UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Born in Evin | Untergrund-Blättle

5698

Born in Evin Am Anfang war das Gefängnis

Kultur

Maryam Zaree bündelt in ihrer Doku die Stimmen starker Frauen, um ihre eigene Stimme zu finden und letztendlich ihre Fragen zu stellen. Ihre Suche nach den Umständen ihrer Geburt im berüchtigten, iranischen Evin-Gefängnis ist emotional packend und spannend bis zur letzten Sekunde.

Das Evin Gefängnis in der Nähe von Teheran.
Mehr Artikel
Mehr Artikel

Das Evin Gefängnis in der Nähe von Teheran. Foto: Ehsan Iran (CC BY-SA 2.0 cropped)

8. Oktober 2019
0
0
4 min.
Drucken
Korrektur
Grosse dunkle Augen, glasiger Blick, das blasse Gesicht umrahmt von einem schwarzen Hidschab: „Pures Klischee“, schimpft Maryam Zaree (Systemsprenger), Schauspielerin und Regisseurin, bei der Anprobe für eine Rolle: „So sieht keine Geflüchtete aus, wenn sie in Deutschland ankommt.“ Die Iranerin kam selbst als politisch Verfolgte nach Deutschland – als Zweijährige trug sie ihre Mutter Nargess über den Bahnsteig des Frankfurter Hauptbahnhofs. In körnigen Videoaufnahmen zeigt Zaree ihre Kindheit in Deutschland – Mayram als plappernde, neugierige Schülerin, die mit ihren Deutschkenntnissen prahlt oder genüsslich ein Eis verspeist. Die Videos entstanden für ihren Vater, der aus irgendwelchen Gründen nicht bei Mutter und Tochter sein konnte. Erst mit Mitte 30 erfährt Zaree, wo ihr Vater ihre Jugend über steckte: in Evin, dem berüchtigten Gefängnis des Irans, in dem Tausende politische Gefangene gefoltert und getötet wurden. Am Anfang war das Gefängnis Sie selbst, erfährt Zaree durch Zufall von der Schwester ihrer Mutter, sei in Evin geboren worden – 1983, nachdem ihre Eltern im Zuge der iranischen Revolution verhaftet wurden. „Was ist das für eine Geschichte“, fragt sich die Regisseurin, der sie mit der Dokumentation auf den Grund gehen will. Doch die Person, die am meisten über ihre Geburt erzählen könnte – ihre Mutter – schweigt. Hoch emotional nähert sich Zaree ihrer Lebensgeschichte, die auch ein exemplarischer Teil der iranischen Geschichte ist. Auf ihrem Weg trifft sie eine Zellengenossin ihrer Mutter, die ihr erzählt, wie sie in dem Zellentrakt von den Mitinsassinnen geherzt und willkommen geheissen wurde. Sie hört aber auch die traurigen Geschichten von Evin-Kindern, die den Schmerz ihrer Mütter miterleben mussten. Auf der Konferenz der Iranerinnen im Exil sucht Zaree nach weiteren Kindern, die in Evin waren oder dort geboren wurden. Ihre Suche führt sie zum Iran-Tribunal, das 2012 in Den Haag stattfand, um auf die Verbrechen des iranischen Regimes aufmerksam zu machen. Doch es gibt nicht viele Menschen, die mit Zaree über ihr persönliches Schicksal sprechen möchten. Die kollektiven Auswirkungen des grausamen Chomeini-Regimes, das Trauma der politischen Gefangenschaft, der Folter und der Hinrichtungen, zeigen sich in der Fülle individueller Schicksale, die sich in Schweigen hüllen. Ein später moralischer Sieg Die wenigen Geschichten, die die Regisseurin erfährt, zeichnen Evin als einen sehr dunklen Orte, in dem dennoch Hoffnung aufschimmert. Sie trifft sich mit drei Frauen, die als Kind nach Evin kamen oder selbst, wie Zaree, in Evin geboren wurden. Drei Frauen, die ebenfalls versuchen, gegen das Schweigen der vergangenen Generationen anzugehen: Chowra Makaremi arbeitete zur Zeit des Drehs an einem Filmprojekt über die iranische Revolution, Nina praktiziert als Psychotherapeutin in London und spricht über ihren Kampf gegen ihre Träume, ihr Trauma und das ihrer Mutter. Sahar Delijani, Autorin des Buches Kinder des Jacarandabaums, lebt in Kanada und offenbart in den Geschichten über ihre Mutter, wie eine stolze Frau auch durch Angst und Gewalt nicht gebrochen werden konnte: „Wenn sie zum Verhör gerufen wurde, liess sie sich Zeit, richtete ihre Augenmaske und tat als ob sie sich für eine Party schick machen würde: ‚Die wollen mit mir reden, ich hab alle Zeit der Welt‘ hat sie dann trotzig erwidert.“ Die Doku, die in der Rubrik Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale 2019 lief, sammelt diese wenigen Stimmen, die vor allem starken, emanzipierten Frauen gehören, und untermauert damit die Makaremis Theorie: Die Kinder der politisch Unterdrückten, der Dissidenten und Opfer des Chomeini-Regimes, ihr freies, selbstbestimmtes und friedvolles Leben sind der moralische Sieg ihrer Eltern über ihre Feinde und Unterdrücker – Menschen, die weiterhin ungestraft im Iran an der Macht sind.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Born in Evin

Deutschland, Österreich

2019

-

95 min.

Regie: Maryam Zaree

Drehbuch: Maryam Zaree

Produktion: Alex Tondowski, Ira Tondowski

Kamera: Siri Klug

Schnitt: Dieter Pichler

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Das Evin-Gefängnis in teheran nach dem Feuer, Oktober 2022.
Die Ereignisse rund um die RebellionIran: Der Aufstand im Evin Gefängnis von Teheran

28.12.2022

- Dies ist die Übersetzung eines Berichts, der zuerst von Manjanigh veröffentlicht wurde, mit einigen zusätzlichen Informationen über die Geschichte und die bauliche Struktur des Evin-Gefängnisses für deutsche Leser, die mit dem Kontext des Gefängnisses nicht vertraut sind.

mehr...
Proteste im Norden vom Iran in Bodschnurd, September 2022.
Ein Aufruf zur Solidarität mit den politischen Gefangenen des iranischen RegimesDamit die Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“ nicht stirbt!

20.10.2022

- Wir denken, wahre Solidarität mit den Kämpfen der Unterdrückten muss auch den Schutz des Lebens und der Freiheit derjenigen beinhalten, die wegen dieser Kämpfe unter Folter und Qualen in den Gefängnissen sind.

mehr...
US-Präsident Donald J. Trump bei der Verkündung des Rückzugs aus dem Iran-Abkommen am 8. Mai 2018 im weissen Haus.
Trump macht seine Drohungen wahrRückzug aus dem Iran-Abkommen

10.05.2018

- Präsident Donald Trump hat am Dienstagabend den vollständigen Rückzug der USA aus dem Abkommen über das iranische Atomprogramm verkündet und zugleich ein Dekret zur sofortigen Wiederaufnahme «schärfster Sanktionen» gegen Teheran unterzeichnet.

mehr...
Interview mit der iranischen Musikerin Maryam Akhondy

25.03.2009 - Auf dem Kulturfestival "Frauenperspektiven - Tausenund_ein IRAN" trat Ende März die iranische Musikerin Maryam Akhondy mit ihrem Frauenchor Banu auf. Maryam Akhondy wurde 1957 in Teheran geboren und lebt seit Anfang der 1980er Jahre in Deutschland.

Evin Gefängnis in Teheran

19.07.2017 - Über das Evin Gefängnis in Teheran im Iran existieren seit Jahren Berichte über systematische Misshandlungen, Folter, Vergewaltigungen und andere Gräueltaten. Allein wenn man sich den Wikipedia-Artikel durchliest kann einem schlecht werden von den Folter-Beschreibungen.

Dossier: Islam
Meshal Obeidallah
Propaganda
Police Bastard - Born in a prison

Aktueller Termin in Berlin

Solicafé Schlürf // Regenbogencafé

Hallo, heute wieder Kaffee und Kuchen (und/oder Sandwiches) im Schlürf gegen Spende, 12-18 Uhr.

Dienstag, 30. Mai 2023 - 12:00 Uhr

Regenbogencafe, Lausitzer Str. 22a, 10999 Berlin

Event in Düsseldorf

Schumann goes Hip-Hop: Rap-Workshop

Dienstag, 30. Mai 2023
- 17:30 -

Zakk

Fichtenstraße 40

40233 Düsseldorf

Mehr auf UB online...

Der US-amerikanische Schauspieler Walter Abel spielt in dem Film die Rolle des Bezirksanwalts Adams.
Vorheriger Artikel

Fury - Blinde Wut

Wie sämtliche Schranken fallen ...

Hungernde Bevölkerung in der Ukraine während dem Holodomor, 1933.
Nächster Artikel

Ein Kommentar zur Debatte um die Anerkennung als Genozid

Der Holodomor und die Kommunisten

Untergrund-Blättle