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Mann beisst Hund | Untergrund-Blättle

Kultur

Bitterböse Satire auf den Sensationsjournalismus Mann beisst Hund

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Ein Serienmörder, ein Kamerateam, viele viele Leichen – 1992 sorgte der belgische Spielfilm «Mann beisst Hund» für reichlich Kontroverse.

Benoit Poelvoorde (rechts im Bild) in Cannes, 2012.
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Bild: Benoit Poelvoorde (rechts im Bild) in Cannes, 2012. / Olivier Strecker (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

1. September 2015

01. 09. 2015

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6 min.

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Die Bilder in einer heruntergekommenen Lagerhalle lassen Erinnerungen wach werden. In einer wilden Schiessorgie rennen bewaffnete Männer durch den Staub und Schmutz, um dem Gegner das Lebenslicht auszublasen – dicht hinter ihnen rennen die Kameraleute, um die Szenerie und das Blutvergiessen einfangen zu können. Was aussieht, wie Bilder aus dem Irak-Krieg, die man in den Nachrichten serviert bekommen hat, ist eine faszinierende Pseudo-Dokumentation, die Mann beisst Hund heisst und viele Jahre vor dem Irak-Krieg entstand, welche solche Aufnahmen salonfähig machten.

Umso überraschender sind die harschen Reaktionen auf diesen, zugegebenermassen gewagten Film, der jegliche Grenzen des guten Geschmacks überschreitet – konsequent von Anfang bis zum bitteren Ende. Aber letztlich sammelt dieses Werk nur die Geschmacklosigkeiten zusammen, welche uns das private und öffentlich rechtliche Fernsehen in Form von immer realistischeren Dokumentationen ins Wohnzimmer gebracht hat. Also alles halb so wild? Nein und Mann beisst Hund will das auch gar nicht verharmlosen, sondern kritisiert die Moral des Fernsehens auf Härteste, womit es sich einreiht in die Liste der gnadenlos medienkritischen Streifen der Filmgeschichte wie Network oder Wag the Dog. Nur ist dieses, mit kaum vorhandenem Budget gedrehte Filmchen noch offener und schonungsloser, schmutzig und ohne Mitleid – der böse Bruder seiner ebenso kritischen Verwandten, könnte man sagen.

Erzählt wird hierbei die Geschichte von Benoit (Benoît Poelvoorde), einem jungen Mann, der alles und nichts macht. Er lebt in den Tag hinein und verdient sich sein Geld durch Raubzüge oder brutale Morde. Hinterrücks überfällt er einen Postboten, um sich seine Uniform überzuziehen und die Renten von alten Leuten zu kassieren. Oder er dringt in die Wohnung einer alten Frau ein, erschreckt sie, sodass sie einen Herzinfarkt erleidet und stirbt. Die Brutalität dieses humorvollen Mannes, der fast wie ein Entertainer wirkt, der nur mit seiner Anwesenheit einen Saal voller Menschen unterhalten kann, geht sogar so weit, dass er in das Haus einer Familie tritt, die Mutter zusammenschlägt, den Vater mit dem Gesicht auf das Waschbecken schlägt, bis das Blut an die Decke spritzt und dabei über französische Filme philosophiert. Der Sohn wird schliesslich erstickt.

Das wäre alles schon schlimm genug, wären da nicht die jungen Männer, die ihn bei seinen Taten zusehen würden. Auf ihre ganz eigene Art sind es Komplizen, die sich mit dem Verbrecher bald anfreunden, doch sie sind auch Dokumentarfilmer, die all das auf Band festhalten, was Benoit an diesen aufregenden Tagen erlebt. Das Projekt ist dabei immer von finanziellen Engpässen bedroht, doch die Macher wollen ihre Studie auf jeden Fall zu Ende drehen, koste es, was es wolle. Ihre Einstellung ist dabei mit der eines Werner Herzog vergleichbar, denn sie lassen sich von nichts aufhalten – auch nicht vom Tod zweier Mitarbeiter, die im Kugelhagel zugrunde gegangen sind. Mehr noch, die Beobachter Benoits werden bald mehr als das, denn durch ihre Arbeit kommen sie dem Mörder näher, lernen ihn kennen und schätzen, sie werden zu Freunden und um ihr Werk nicht zu gefährden, fassen sie mit an, wenn es nötig ist. Nach und nach beladen sich die Reporter mit immer grösserer Schuld, die sie ins Verderben stürzt.

Natürlich ist „Mann beisst Hund“ überspitzt, aber die Regisseure und Drehbuchautoren packen auch die Wahrheit am Schopf und kreieren daraus ihre schmutzigen Fantasien, die sie ins Groteske steigern, denn die Presse, in diesem Fall die Dokumentarfilmer, macht aus Morden und ihren Mördern Berühmtheiten, indem sie sie unter grossen Schlagzeilen auf die Titelseiten aller Zeitungen bringen. Nichts anderes passiert hier. Die Presse ist daher indirekt an diesen Taten beteiligt, indem sie sie aufbauscht, sie schmücken die Taten aus, machen sie zu Grossereignissen, dichten die Wahrheit um, wie sie sich am besten verkauft. Das prangerte Heinrich Böll in den 70er Jahren bereits bzgl. der Bild-Zeitung an und wenig später entstand der medienkritische Film Die verlorene Ehre der Katharina Bluhm, nach einer Vorlage von Böll. Da ist Mann beisst Hund nur die logische Fortführung einer solchen Medienkritik, eine Kritik an Journalisten, die vor nichts zurückschrecken.

Hier sind es nicht länger die indirekten Mittäter, sondern die direkten, die nicht nur bei den Taten zuschauen, sondern auch noch mitanpacken und auf den Geheiss von Benoit einem toten Farbigen die Hose herunterziehen, um seine Penislänge zu begutachten. Unentwegt wird hier über 90 Minuten der Finger auf die Wunde gelegt und gemahnt: der Mörder will sich inszenieren, aber vergesst nicht, dass dazu immer zwei gehören: es gibt auch welche, die ihm die Möglichkeit dazu geben. Das passiert in diesem Film, das passiert aber auch in der Realität und das macht sich dieses Werk zunutze, dass in unendlicher Boshaftigkeit diese Zustände anprangert. Deshalb muss C’est arrivé près de chez vous so schonungslos sein. Alles andere wäre verlogen und verharmlosend.

Die Verbrecherbande, bestehend aus Benoit und „seinem“ Kamerateam vergewaltigt eine Frau, die sie nicht nur nach der Tat auf dem Küchentisch liegen lassen, sondern ihr auch noch die Gedärme rausreissen oder es wird auf einen Partygast geschossen, bis das Blut auf die anderen Gäste spritzt, die gar nicht daran denken, sich die rote Flüssigkeit vom Gesicht zu waschen. Das ist absurd, geschmacklos, das ist grotesk und so schwarz wie die Seele des Teufels. Aber je mehr Leichen es gibt, desto besser ist es für die Dokumentarfilmer, denn sie wissen genau, dass sich ihr Werk je besser verkauft, desto höher die Anzahl der Opfer ist. Dagegen scheint das Eindringen in das Schlafzimmer einer Prostituierten noch harmlos, aber es ist ein geschickter Schachzug, um dem Zuschauer klarzumachen: Diese Szenen kennt ihr aus Reportagen, so weit ist das Fernsehen bereits und nun passt auf, was alles noch kommen kann. Das endet in einem Blutbad.

Benoit, als Täter und Star, wird dabei nie aus den Augen verloren, der von seinem Team angehimmelt wird. Er ist zwar ein armes Geschöpf, das nach Höherem strebt, sich aber eine Arroganz und Selbstsicherheit zugelegt hat, die das Anhimmeln ermöglicht, sodass man ihm folgt, wohin man will, ohne irgendetwas zu hinterfragen. Das macht zumindest das Reportage-Team so. Mann beisst Hund ist ein einzigartiger Film und vielleicht ist das auch besser so. Es ist aber auch ein Experiment, das in Form eines höchstens 60 Minuten langen Kurzfilms besser funktioniert hätte, wie als abendfüllender Spielfilm, aufgemacht wie eine Dokumentation, bei der man live bei den Geschehnissen dabei ist. Trotz einiger Längen wird man oft laut auflachen müssen – um sich unmittelbar danach daran zu verschlucken.

Stephan Eicke
film-rezensionen.de

Mann beisst Hund

Belgien 1992 - 95 min.

Regie: Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoorde
Drehbuch: Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoorde, Vincent Tavier
Darsteller: Benoît Poelvoorde, Jacqueline Poelvoorde Pappaert, Nelly Pappaert
Produktion: Rémy Belvaux, André Bonzel, Benoît Poelvoorde
Musik: Jean-Marc Chenut, Laurence Dufrene
Kamera: André Bonzel
Schnitt: Rémy Belvaux, Eric Dardill

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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