UB-LogoOnline MagazinUntergrund-Blättle

Who Am I – Kein System ist sicher | Untergrund-Blättle

3155

kultur

ub_article

Kultur

Rezension zum Film von Baran bo Odar Who Am I – Kein System ist sicher

Kultur

Sowohl beim Zuschauer als auch beim Film selbst ist Verwirrung Programm, zu unentschlossen schlingert Who Am I – Kein System ist sicher umher. Da passt vieles oftmals nicht zusammen, unterhaltsam ist der deutsche Thriller aber und dazu noch optisch gut umgesetzt.

«Who Am I» als Titel ist sicherlich passend gewählt bei einem Film, der von Anonymität handelt, von der Suche nach einer eigenen Rolle im Leben.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: «Who Am I» als Titel ist sicherlich passend gewählt bei einem Film, der von Anonymität handelt, von der Suche nach einer eigenen Rolle im Leben. / Hackertop (CC BY-SA 4.0 cropped)

20. April 2016

20. 04. 2016

1
0
3 min.
Korrektur
Drucken
Sein ganzes Leben lang war Benjamin (Tom Schilling) unsichtbar für andere gewesen: Im Sport wählte ihn keiner ins eigene Team, Frauen nahmen keine Notiz von ihm, sein Geld verdient er als Pizzalaufbote. Nur eine Sache kann er wirklich gut, und ausgerechnet hier kommt ihm seine Unscheinbarkeit auch sehr entgegen: Er ist ein brillanter Computerhacker. Als er eines Tages Max (Elyas M’Barek), Stephan (Wotan Wilke Möhring) und Paul (Antoine Monot jr.) kennenlernt und mit ihnen das Hacker-Kollektiv CLAY gründet, fühlt er sich zum ersten Mal in seinem Leben als Teil von etwas Grösserem. Doch deren spassigen Aktionen werden von niemandem ernstgenommen, was gewaltig an Max’ Ego kratzt. Als die vier beim BND einbrechen, um die Aufmerksamkeit der Hacker-Ikone MRX zu erlangen, wird aus dem Spass jedoch tödlicher Ernst.

Who Am I als Titel ist sicherlich passend gewählt bei einem Film, der von Anonymität handelt, von der Suche nach einer eigenen Rolle im Leben. Und spätestens, wenn der deutsche Thriller zum Ende hin einige Wendungen einbaut und man sich als Zuschauer nicht mehr ganz sicher sein kann, wem hier noch zu trauen ist, wird die Frage ohnehin zum thematischen Mittelpunkt.

Gleichzeitig ist der Titel aber auch programmatisch für einen Film, der sich einfach nicht entscheiden kann, was er nun sein will. Thriller steht in der Genrebeschreibung, nur fehlt dafür aber lange Zeit der „thrill“, die Spannung. Unterhaltsam ist es, wenn die vier Jungs allerlei Blödsinn anstellen, Wotan Wilke Möhring entgegen seiner üblichen Rollen hier als durchgeknallter Proll mal so richtig die Sau raus lassen kann.

Nur kommt Who Am I damit einer Teenie-Komödie deutlich näher, als es der Film vermutlich wollte und steht im krassen Widerspruch zum ernsten Ton der Rahmenhandlung. Dass die Dialoge nicht sehr lebensecht sind und auch noch eine im Grunde überflüssige Liebesgeschichte eingebaut wird – Benjamin ist hoffnungslos in seine frühere Mitschülerin Marie (Hannah Herzsprung) verknallt – verstärkt den Eindruck der Willkürlichkeit.

Dramaturgisch unausgereift wird da so mancher Kritiker verächtlich schreiben. Mag sein. Irgendwie macht die konfuse Herangehensweise gleichzeitig aber auch irgendwo den Reiz des Films aus, eben weil hier nie abzusehen ist, wohin der Weg als nächstes führt. Nicht alle Zwischenstationen sind dabei interessant, manchmal begnügte sich Regisseur und Ko-Autor Baran bo Odar mit Genrekonventionen, bewährten Figurenkonstellationen oder allzu deutlichen Verbeugungen vor Klassikern. Dass Tom Schilling und Elyas M’Barek ihre jeweiligen Paraderollen als sanfter Träumer bzw. charismatischer Draufgänger wiederholen dürfen, zeugt auch nicht gerade von grosser Experimentierfreude.

Doch hin und wieder zeigt Baran bo Odar auch einen ganz eigenen Zugang zur Materie. Brillant ist beispielsweise der Einfall, die anonymen Chataktivitäten symbolhaft in einer heruntergekommenen U-Bahn nachspielen zu lassen. Das ist nicht nur originell, er findet damit sogar eine Möglichkeit, die sonst dröge Hackertätigkeit atmosphärisch ins Bild zu setzen. Überhaupt ist die Optik des stylischen Thrillers auf internationalem Niveau, unterhaltsamer als Inside Wikileaks ist man ohnehin. Zum wirklichen Highlight fehlt es hier zwar, dafür hätte die Geschichte einfach interessanter sein müssen. Aber die Zeit geht schnell vorbei. Und dafür ist man angesichts oftmals biederer Genrebeiträge ja schon dankbar.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

Who am I - Kein System ist sicher

Deutschland

2014

-

105 min.



Regie: Baran bo Odar

Drehbuch: Baran bo Odar, Jantje Friese

Darsteller: Tom Schilling, Elyas M'Barek, Wotan Wilke Möhring

Produktion: Quirin Berg, Max Wiedemann

Musik: Michael Kamm, Jaro Messerschmidt

Kamera: Nikolaus Summerer

Schnitt: Robert Rzesacz

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

Mehr zum Thema...
Der deutsche Filmschauspieler Tom Schilling verkörpert in dem Film den ziellosen Berliner ExStudenten Niko.
Rezension zum Film von Jan Ole GersterOh Boy

03.11.2016

- «Oh Boy» des deutschen Filmregisseurs Jan-Ole Gerster erzählt mit stimmungsvollen Schwarzweissbildern die unspektakuläre Geschichte eines jungen Mannes, der auf seiner Sinnsuche durch Berlin streift und den verschiedensten Menschen begegnet.

mehr...
Tonya Harding während einem Training in Portland, Oregon, 1994.
Rezension zum Film von Craig GillespieTonya Harding: I, Tonya

20.03.2018

- Die Geschichte um die begnadete Eiskunstläuferin Tonya Harding, deren Karriere sehr hässlich endete, hätte Stoff für ein Drama oder auch einen Thriller gegeben. „I, Tonya“ macht daraus jedoch eine böse bis satirische (Meta-)Komödie, die sich über alles und jeden lustig macht, der damit zusammenhängt.

mehr...
Leos Carax am Festival in Cannes.
Rezension zum Film von Leos CaraxHoly Motors

24.05.2013

- Dreieinhalb Minuten, mehr Zeit braucht Leos Carax mit seinem neuen Film »Holy Motors« nicht, um den Zuschauer kräftig zu verwirren.

mehr...
Justizskandal: Schmuggelring in der JVA Tegel

20.09.2016 - Menschen, die in deutschen Justizvollzugsanstalten leben, müssen dort arbeiten - und das zu niedrigsten Löhnen und ohne, dass sie in eine ...

Oliver Rast für die GG/BO @ Hans-Böckler-Stiftung

19.05.2016 - GefangenenGewerkschaft/Bundesweite Organisation @ Hans-Böckler-Stiftung Im Mai 2014 begannen sich Gefangene der JVA Tegel in der ...

Dossier: Klimawandel
Klimawandel
Propaganda
EU = BND

Aktueller Termin in Berlin

Ausstellung: Genozid an Rom*nja in der Ukraine 1941-1944

2018 interviewten Teilnehmer*innen eines internationalen Projektesdutzende Rom*nja in der Ukraine als Zeitzeug*innen. Die Überlebendensprachen vom Leid, das ihnen widerfuhr, aber auch vom Widerstand,den sie oder ihre Angehörigen ...

Samstag, 4. Juli 2020 - 18:00

Zielona Góra, Grünbergerstr. 73, 10245 Berlin

Event in Berlin

VIVA LA LIEBIG! 30. BIRTHDAYBASH!

Samstag, 4. Juli 2020
- 14:00 -

L34

Kurfürstendamm 178/179

10707 Berlin

Mehr auf UB online...

Trap
Untergrund-Blättle