Battle in Seattle Die Grenzen des Welthandels

Kultur

„Battle in Seattle“ erinnert an Proteste gegen ein Treffen der Welthandelsorganisation, die schnell eskalierten.

WTO Protest in Seattle, November 1999.
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WTO Protest in Seattle, November 1999. Foto: Jnarrin (CC BY 3.0 cropped)

24. August 2022
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Das ist zumindest um die Darstellung verschiedener Perspektiven bemüht, auch wenn die Sympathien doch recht eindeutig bei den Protestierenden liegen. Richtig viel lernt man dabei nicht, zumindest als Denkanstoss funktioniert das brachiale Actiondrama aber.

Seattles Bürgermeister Jim Tobin (Ray Liotta) könnte nicht stolzer sein: Die Welthandelsorganisation WTO organisiert 1999 ein Treffen in seiner Stadt, zu der Entscheidungsträger aus aller Welt zusammenkommen. Andere sind sehr viel weniger glücklich über das Ereignis, zahlreiche Proteste haben sich im Vorfeld bereits angekündigt. Auch Jay (Martin Henderson) ist mit am Start und will gemeinsam mit Gleichgesinnten gegen die Globalisierung protestieren. Dabei besteht er darauf, dass ihre Aktion friedlich sein soll. Doch nicht alle sind damit einverstanden, die Situation gerät immer mehr ausser Kontrolle. Während die Behörden noch nach der richtigen Antwort suchen, wittert die Journalistin Jean (Connie Nielsen) eine grosse Story und heftet sich an die Aktivistentruppe …

Die Grenzen des Welthandels

Im Zuge der beiden grossen Krisen der letzten Jahre – die Corona-Pandemie und der Ukraine-Krieg – sind die Gefahren einer globalisierten Welt offenkundig geworden. Denn fällt einer der Anbieter aus oder kommt es zu Transportschwierigkeiten, droht das gesamte Konstrukt zusammenbrechen. Die Idee eines freien Handels, von dem alle profitieren und der die Welt zu einem besseren Ort macht, wird zunehmend in Frage gestellt. Natürlich hat es aber schon zuvor nicht wenige gegeben, die von all dem wenig halten. Proteste rund um die Welthandelsorganisation oder andere internationale Zusammenschlüsse gehören seit Jahren dazu. Von einem solchen erzählt der Film Battle in Seattle, basierend auf den gleichnamigen Protesten, die 1999 in der US-amerikanischen Metropole stattfanden und zunehmend eskalierten.

Stuart Townsend, der zuvor als Schauspieler Karriere machte und hiermit sein Debüt als Regisseur und Drehbuchautor gab, wollte mit seinem Film an diese Proteste erinnern. Wobei er sich mehr von der Geschichte inspirieren liess, als dass er wirklich die Ereignisse aufarbeitete. So nutzt er in Battle in Seattle die immer wieder beliebte Methode, mit persönlichen Einzelschicksalen ein deutlich grösseres Bild zusammenzusetzen. Der Pandemie-Thriller Contagion verzichtete beispielsweise auf eindeutige Protagonisten und Protagonistinnen und erstellte damit ein Mosaik aus Schicksalen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben und dennoch irgendwie zusammengehören. Das ist bei dem Blick auf die Proteste nicht anders, wenn wir abwechselnd von Polizisten, dem Bürgermeister, der Journalistin und Aktivisten erzählen – dazu andere, die in alles hineingezogen wurden.

Viele Perspektiven mit eindeutiger Gewichtung

Solche Perspektivwechsel können ganz hilfreich sein, um komplizierte Geschichten ausgewogener zu gestalten und dabei verschiedene Positionen miteinander abzuwägen. Bei Battle in Seattle gilt das aber nur zum Teil. So verdammt Townsend zwar nicht grundsätzlich alle, die auf der Seite der Protestgegner stehen. Der Bürgermeister setzt beispielsweise auf Deeskalation und hält an dem Versammlungsrecht fest. Umgekehrt finden sich bei den Aktivisten auch Leute, die ganz offensichtlich Gefallen an der Gewalt finden und kein Interesse an einem wirklichen Austausch haben. Insgesamt sind die Sympathien des Nachwuchsfilmemachers jedoch sehr eindeutig: Der Film ist selbst ein Protest gegen die Welthandelsorganisation und das Ungleichgewicht zwischen armen und reichen Ländern, das durch diese Politik verstärkt statt abgebaut wird.

Das mag man als unterstützenswert oder manipulativ empfinden. Eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema Globalisierung braucht hier ohnehin niemand zu erwarten. Battle in Seattle will dann doch mehr Unterhaltung als Aufklärung sein und greift zu dem Zweck auch auf die eine oder andere unnötige Dramatisierung zurück. Wer sich daran nicht stört oder auch den gelegentlich unübersichtlich gestalteten Szenen, kann sich schon hiervon mitreissen lassen. Mit einer ziemlichen Wucht krachen hier Menschen und Weltsichten aufeinander, an dessen Ende viele Fragen offen bleiben, über die es sich rund 15 Jahre später noch immer nachzudenken lohnt.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Battle in Seattle

USA

2007

-

100 min.

Regie: Stuart Townsend

Drehbuch: Stuart Townsend

Darsteller: Charlize Theron, Woody Harrelson, Ray Liotta

Produktion: Mary L. Aloe, Maxime Rémillard, Kirk Shaw, Stuart Townsend

Musik: Neil Davidge, Robert Del Naja

Kamera: Barry Ackroyd

Schnitt: Fernando Villena

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.