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Basic Instinct Wertloses Papier ...

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Verhoevens „Erotik-Thriller“ erregte schon während der Dreharbeiten die Gemüter.

Die Crew des Filmes Basic Instinct bei der Premiere in Cannes, 1992.
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Bild: Die Crew des Filmes Basic Instinct bei der Premiere in Cannes, 1992. Von Links: Jeanne Tripplehorn und Michael Douglas, Paul Verhoeven's Frau Martine Tours, Regisseur Paul Verhoeven, Sharon Stone und Produzent Mario Kassar. / Georges Biard (CC BY-SA 3.0 unported - cropped)

9. Dezember 2020

09. 12. 2020

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Homosexuellengruppen protestierten gegen die ihrer Ansicht nach verletzende Darstellung, in der in „Basic Instinct“ lesbische bzw. bisexuelle Charaktere vorgeführt würden. Amerikanische konservative Kreise mokierten sich über die Sex-Szenen. Andere sahen in dem Film ein Zeichen für die angeblich zunehmende Verherrlichung von Menschenverachtung und Brutalität im US-amerikanischen Film. Anders die ernst zu nehmende Filmkritik: Roger Ebert fühlte sich manipuliert: Das Ende des Films käme den Marketing-Experten gerade recht. „The audience likes the heroine? Make her innocent. The hate her? Make her the killer.“

Rita Kempley von der „Washington Post“ konstatierte – jenseits der Angriffe homosexueller bzw. lesbischer Organisationen gegen den Streifen – in „Basic Instinct“ vor allem eine falsche bzw. klischeehafte Wahrnehmung weiblicher Sexualität. Die lesbischen Liebesszenen trügen wenig dazu bei, den Charakter der Frauen zu entwickeln, viel mehr aber dazu, die Erregung der Männer zu demonstrieren.

Ein Mann und eine blonde Frau im Bett. Man rate, was sie dort machen. Er liegt unten, sie sitzt auf ihm. Sie fesselt seine Hände mit einem Seidenschal ans Bett. Im Moment ihres Orgasmus sticht sie mit einem Eispickel mehrfach in seinen Körper, bis er tot ist.

Catherine Tramell (Sharon Stone) war die Sexpartnerin des Ermordeten. Sie hat Psychologie und Literatur studiert, ein Buch geschrieben, in dem der Mord detailliert beschrieben wurde. Catherine bestreitet den Mord, obwohl Detective Curran (Michael Douglas) sie für die Mörderin hält. Er schliesst aus, dass jemand anderes – so die Theorie der Psychologen – Catherine durch den Mord schaden wollte. Sie hat kein Alibi. Ein Motiv ist für Curran, seinen Kollegen und Freund Gus (George Dzundza) und die anderen Mitglieder des Morddezernats der Polizei von San Francisco jedoch nicht ersichtlich – es sei denn, die Tramell wäre eine Psychopathin.

Dann allerdings tauchen gegen Catherine weitere Verdachtsmomente auf. Ihre Eltern waren bei einem Bootsunfall gestorben, weil die Benzinleitung undicht war und das Boot explodierte. Während ihres Studiums an der Universität wurde einer ihrer Lehrer ermordet. Nicht zuletzt pflegt Catherine die Freundschaft mit Hazel Dobkins (Dorothy Malone), die im Gefängnis sass, weil sie ihren Mann und ihre Kinder ermordet hatte.

Currans Ex-Freundin, die Polizeipsychologin Beth (Jeanne Tripplehorn), warnt ihn vor der Skrupellosigkeit Catherines. Was sie ihm jedoch verheimlicht, ist, dass sie nicht nur zusammen mit Catherine studiert, sondern mit ihr während dieser Zeit auch eine Affäre hatte. Catherine schläft mit Männern und Frauen, nur der Lust wegen, ohne eine emotionale Beziehung zu ihren Partnern aufzubauen. Curran, selbst in grösseren Schwierigkeiten wegen Alkohol- und Drogenkonsums, ist von dieser Frau fasziniert, begehrt sie. Und sie nutzt dies aus. Sie scheint alles über Curran zu wissen, alles, was nur jemand wissen kann, der seine Polizeiakte kennt. Nachdem Curran einen Kollegen verdächtigt, der Tramell diese Akte verschafft zu haben, wird dieser eines nachts erschossen in seinem Wagen aufgefunden.

Weil Curran, der kurz zuvor eine tätliche Auseinandersetzung mit dem ermordeten Kollegen hatte, selbst in Verdacht kommt und suspendiert wird, nutzt Catherine die Chance: Sie schläft mit Curran. Der ist immer weniger von ihrer Schuld überzeugt. Statt dessen erhärten sich Verdachtsmomente gegen Beth ...

„Basic Instinct“ ist eine typische Mischung aus typischem Polizeifilm und typischem „Sex and Crime“ – zu „typisch“, um wirklich überzeugend zu sein. Verhoeven setzte voll und ganz auf Effekte und vermied jeglichen inhaltlichen Realismus sowie überzeugende Charaktere. Wie oft sieht man in einem anderen Film derart häufig fast exakt gleiche Szenen? Der Eispickel, das Mordwerkzeug, dient nicht nur in der Eingangszene als „Aufhänger“ der Geschichte; mehrmals sieht man Sharon Stone mit einem solchen Gerät Eis zerkleinern. Etwas ähnliches gilt für die – mehr oder weniger – „freizügigen“ Sex-Szenen, die sich in dramaturgischer Monotonie wiederholen. Ohne diese Szenen hätte die – durch allerlei psychologisches Wirrwarr gekennzeichnete – Geschichte nicht mehr gelitten. Doch Verhoeven war wohl der Meinung, man müsse die kühle Blonde in ihrem ganzen Femme-fatale-Klischee auf die Leinwand bringen.

Sharon Stones Catherine ist – darauf ist immer wieder hingewiesen worden – der männerverschlingende Vamp, die femme fatale in extenso, skrupellos, dominant, kalt und kaltschnäuzig – jedenfalls unterstellt dies die Inszenierung. Bezeichnend für diese Typisierung ist z.B. die Szene zu Anfang des Films, als Catherine in einem neonbeleuchteten, fensterlosen, kalten Raum von vier oder fünf Polizeibeamten vernommen werden soll. Sie raucht, einer der Polizisten verbietet es ihr.

Sie meint: „Werden Sie mich etwa einsperren, weil ich hier verbotenerweise rauche?“ – und raucht weiter. Sie sitzt den Männern in „gebührendem Abstand“ gegenüber, die Beine übergeschlagen, ohne Slip, in kurzem Rock. Sie beherrscht die Szene. Sie soll vernommen werden, aber sie führt Regie. Als sie auf die Frage zu ihrem Verhältnis zu dem Ermordeten äussert: „Ich mag Männer, die meine Lust befriedigen; er verstand es, mich zu befriedigen“, so dass jedem mehr als deutlich wird, dass Catherine kein Bedürfnis nach Emotionalität, sondern ausschliesslich nach „gutem“ Sex hat, nimmt sie ihr linkes Bein vom rechten, spreizt leicht beide Beine, so dass für die Beamten sichtbar wird, was sichtbar werden soll. Um diesen Eindruck der Figur der Catherine noch zu verstärken, muss Sharon Stone des öfteren das Wort „ficken“ in den Mund nehmen.

Verhoeven setzt auf Wirkung, nicht auf Entwicklung von Inhalt, auf das Ergebnis, nicht auf sein Zustandekommen, auf das Ist, nicht auf Geschichte oder biografische Details, auf Maske, nicht auf Persönlichkeit. Sicher, Sharon Stone füllt diese typisierte Figur voll aus; sie kann das und sie macht das jedenfalls sehr gut. Sie spielt ein weibliches Monster, nur, dieses Monster ist kein Mensch aus Fleisch und Blut, sondern eine aufgezogene Plastikfigur. Ihre „Intimität“, sei es mit Roxy, sei es mit Michael Douglas Curran wirkt künstlich, stilisiert; die Sex-Szenen, die manche als sehr freizügig empfinden, wirkten auf mich weder freizügig, noch erotisch – eher schon langweilig und ermüdend, sichtbar konstruiert, so, dass man Verhoeven ganz in der Nähe vermutet. Ich wurde den Eindruck nicht los, dass er den Film wegen dieser Szenen und der damit beabsichtigten Wirkung auf das Publikum gedreht hat und nicht wegen einer spannenden Story.

Auch Michael Douglas treibt sich hier fast schlechter „in den Strassen von San Francisco“ herum als in der bekannten Fernsehserie mit Karl Malden. Lediglich die Szenen mit seinem Buddy Gus lassen erahnen, dass er auch besser spielen kann. Die Beziehung zu seiner Ex-Freundin Beth schwankt unvermittelt zwischen aggressivem Verhalten und deutlich gespielter Emotion. Für Jeanne Tripplehorn eine unlösbare Aufgabe: Sie wird von Curran zu seiner aggressiven Art von Sex gezwungen, er schreit sie mehrfach an, er schmeisst sie aus seiner Wohnung usw. und sie hat – Verständnis! Sind Psychologen keine Menschen sondern alles verstehende und verzeihende Wesen?

Die Geschichte selbst leidet aber nicht nur unter der fast völlig fehlenden charakterlichen Feinzeichnung und der plumpen „Offenherzigkeit“, es fehlt ihr auch an logischer Strenge. Curran, erfahrener und abgebrühter Polizist, geht mit einer Frau, die sehr schnell als eiskalter Engel in Verdacht gerät, ins Bett, lässt sich von ihr sogar fesseln. Ist der Mann lebensmüde? Etwa nach dem Motto: Nur einmal mit ihr schlafen und dann sterben?

Hinzu kommen die psychologischen Andeutungen über die Vergangenheit von Catherine und Beth, die nun wirklich so gut wie gar nichts über diese beiden Figuren aussagen – ausser dass sie beide Monster sein könnten. Alle vier Frauen im Film sind mehr oder weniger Monster, auch Roxy, die aus Eifersucht versucht, Curran zu überfahren, und die Familienmörderin Hazel. Die Männer sind hormongesteuert, vielleicht bis auf Gus; man könnte sie sogar obendrein noch als Opfer der Vamps sehen, die den Film beherrschen – jedenfalls wird dieser Eindruck vermittelt. Dann plötzlich zeigt Catherine Gefühle (oder spielt sie nur?) gegenüber Curran. Absolutes Wirrwarr!

Die Schlussszene lässt den Film endgültig zur Bastelkiste werden: Man suche sich doch bitte schön selbst aus, wer denn nun wen getötet, wer welchen Eispickel zu was benutzt hat und wer wie einzuschätzen ist. Auf der Strecke bleiben ein Ex-Rockstar, zwei Polizisten, eine eifersüchtige Roxy – und last but not least: das gute Kino.

Nein, nein, die Vergleiche zwischen Sharon Stone hier und den blonden Frauen in Hitchcocks Filmen hinken nicht nur, sie sind falsch und verfälschend. Tippi Hedren, Grace Kelly oder Kim Novak waren keine Marionetten eines schlechten Drehbuchs und einer ebenso schlechten Inszenierung.

„Basic Instinct“ ist teilweise durchaus spannend gemacht. Aber das ist nicht der Suspense eines Hitchcock, eine Michael Mann, eines Oliver Stone, eines Stanley Kubrick usw. usf. Das ist Suspense um des Suspense willen, und deshalb keiner. Um nochmals Roger Ebert zu zitieren: Der Film sei wie ein Kreuzworträtsel. Er halte einen bei der Stange, bis man es löse. Danach sei er nur noch wertloses Papier, bei dem die freien Stellen gefüllt seien.

Ulrich Behrens

Basic Instinct

USA

1992

-

128 min.



Regie: Paul Verhoeven

Drehbuch: Joe Eszterhas

Darsteller: Michael Douglas, Sharon Stone, George Dzundza

Produktion: Alan Marshall

Musik: Jerry Goldsmith

Kamera: Jan de Bont

Schnitt: Frank J. Urioste

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