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Rezension zum Film von Olivier Assayas Carlos – Der Schakal

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Revolutionäre oder Terroristen, je nach Betrachtungswinkel, sind eigentlich immer für eine Verfilmung gut.

Filmregisseur Olivier Assayas, Februar 2008.
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Bild: Filmregisseur Olivier Assayas, Februar 2008. / Thierry Caro (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

14. September 2011

14. 09. 2011

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4 min.

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Nachdem uns in den letzten Jahren mit «Che» oder «Der Baader Meinhof Komplex» thematisch verwandte Themen im Gewandt eines Kinofilms präsentiert wurden, gab es auch Filme wie zum Beispiel den Zweiteiler «Public Enemy No. 1», der einen Kriminellen im Robin Hood-Stil, also einer sozialpolitischen Motivation, zeigte. «Carlos – Der Schakal» ist wenn man so will ein Mix der genannten Werke, auf die Langatmigkeit von Steven Soderberhgs Che hätte man aber ruhig verzichten können.

Ilich Ramírez Sánchez (Édgar Ramírez), ein gebürtiger Venezolaner und besser bekannt unter dem Decknamen Carlos, ist in Zusammenhang mit dem Überfall auf das OPEC-Hauptquartier in Wien für viele ein Begriff geworden. Eine kleine bewaffnete Söldnertruppe drang im Dezember 1975 in das schwach bewachte Gebäude ein und nahm die anwesenden Politiker und Vertreter der verschiedenen Länder als seine Geiseln. Die Terroristen bekannten sich als Anhänger der Volksfront zur Befreiung Palästinas und stellen den Behörden zunächst ausschliesslich politische Forderungen.

Der Film beschränkt sich allerdings nicht auf diese spektakuläre Geiselnahme, sondern wagt den Versuch eine Biographie zu sein. Olivier Assayas tut allerdings gut gleich am Anfang seines Films sein Publikum darauf aufmerksam zu machen, dass es nur sehr wenige und nicht unbedingt zuverlässige Quellen gibt und dass Carlos somit als rein fiktiv gewertet werden darf.

Der Erzählfluss ist dabei so fragmentarisch wie es wohl auch die vorliegenden Infos waren. Zunächst wirken die zeitlichen und geografischen Sprünge stilistisch betrachtet durchaus interessant, doch schon bald nervt es wenn man von Wien über Damaskus nach Algier reist und plötzlich wieder in London ankommt nur um irgendwann feststellen zu müssen, dass man „nur“ die dreistündige deutsche Kinofassung sieht. Es gibt nämlich auch einen Director’s Cut der sage und schreibe fünfeinhalb Stunden dauert und damals auch bei den Filmfestspielen von Cannes gezeigt wurde. Diese Differenz merkt man als Zuschauer natürlich, auch wenn man durch die vielen Lücken letztendlich nicht sagen kann wo die Schere angesetzt wurde. Glücklicherweise ist auf dem neuen Blu-Ray Release auch die Originalversion enthalten, mir persönlich stand allerdings leider nur die Kinofassung zur Verfügung weshalb ein Vergleich an dieser Stelle unmöglich ist.

Als wahre Überraschung entpuppt sich Édgar Ramírez, der seine Figur ausgezeichnet spielt und die verschiedenen körperlichen wie geistigen Zustände von Carlos sehr gut über den Bildschirm transportiert. Die deutschen Schauspieler, Nora von Waldstätten, Alexander Scheer und allen voran Julia Hummer, liefern hingegen eine mehr als blamable Leistung ab und ihr ständiges Genuschel lässt einem die Haare zu Berge stehen. Was Montagen und Vertonung angeht macht die französisch-deutsche Produktion einen durchaus guten Eindruck, auch wenn die vielen interessanten Städte und Landschaften keine Protagonisten sind sondern meistens, vermutlich budgetbedingt, nur ganz kurz eingeblendet werden. Immer wieder werden bekannte Punkstücke in den Raum geworfen die zwar nicht immer ganz zur Darstellung passen, aber Nostalgie verbreiten und irgendwo auch den Zeitgeist einfangen.

Wer der mit Sicherheit irgendwann aufkommenden Langeweile (den Verweis an Che hatte ich ja schon gemacht) erfolgreich entgegenwirkt, darf eine interessante Figur beobachten die von einem Auftragsgeber zum nächsten huscht aber dessen politische Überzeugungen im Grunde keine wirkliche Rolle spielen. Mal wird Carlos benutzt, mal eiskalt fallengelassen, dann hingegen wieder aus rein politischen Kalkül eingesetzt nur um schliesslich mit Ende des Kalten Krieges nicht mehr benötigt zu werden.

Ehrlich gesagt hatte ich mir mehr erwarten oder besser gesagt weniger. Um vollständig die politische Komplexität und die einzelnen Gruppierungen zu verstehen braucht man ein riesiges Hintergrundwissen, ein Kinofilm ist eben nicht die beste Plattform um Geschichtsbildung zu betreiben. Allein diese Tatsache dürfe für viele Betrachter ein grosser Stolperstein sein, wer mit Politthrillern etwas anfangen kann sollte hier (trotz Fiktion) einfach mal blind zugreifen.

Lorenz Mutschlechner
film-rezensionen.de

Carlos – Der Schakal

Frankreich, Deutschland 2010 - 187 min.

Regie: Olivier Assayas
Drehbuch: Olivier Assayas, Dan Franck, Daniel Leconte
Darsteller: Édgar Ramírez, Alexander Scheer, Alejandro Arroyo
Produktion: Jens Meurer, Daniel Leconte
Kamera: Yorick Le Saux, Denis Lenoir
Schnitt: Luc Barnier, Marion Monnier

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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