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Barbara Die Erinnerung an Gefühle

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„Barbara“ ist ein sehr sensibel geschriebenes, toll gespieltes Drama über den Verlust und das Zurückgewinnen von Vertrauen.

Nina Hoss in Barbara, 2012.
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Bild: Nina Hoss in Barbara, 2012. / Eye Steel Film (CC BY 2.0 cropped)

26. März 2021

26. 03. 2021

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Die feinen, subtilen Bildkompositionen betonen weniger die Zeit und mehr die Charaktere, wie sie zu dieser Welt stehen und wie sie sich dieser nähern. Petzold ist damit nicht nur ein Film über die Flucht gelungen, sondern auch über die Rückkehr zu sich und einer Art von Glück, die man nicht für möglich gehalten hätte.

Nachdem sie einen Ausreiseantrag aus der DDR gestellt hat, wird die Ärztin Barbara Wolff (Nina Hoss) von ihrer Stellung an der Berliner Charité strafversetzt in ein kleines Krankenhaus an der Ostseeküste. Da sie von der Stasi überwacht wird und bereits eine Inhaftierung erdulden musste, verdächtigt sie auch ihren neuen Vorgesetzten, den Leiter der Kinderchirurgie André Reiser (Ronald Zehrfeld), dass dieser mit den Beamten des Staates unter einer Decke steckt.

Jegliche Annäherung blockiert sie und verhält sich auch den anderen Kollegen gegenüber reserviert, während sie insgeheim mit ihrem Geliebten, der in der BRD wohnt, ihre Flucht vorbereitet und sich immer wieder mit ihm trifft. Trotz ihrer Bemühungen, ihre Distanz zu wahren, kommt sie André immer näher, der sie durch seine Fachkenntnis und sein Bemühen um die Patienten beeindruckt. Auch Barbara wachsen die Patienten wie die junge Stella (Jasna Fritzi Bauer) ans Herz und zugleich bemerkt sie, dass sie sich über den Beruf hinaus André annähert, der alles tut, damit sie sich in ihrer neuen Umgebung wohlfühlt. Schliesslich muss sich Barbara entscheiden, ob sie immer noch fliehen will oder einen anderen Weg einschlägt.

Die Erinnerung an Gefühle

Regisseur Christian Petzold, Sohn von DDR-Flüchtlingen, will Barbara nicht jene inhaltlichen und formalen Klischees bedienen, die man in vielen Geschichten über die DDR sieht. In seinem Statement zum Film beschreibt Petzold, dass es nicht um das „Porträt eines Unterdrückerstaates“ geht, sondern wie in so vielen seiner Geschichten um die zwischenmenschlichen Beziehungen, um Misstrauen und um Sicherheit. Entstanden ist dabei ein Film, der sich zum einen von anderen filmischen Porträts der DDR abhebt und zum anderen über die Möglichkeiten einer Flucht, ein Kernthema des filmischen Schaffens Petzolds.

Innerhalb des Aufbaus seiner Werke ist es interessant zu sehen, wie sich Petzolds Inszenierung seinen Figuren nähert. Das Wechselspiel der Kamera zwischen Nähe und Distanz zeigt Barbara als eine Chiffre und eine Aussenseiterin in der Provinz, die nicht sogleich zur Arbeit geht, sondern, nachdem sie aus dem Bus ausgestiegen ist, erst einmal ihre Zigarette zu Ende raucht. Der von Rainer Bock gespielte Stasi-Beamte kommentiert dies mit geringschätziger Routine, dass man „von der“ kaum erwarten kann, dass sie zu früh zur Arbeit erscheine, während der von Ronald Zehrfeld gespielte André in eigenen Gedanken zu dem Anblick dieser Frau, wie sie rauchend auf der Bank sitzt, macht. Ähnlich dem Gemälde Rembrandts Die Anatomie des Dr. Tulip geht es nicht um das, was man sieht, ob dies falsch ist oder nicht, sondern um den Fokus auf die Person, in diesem Falle Barbara, was das Bild über die aussagt und mit welchem Recht man sie aus der Ferne mit Blicken sezieren kann.

Wie bereits in ihren anderen Kollaborationen mit Petzold spielt Nina Hoss eine Flüchtige. Emotional hat sie die DDR bereits lange hinter sich gelassen, was nicht zuletzt an den entwürdigenden Repressalien der Stasi liegt, die sie auch nach der Versetzung in die Provinz über sich ergehen lassen muss. Die (Wieder-)Entdeckung dieser Gefühle, das Herantasten an die Menschen um sie herum erfüllt sie mit Angst und Zweifel, hat sie sich doch an das Misstrauen gegenüber Annäherungen bis jetzt geweigert.

Chancen auf ein Glück

Neben dem Kino über die beiden Weltkriege ist auch das über die DDR geprägt von mittlerweile allzu bekannten Klischees, inhaltlich wie auch formal. Nicht nur die Farben sind es, die Barbara angenehm abheben, sondern auch die Chancen auf ein Glück, welches sich auf beiden Seiten der Mauer für die Protagonistin bieten. Das entschiedene „Hier kann man nicht glücklich werden“ klingt durch die Betonung irgendwie hohl, man ahnt, dass sich hier eine Veränderung ergeben hat, die man nicht auszusprechen wagt (und es auch nicht muss). Sehr subtil, durch das Spiel seiner Darsteller sowie die klugen Dialoge des Drehbuchs, welches Petzold zusammen mit Harun Farocki schrieb, ergeben sich solche Szenen, in denen sich die Figuren öffnen, ein Risiko eingehen und Vertrauen schöpfen, vor allem in das Gegenüber.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Barbara

Frankreich

2015

-

91 min.



Regie: Christian Petzold

Drehbuch: Christian Petzold, Harun Farocki

Darsteller: Nina Hoss, Ronald Zehrfeld, Jasna Fritzi Bauer

Produktion: Florian Koerner von Gustorf, Michael Weber

Musik: Stefan Will

Kamera: Hans Fromm

Schnitt: Bettina Böhler

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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