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Buoyancy Das Meer, der rechtslose Raum

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„Buoyancy“ nimmt uns mit nach Kambodscha, wo ein 14-Jähriger davon träumt, in einer thailändischen Fabrik zu arbeiten und richtig Geld zu verdienen – bis er auf einem Boot versklavt wird.

Fischerdorf in Kambodscha.
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Bild: Fischerdorf in Kambodscha. / Olivier Strecker (CC BY-SA 4.0 cropped)

10. März 2020

10. 03. 2020

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Das Drama wirkt teilweise wie eine Doku, baut aber auch Thrillerelemente ein, ist bis zuletzt fesselnd, während man neugierig bis schockiert darauf wartet, was sonst noch alles geschehen wird auf diesem rechtslosen Raum im Meer.

Gross waren die Hoffnungen von Chakra (Sarm Heng), als er von zu Hause ausriss. Nachdem er lange von seiner Familie ausgenutzt wurde, schwere Reissäcke tragen musste, ohne eine Aussicht, jemals ein selbstbestimmtes Leben führen zu können, sollte für den kambodschanischen Jungen in Thailands alles anders werden. In einer Fabrik wollte er arbeiten, so der Plan, eigenes Geld verdienen und seine Freiheit erlangen. Stattdessen wird er jedoch an einen Fischer verkauft, der ihn und andere auf seinem kleinen Boot als Sklaven hält. Tagein tagaus schuften, heisst es nun, schlimmer noch als zuvor, unter unwürdigen Bedingungen hausen. Entkommen? Unmöglich. Schliesslich befindet er sich mitten auf dem Wasser …

Sklaverei, das ist so eines der Themen, mit denen man sich nicht so gerne auseinandersetzt. Während in den USA regelmässig Filme dazu gedreht wurden, auch weil die Auswirkungen bis heute stärker zu spüren sind, da dürfte den meisten hierzulande schon die blosse Vorstellung, dass es so etwas gab, irgendwie fremd erscheinen. Dabei brauchen wir gar nicht zweihundert Jahre in die Vergangenheit zu reisen, um Beispiele für Sklaverei zu finden. Es gibt sie heute noch, wenn auch versteckter und unter anderem Namen, wie uns beispielsweise der Dokumentarfilm Eine gefangene Frau demonstrierte. Mehr als 40 Millionen Menschen sollen Schätzungen zufolge davon betroffen sein.

Das Meer, der rechtslose Raum

Auch Rodd Rathjen hat sich in Buoyancy dieses gleichermassen unglaublichen wie erschreckenden Themas angenommen, wenn er einen 14-Jährigen in die Sklaverei schickt. Anders als bei dem Beispiel oben handelt es sich hier zwar um ein rein fiktives Werk. Doch man nimmt ihm durchaus ab, dass Geschichten wie diese sich da draussen abspielen, auf dem Meer oder auch an anderen Orten, an denen nicht so genau hingeschaut wird. Dass das alles höchst illegal ist, was sich an Bord des Bootes abspielt, ist klar, von menschenverachtend ganz zu schweigen. Aber wer sollte das verhindern, wenn niemand da ist, der darauf achtet? Den das überhaupt interessiert?

Der Australier Rathjen, der hier nach mehreren Kurzfilmen sein Spielfilmdebüt abgibt, gibt dem Drama an vielen Stellen eine dokumentarische Anmutung. Rau ist das Werk, das auf der Berlinale 2019 Premiere feierte, ungeschönt, ohne grossen inszenatorischen Schnickschnack. Man kann das tosende Wasser geradezu schmecken, die Last spüren, die Chakra auf den Schultern trägt. Aber auch die Verzweiflung spüren und die schwindende Hoffnung, als die Zeit auf dem Boot ihr Tribut fordert. Wo der Protagonist anfangs noch denkt, seinem Traum näherzukommen, da muss er feststellen, dass ihm nach und nach alles genommen wird, was ihm wichtig ist.

Zwischen Alltag und Showdown

Das ist teils herzzerreissend, teils schockierend, oft auch einfach nur spannend. Je mehr schreckliche Ereignisse stattfinden, umso grösser wird die Angst, was danach noch folgen mag. Schliesslich besagt das Gesetz des Filmes, selbst solche über gesetzlose Räume, dass alles erst einmal sehr viel schlimmer werden muss, bevor es gut werden kann. Und hier ist es eigentlich von Anfang an schlimm. Wie in einem Thriller erzeugt Rathjen eine Atmosphäre der Bedrohung und Beklemmung. Jeder Moment könnte der letzte sein, denn die despotischen Seeherren gehen über Leichen, um an ihr Ziel zu kommen – wortwörtlich.

Das ist eindrucksvoll gespielt, sowohl von den Despoten wie auch ihrem jüngsten Opfer, das sich gleich mehrfach gegen sein Schicksal auflehnt. Aber auch der australische Filmemacher empfiehlt sich hier für weitere Werke, lässt sich bei seiner Erzählung nicht aus der Ruhe bringen, weiss gleichzeitig aber, wann er die Daumenschrauben anzuziehen hat. Das überspannt er teilweise ein wenig: Buoyancy verliert dann diesen Doku-Charakter, wenn ganz klassisch die Nerven des Publikums in Anspruch genommen werden sollen. Doch damit ist er so erfolgreich, dass sein Debüt ein kleiner Geheimtipp ist im Meer der filmischen Neuerscheinungen.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Buoyancy

Australien

2019

-

93 min.



Regie: Rodd Rathjen

Drehbuch: Rodd Rathjen

Darsteller: Sarm Heng, Thanawut Kasro, Mony Ros

Produktion: Kristina Ceyton, Samantha Jennings, Rita Walsh

Musik: Lawrence English

Kamera: Michael Latham

Schnitt: Graeme Pereira

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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