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Bilanz eines Lebens | Untergrund-Blättle

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Kultur

Bilanz eines Lebens Normalität und Wahnsinn

Kultur

Akira Kurosawa stellt in „Bilanz eines Lebens” einmal mehr einen Aussenseiter in das Zentrum einer Geschichte, die um Normalität und Wahnsinn, Angst und Neid kreist.

Der japanische Schauspieler Takashi Shimura um 1956.  朝日新聞社
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Bild: Der japanische Schauspieler Takashi Shimura um 1956. / 朝日新聞社 (PD)

28. August 2021
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Es herrscht eine fast unerträgliche Hitze. Das schlägt auch auf die Gemüter, die eh schon erhitzt sind. Eine Schlichtungskommission, bestehend aus einem Richter, einem Anwalt und einem Arzt als Beisitzer, soll über die Entmündigung von Kiichi Nakajima entscheiden. Dessen Familie, drei Söhne, zwei Töchter, ein Schwiegersohn und Kiichis Frau, haben den Antrag gestellt, den alten Mann zu entmündigen, weil der sein Vermögen – u.a. eine Fabrik, in der fast alle Familienmitglieder arbeiten – verkaufen und nach Brasilien auswandern will. Denn Kiichi hat nicht nur, wie fast alle Japaner, Angst vor Atom-, Wasserstoffbomben und radioaktiver Strahlung. Kiichi will etwas unternehmen, seine Familie vor einem möglichen atomaren Tod retten. Und in Brasilien glaubt er ein Land gefunden zu haben, das vor diesen Gefahren sicher ist.

Akira Kurosawa stellt in „Bilanz eines Lebens” einmal mehr einen Aussenseiter in das Zentrum einer Geschichte, die um Normalität und Wahnsinn, Angst und Neid kreist. Die Grossstadt ist das Zentrum der Geschichte, und die japanische Grossfamilie – und eine gar nicht so diffuse Angst vor atomarer Zerstörung und Tod. Die Zeitungen sind fast jede Woche einmal voll von Berichten über radioaktive Strahlung. Es wird behauptet, durch die Atombombenversuche der Amerikaner und Sowjets sei insbesondere Japan betroffen, weil der Wind Reste der radioaktiven Strahlung vor allem nach Japan bringe. Die Katastrophe von Hiroshima liegt gerade einmal zehn Jahre zurück. Jeder hat Angst vor den möglichen Folgen eines atomaren Krieges. Und jeder weiss, dass nach der kurzen Phase der Kooperation zwischen den Grossmächten nach 1945 der Kalte Krieg und die Ideologie des „nuclear response“ schnell zu einer solchen Katastrophe führen könnten.

Trotzdem hält Kiichis Familie ihn für verrückt. Keiner von ihnen will nach Brasilien. Alle fühlen sich wohl in Japan, haben ihr Auskommen aus den Erträgen der Fabrik. Sie sagen, sie würden Kiichis Angst verstehen, aber seine Konsequenz halten sie für ein gewagtes, ja verrücktes Abenteuer, auf das sie sich nicht einlassen wollen.

Die Schlichtungsstelle tagt. Und die Hitze wird immer unerträglicher. Während der Richter und der Anwalt die Familie mehr verstehen als Kiichi, zweifelt Dr. Harada daran, dass der alte Mann wirklich verrückt ist. Warum auch? Ein ärztliches Gutachten hat ihm zudem bescheinigt, dass er völlig normal ist. Kiichi hat alles genauestens geplant, hat Kontakt mit einem Japaner aufgenommen, der lange Zeit in Brasilien gelebt hat und nun seine Plantagen verkaufen will, um seinen Lebensabend in Japan zu verbringen. Kiichi will ihm diese Plantagen abkaufen, als Farmer mit seiner Familie ein neues Leben in Südamerika verbringen.

Doch seine Familie lässt nicht locker. Kiichi habe vor einiger Zeit schon verrückte Dinge getrieben, ein grosses Stück Land gekauft, um darauf einen Atombunker zu errichten. Er wolle die Familie in den Ruin treiben.

Trotz aller Bedenken Haradas entscheidet die Kommission, Kiichi zu entmündigen. Verzweifelt versucht der alte Mann, trotz seiner Entmündigung heimlich durch Eintreiben von Schulden die erste Rate für den Kauf der Plantagen zusammen zu bekommen. Doch er scheitert. Und ob sein Einspruch gegen die Entscheidung der Schlichtungskommission Erfolg haben wird, ist zweifelhaft ...

Kurosawa zeichnet in „Ikimono no kiroku” ein dezidiertes Bild einer begüterten japanischen Familie, in der das Familienoberhaupt Kiichi den Ton angibt. Über viele Jahre hinweg funktioniert dieses patriarchalische System fast reibungslos. Kiichi hat nicht nur seine Familie, er hat auch zwei Geliebte, von denen er zwei uneheliche Kinder – einen Teenager und ein Baby – hat, sowie einen erwachsenen Sohn von einer früheren, verstorbenen Geliebten. Seine Töchter und Söhne und seine Frau wissen von diesen Geliebten; aber niemand wagte bislang, darüber ein Wort zu verlieren.

Erst als Kiichi aus seiner Angst vor Radioaktivität und Atombomben eine radikale Konsequenz ziehen will und sich als Patriarch der Familie das Recht nimmt, über alle Köpfe hinweg eine existentielle Entscheidung zu treffen, bricht dieses System nach und nach auseinander. Denn sein Handeln, seine Absichten sind gegen dieses System gerichtet. Von dem Patriarchen, der durch die Entmündigung entmachtet wird, bleibt „nur“ ein grenzenlos fürsorglicher Mann, dem es nicht einmal um sich selbst geht. Kiichi ist alt, und er hat keine Angst vor dem Tod. Aber er möchte, wie er sagt, nicht durch atomare Strahlung ermordet werden, und vor allem will er seiner Familie und seinen Geliebten und deren Kinder eine einigermassen sichere Zukunft verschaffen.

Besonders eindrücklich ist eine Szene, in der Kiichi, der seine Familie und seine Geliebten und unehelichen Kinder zusammen geholt hat, alle miteinander anfleht, trotz seiner Entmündigung auf ihn zu hören und nach Brasilien auszuwandern. Seine Frau Toyo und seine Tochter Sue haben als einzige jetzt begriffen, um was es Kiichi geht. Als er vor Verzweiflung und Entkräftung in ein Krankenhaus eingeliefert wird, feilschen seine Söhne und der Vater einer der Geliebten schon um das Erbe. Man kann es auch anders formulieren. Durch Kiichis Fürsorge bricht sein Patriarchismus zusammen, während seine Söhne ihn für sich rekonstruieren wollen.

Doch „Ikimono no kiroku” geht noch darüber hinaus. Kurosawa zeigt, wie ein Mann, der eigentlich nur konsequent auf eine potentiell lebensbedrohende, existentielle Situation logisch reagiert, langsam aber sicher dem Wahnsinn überantwortet wird. Während sich alle anderen mit dem Wahnsinn der atomaren Bedrohung mehr oder weniger abgefunden haben und das als Normalität empfinden, stigmatisieren sie den eigenen Vater zum Wahnsinnigen. Kiichi reagiert – was auch in der Logik der Geschichte liegt – in völliger Verzweiflung und setzt seine Fabrik in Brand. Die nächste und letzte Konsequenz ist seine Einweisung in die Psychiatrie, in der er dem Wahn verfällt, nicht mehr auf der Erde, sondern auf einem sicheren Planeten zu sein.

Toshirô Mifune spielt diesen Kiichi überzeugend als einen eigensinnigen Mann, einen, der sich nicht beirren lässt – auch wenn seine Lösung, die Auswanderung nach Brasilien – sich vielleicht als sinnlos erweisen würde angesichts der extensiven Möglichkeiten der atomaren Bedrohung. Trotzdem ist Kiichi der einzige, der seinen Weg konsequent zu Ende geht – bis zum eigenen Wahnsinn, der doch nur Ausdruck des Wahnsinns einer Welt ist, die die mögliche Selbstzerstörung auf ihre Fahnen geschrieben hat. Sein Wahnsinn am Schluss ist nichts weiter als ein Schutzmechanismus – der letztmögliche Schutzmechanismus, um den Rest seiner individuellen Existenz zu retten – bis zum Tod.

Das wirklich Wahnsinnige bleibt erhalten – eine atomare Welt, die sich als Normalität versteht. Dem Individuum, das dagegen aufbegehrt, bleibt nur der Weg in den individuellen Wahnsinn, weil es den systematischen Wahnsinn nicht anders ertragen kann. Lediglich Harada – gespielt von dem grossartigen Takashi Shimura –, Kiichis Tochter Sue und seine Frau entwickeln ein Gespür für die Stärke dieses Mannes – und für seine Schwäche.

Ulrich Behrens

Bilanz eines Lebens

Japan

1955

-

103 min.

Regie: Akira Kurosawa

Drehbuch: Akira Kurosawa, Shinobu Hashimoto, Fumio Hayasaka, Hideo Oguni

Darsteller: Toshirô Mifune, Takashi Shimura, Minoru Chiaki

Produktion: Sojiro Motoki

Musik: Masaru Satō, Fumio Hayasaka

Kamera: Asakazu Nakai

Schnitt: Yoshirô Muraki

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