macht sich Antonio an Tina heran, um sich Pablo wieder zu nähern. Tina glaubt, die erste und grosse Liebe doch noch in einem Mann gefunden zu haben. Doch als Pablo das Gedächtnis wiedererlangt, bekommt er schnell heraus, in wen sich Tina verliebt hat. Mit der Polizei eilt er zu seiner Wohnung, wo Antonio Tina und einen Polizisten als Geisel festhält. Unter der Bedingung, eine Stunde mit Pablo allein sein zu dürfen, lässt er die Geiseln frei, schläft mit Pablo ein letztes Mal und erschiesst sich.

Inszenierung

Wie oft in seinen Filmen verlegt Almodóvar das Thema, die Idee des Films in einen Bereich, der unwirklich zu sein scheint. Schon die Anfangsszene, in der ein Regisseur einem jungen Mann vor der Kamera Anweisungen gibt, auf einem Bett sich den Po zu streicheln, zu onanieren und zu sagen, er wolle, dass der Regisseur ihn fickt, deutet auf das Thema stark hin: Die Begierde, dass der, den man liebt, einen so lieben soll, wie man es sich vorstellt.

Pablo lebt an seinem wirklichen Leben als leidenschaftliches Subjekt »vorbei«. Er inszeniert sein Leben wie seine Filme. Er will, dass Juan ihn so liebt, wie Pablo sich das vorstellt, diktiert ihm einen entsprechenden Brief, den Juan unterschreiben soll. Er erscheint als bindungsunfähiger Mensch, der jeden nur so an sich herankommen lässt, wie er es wünscht, was aber niemand letztlich ertragen kann. Juan respektiert ihn, schläft auch mit ihm, kann ihn aber nicht wirklich lieben, weil er sich dann Pablos Vorstellungen völlig unterwerfen müsste. Als Pablo auf Antonio stösst, begegnet er letztlich seinem Spiegelbild. Während Pablo sein Leben mit inszenierten Wunschbildern pflastert, formuliert Antonio einen totalen Besitzanspruch gegenüber Pablo, für dessen Durchsetzung er sogar mordet.

Vordergründig erscheint Pablo nur als Verlierer, als Opfer. Doch in Wirklichkeit ist er auch derjenige, der alle anderen mit ins Verderben reisst. Seine Frau hat ihn verlassen. Seine Tochter Ada findet nur im festen Glauben einen gewissen Halt. Als ihre Mutter sie besuchen kommt, probt Tina ihre Rolle in Cocteaus Stück »La Voix humaine« und Ada singt das Chanson »Ne me quitte pas« von Jacques Brel: Beide weinen, schreien: Verlass mich nicht, komm zurück.

Pablo, Tina und Ada bilden eine Art Familie, eine von der klassischen Familie scheinbar völlig differente und doch in vielerlei Hinsicht ähnliche Gemeinschaft, in der die Konflikte, die zu lösen wären, so gut wie immer zwischen den falschen Personen ausgetragen werden. Tina kann ihren Vater nicht vergessen. Sie wollte sich die Liebe ihres Vaters erkaufen, sie hat in Kauf genommen, sich von ihm missbrauchen zu lassen, sogar sich zur Frau operieren zu lassen, um irgendwo ein Stück Vaterliebe zu ergattern – und der verliess sie.

Der Verlust des Vaters, der mit Tino / Tina ihn und die Mutter verlassen hatte, machte Pablo zu einem Menschen, der nicht fähig ist, wirklich zu lieben und die Liebe eines anderen zu akzeptieren. Sein Leben als Regisseur ist jedenfalls auch und zu einem grossen Teil eine Flucht vor der Wirklichkeit, deren Problemen er sich nicht stellen kann. Sogar sein neuestes Stück soll das Leben – nämlich das von Tina – so rekonstruieren, wie Pablo sich das vorstellt. Tina protestiert dagegen, will ihre Biografie nicht öffentlich machen, einerseits zu Recht, aber auch aus Angst vor der Wahrheit.

Als Antonio sich erschossen hat, nimmt Pablo die Schreibmaschine, die zum Symbol seiner konstruktivistischen Flucht geworden war, und schmeisst sie durch das geschlossene Fenster auf die Strasse – Sinnbild für die Kapitulation seiner selbst.

Ada wird in den Strudel der verqueren Begierden hineingerissen und flüchtet sich in das einzige, was noch bleibt: in das Gebet.

Schauspieler

Eusebio Poncela spielt den Filmregisseur in seiner ganzen Ambivalenz als einerseits ruhigen, fast besonnenen, überlegten Mann, nämlich als Konstrukteur, andererseits in seiner ganzen Hilflosigkeit den wirklichen Problemen und Konflikten in seinem Leben und dem seiner unmittelbaren Umgebung gegenüber überzeugend. Carmen Maura ist hier in einer ihrer besten Rollen zu sehen. Sie schafft es tatsächlich, sich z.B. so bewegen wie ein ehemaliger Mann, der sich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen hat. Antonio Banderas spielt seine Rolle leidenschaftlicher als in anderen Filmen, etwa in »Matador«.

Fazit

Almodóvars »La ley del deseo« ist wirklich ein Schlüsselfilm, der konsequent schon auf »Mein blühendes Geheimnis«, »Live Flesh« und »Alles über meine Mutter« hindeutet. Es gelang dem spanischen Regisseur auch mit diesem Film, die komplizierten Beziehungsstrukturen in einer imposanten, bilder- und symbolreichen Sprache darzustellen und aufzubrechen.

Ulrich Behrens

Das Gesetz der Begierde

Spanien

1987

-

102 min.



Regie: Pedro Almodóvar

Drehbuch: Pedro Almodóvar

Darsteller: Antonio Banderas, Carmen Maura, Eusebio Poncela

Produktion: Agustín Almodóvar, Miguel Ángel Pérez Campos

Musik: Bernardo Bonezzi

Kamera: Ángel Luis Fernández

Schnitt: José Salcedo

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