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Blue Velvet The Robin with the Beetle

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David Lynch und seine Filme haben besessene Anhänger und ebenso besessene Gegner. Dazwischen finden wir differenzierende Gegner und Liebhaber seiner Filme, deren Kritiken Hand und Fuss haben.

Isabella Rossellini und David Lynch am Film Festival von Cannes, 1990.
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Bild: Isabella Rossellini und David Lynch am Film Festival von Cannes, 1990. / Georges Biard (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

23. Dezember 2018

23. 12. 2018

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6 min.

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Für Roger Ebert ist „Blue Velvet“ ein Film, über dessen schwarzen Humor er nicht lachen kann, dessen Charaktere er für charakterlos hält und an dem er insbesondere kritisiert, dass Lynch eine Szene, in der Isabella Rossellini nackt im Vorgarten eines jener schönen, reinen Häuser steht, verletzt, geschunden, missbraucht, kurz darauf zum Gespött mache: „Lynch shows us Rossellini naked and humiliated, and then cuts to jokes about the slogans on the local radio station.“ Diese Szene wurde zum zentralen Argument vieler Kritiker, die Lynch Entwürdigung vorwarfen. James Berardinelli hat dem völlig zu Recht entgegengehalten, dass Lynch hier in einem Höhepunkt des Films seinem Publikum vor Augen führt, wohin entwürdigende Prozesse, Lebensweisen usw. führen, aber nicht in der Absicht, die Figur der Dorothy Vallens zusätzlich zu entwürdigen.

Lynch erzählt eine relativ einfach gestrickte Kriminalgeschichte. Hinter dieser verbergen sich Abgründe, die einem vor Augen führen, dass wir alle in einer Welt leben – in bezug auf uns selbst, die wir uns nicht in einen guten und einen schlechten Teil aufspalten können, wie hinsichtlich einer Welt, die sich ebensowenig teilen lässt, auch wenn wir ständig versuchen, so zu tun, als ob alles „Böse“ einer anderen Welt entspringe.

Lynchs „Blue Velvet“ ist der gelungene Versuch, das Schmutzige, Unreine, Kriminelle, Schuldige nicht ausserhalb unser selbst zu suchen und zu finden, wie dies etwa in Sciencefiction oft geschieht, in denen „das Böse“ nicht nur anders aussieht, sondern auch Tausende von Lichtmeilen entfernt lebt und sich anschickt, „das Gute“ zu zerstören. Kyle MacLachlan spielt einen jungen Collegeboy, dem die Unschuld im Gesicht geschrieben steht, ebenso wie der Nachbarstochter Sandy (Laura Dern), deren Vater John Williams (George Dickerson), Detective bei der örtlichen Polizei im amerikanischen Kleinstädtchen Lumberton, Jeffrey aufsucht, als er vom Weg aus dem Krankenhaus, in das sein Vater mit einem Herzanfall eingeliefert wurde, ein mit einer Schere abgeschnittenes menschliches Ohr im Gras findet.

Dieses Ohr, das nicht mehr hören kann, in das man nicht hineinschauen kann, in dessen schwarzem Innern sich ein Geheimnis verbirgt, ist eines jener Zeichen, die Lynch einsetzt, um das Grauen hinter der heilen Fassade zu offenbaren. In der ersten Szene ist es der sich verkrümmende Gartenschlauch, aus dem plötzlich kein Wasser mehr strömt, und gleichzeitig bleibt Jeffreys Vater die Luft weg, und die Käfer und anderes Getier lauern unter der Oberfläche des Rasens – Zeichen des Todes, aber auch des Abgründigen. Hier scheint sich etwas Mysteriöses, Unerklärbares abzuspielen. Die Natur scheint sich an einigen Stellen gegen Menschen zu wenden. Am Schluss des Films fliegt ein Rotkehlchen auf die Fensterbank, für die blonde Sandy Zeichen, dass alles wieder gut wird. Wenn man aber genau hinschaut, dann hat der kleine Vogel einen Käfer im Schnabel, den er fressen wird. Und auch Jeffrey weiss am Schluss um die Ambiguität der Welt und die Ambivalenz in sich und jedem.

Das Ohr – Jeffrey bringt es zu Williams, der ihm das Versprechen abnimmt, mit niemandem darüber zu reden, um die Ermittlungen nicht zu gefährden. Das Ohr – es wird nun zum Zeichen für Jeffreys selbstverschuldeten Eintritt in die Welt der Sünde. Die erste, die er begeht, lautet: Er bricht das Versprechen. Jeffrey ist neugierig, das Ohr reizt ihn, mehr zu erfahren, und mit Hilfe Sandys, die ein Gespräch ihres Vaters belauscht hat, geraten beide an die Nachtclubtänzerin Dorothy Vallens (Isabella Rossellini), schwarze Haare, schön, aber auch verletzlich, in deren Schrank sich Jeffrey versteckt.

Wie ein Kinozuschauer beobachtet er durch die Schlitze des Kleiderschranks, wie sich der Psychopath Frank Booth (Dennis Hopper) über Dorothy hermacht. Nein, er vergewaltigt sie nicht einfach. Frank zieht aus einer Sauerstoffmaske irgendein Gas, eine Droge, Dorothy darf ihn nicht anschauen, ist ihm hörig, er schlägt sie, sie muss ihm alles zeigen, und erst dieser entsetzliche Kick im ganzen verschafft ihm Befriedigung. Lynch konstruiert diesen Frank zu einer der bösesten, ekelhaftesten, krankhaftesten und furchterregendsten Charaktere der Filmgeschichte. Frank ist zu irgendeiner „normalen“ Reaktion und Handlung offenbar nicht mehr fähig. Er bindet entweder alle an sich, die ihm in die Nähe kommen, oder stösst sie brutal ab, oder abwechselnd beides. Frank hält sich Dorothy als Objekt seiner kranken Sexualität, seines Sadismus. Er hat ihren Mann und ihr Kind entführt und hält beide bei einem seiner Marionetten, Ben (Dean Stockwell), gefangen.

Bei Dorothy löst dies unterschiedliche Reaktionen aus: Sie ist missbrauchtes Opfer. Aber sie entdeckt auch ihre masochistische Seite. Als sie Jeffrey im Schank entdeckt, bedroht sie ihn mit einem Messer, zwingt ihn sich auszuziehen, ihre oralen Bedürfnisse, hier als Ausdruck von Unterwürfigkeit werden angedeutet. Sie will, dass Jeffrey sie schlägt, der sich weigert, aber einmal doch zuschlägt. Dorothy tut nichts gegen die Entführung von Mann und Sohn, sie leidet unter Frank und sie geniesst ihr Leiden, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad.

Jeffrey wandert zwischen Traum und Alptraum, zwischen der unschuldigen Blonden, in die er sich verliebt (und die zunächst penibel darauf bedacht ist, dass ihr Freund Mike (Ken Stovitz) nichts davon erfährt, dass sie wegen der Ermittlungen im „Fall Ohr“ sich ständig mit Jeffrey trifft), und der ihre ambivalenten Gefühle kaum versteckenden Dorothy, mit der er schläft. Als Frank Jeffrey bei Dorothy entdeckt, zieht er ihn in seinen Alptraum mit hinein. Er zwingt ihn, mit zu Ben zu kommen. Es folgt wieder eine dieser alptraumhaften Szenen, in denen ein Verrückter neben dem anderen steht, Ben, der zu einem Schlager aus den 50er Jahren den Mund bewegt, so tut als würde er singen. Alles wirkt, als hätten die Figuren Drogen genommen und würden sich im Halbschlaf befinden.

Ja und dann, dann als im Zweikampf zwischen Frank und Jeffrey letzterer gewinnt, als er das Böse hinweg pustet, eben wie einen lästigen Alp von der Brust vertreibt, da schliesst sich – im Angesicht des genannten Rotkehlchens – die Welt wieder. Wie nach einem Erdbeben hatte sich ein Abgrund aufgetan, und Jeffrey und Sandy waren in die Unterwelt hinabgestiegen. Jetzt scheint sich alles wieder in Wohlgefallen aufzulösen. Die roten und gelben Tulpen leuchten vor dem blauen Himmel wie eh und je, die Familien Beaumont und Williams finden zueinander als gute Nachbarn, Sandy und Jeffrey sind ein Paar und selbst Dorothy, die Geschundene, hat ihr Kind wieder und sitzt auf der Bank, zum ersten Mal mit einem Lächeln.

Es bleibt allerdings der Käfer im Schnabel des Rotkehlchens, das die Menschen verwundert anschaut ...

Die vier Hauptfiguren sind exzellent besetzt, Dennis Hopper, der seine Karriere als Darsteller von Verbrechern hier zum Höhepunkt treibt, Laura Dern, die die amerikanische Kleinstadt-Unschuld grandios spielt, Kyle MacLachlan, der junge, saubere Kerl von nebenan, und Isabella Rossellini, die damals gerade als Fotomodell Karriere machte, hier in ihrer auch körperlichen Geschundenheit das gerade Gegenteil zu den Hochglanzfotos in der Vogue usw. abgibt und den ambivalenten Charakter der Dorothy Vallens überzeugend auf die Leinwand bringt.

Ulrich Behrens

Blue Velvet

USA 1986 - 116 min.

Regie: David Lynch
Drehbuch: David Lynch
Darsteller: Christian Friedel, Ernst Jacobi, Leonie Benesch
Produktion: Fred C. Caruso
Musik: Angelo Badalamenti
Kamera: Frederick Elmes
Schnitt: Duwayne Dunham

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