UB-Logo Online MagazinUntergrund-Blättle

Ayka | Untergrund-Blättle

5437

kultur

ub_article

Kultur

Ayka Eine Matratze hinter dem Vorhang

Kultur

Die Handlung beginnt in einem russischen Krankenhaus, in der Entbindungsstation.

Schnee in Moskau, März 2016.
Mehr Artikel
Mehr Artikel
Bild ansehen

Bild: Schnee in Moskau, März 2016. / Gennady Grachev (CC BY 2.0 cropped)

14. Mai 2019
3
0
3 min.
Korrektur
Drucken
Der Ton der Krankenschwestern ist militaristisch-rau, die Krankenzimmer spärlich eingerichtet, die kürzlich gewordenen Mütter sind sichtlich entkräftet. Babygeschrei. Die junge Mutter Ayka (Samal Yeslyamova) wird angewiesen, ihr Neugeborenes zu stillen. Zuvor begibt sie sich ins Bad, um sich vermeintlich frisch zu machen, bevor sie ihr Kind versorgen wird. Doch stattdessen sucht sie verzweifelt nach einem Fluchtweg, den sie auch findet, und entschwindet durch ein Fenster in das verschneite Moskau.

Für die winterlichen Temperaturen ist die durch die Geburt geschwächte junge Frau unzureichend gekleidet. Die Kamera folgt ihr durch die Stadt und den Verkehr zu ihrem schmuddeligen Arbeitsplatz in einem Hinterhof.

Nachdem sie die Nachblutungen provisorisch auf der Toilette versorgt hat, sehen wir sie schwitzend und bekittelt, offensichtlich unter Schmerzen leidend, ihre Arbeit antreten: Hühner rupfen und waschen. Am Ende des Arbeitstages sollen sie und die anderen Arbeiterinnen sich ein paar Hühner für zuhause einpacken, weist sie ihr Arbeitgeber an, der, so verspricht er, nur kurz die Ware verladen wolle und dann zurückkehren und ihnen ihren Lohn auszahlen würde. Letzteres geschieht natürlich nicht und so tritt Ayka, um ihren Lohn geprellt, den Heimweg an.

Ihr Zuhause ist eine spärliche Unterkunft, die sie sich mit vielen, offensichtlich illegalen Arbeitern teilt und die im Wesentlichen aus einer Matratze hinter einem Vorhang besteht. Es ist stickig, laut und ohne jegliche Privatsphäre. Während wir Ayka durch ihr Leben begleiten, klingelt unermüdlich ihr Handy. Nimmt sie einen der Anrufe entgegen, erfahren wir, dass sie jemandem Geld schuldet und mit der Zahlung in Verzug ist. Sie verspricht, das Geld so schnell als möglich beizubringen.

Dieser rote Faden zieht sich durch den gesamten einhundert minütigen Film, der eine Koproduktion aus Deutschland, Polen, Russland, Kasachstan und China ist. Einfühlsam erzählt Regisseur Sergei Dworzewoi darin nicht nur die traurige Geschichte der jungen Mutter, die stets einen Überlebenskampf am Rande der Legalität führt und sich mit zwielichtigen Gestalten eingelassen hat, sondern auch ein Gesellschaftsdrama.

Im Mittelpunkt steht die junge Frau, die bemüht ist, ihre Schulden abzutragen und dabei ihre Familie nicht in Gefahr zu bringen. Wie viele andere lebt sie am Rande der Gesellschaft mehr schlecht als recht. Die Dramatik und der Druck, dem sie ausgesetzt ist, wird durch das stetige Klingeln ihres Handys formschön untermalt.

Die kalten Farben passen nicht nur sehr gut zum winterlichen Moskau, sondern auch zur traurigen Geschichte selbst. Das meiste, was wir über Ayka erfahren, reimen wir uns selbst zusammen, denn es wird vergleichsweise wenig gesprochen. Das Ende bleibt offen, was der Geschichte gut tut.

Moppel Wehnemann
graswurzel.net

Ayka

Russland, Deutschland, Polen

2018

-

110 min.

Regie: Sergei Dworzewoi

Drehbuch: Sergei Dworzewoi

Darsteller: Samal Yeslyamova, Aleksandr Zlatopolskiy, Polina Severnaya

Produktion: Sergei Dworzewoi, Anna Wydra, Thanassis Karathanos, Martin Hampelch

Musik: Martin Frühmorgen

Kamera: Jolanta Dylewska

Schnitt: Petar Markovich

Mehr zum Thema...
Der russische Filmregisseur Andrei Swjaginzew, Dezember 2017.
LovelessDie Suche nach mehr

07.08.2020

- In „Loveless“ wird der russische Regisseur Andrey Zvyagintsev seinem Ruf wieder gerecht, ebenso sehenswerte wie kaum erträgliche Filme zu drehen.

mehr...
Cyrano de Bergerac.
Vorhang auf für CyranoKlischee-Gags und Fremdschämen

09.04.2019

- Der Film «Vorhang auf für Cyrano» von Alexis Michalik erzählt die Geschichte hinter der Entstehung des Theaterstücks Cyrano de Bergerac, welches im Jahr 1897 von dem französischen Theaterschriftsteller Edmond Rostand (1868 – 1918) geschrieben wurde.

mehr...
Arbeiterviertel in Glasgow.
Rezension zum Film von Ken LoachSweet Sixteen

29.06.2018

- Zerbrochene soziale Beziehungen hat Ken Loach schon immer gnadenlos in Szene gesetzt – gnadenlos denjenigen gegenüber, die er dafür verantwortlich hält.

mehr...
Russland und der Rassismus

15.12.2010 - In Russland hat sich in den letzten Tagen der Rassismus offen Bahn gebrochen. Nach einem Todesfall eines Russen bei einem Streit am Rande eines ...

Der Staat kauft sich Kinder – diesmal: mit der Herdprämie

17.03.2010 - 150 € soll jede Mutter monatlich erhalten, die ihre Kinder zuhause ohne Krippenplatz auf-zieht und auf Arbeit verzichtet. Nun können sich viele ...

Dossier: Ukraine
Dossier: Ukraine
Propaganda
SPD - Wir stehen für sozialen Abbau

Aktueller Termin in Frankfurt am Main

Schöne ordentliche Bilderwelt - Erziehung zum Wegsehen?

Führung durch die Ausstellung. Gezeigt wird der Nachlass des Fotografen Otto Emmel (geb. 1888-?), dessen Hauptwerk in die Zeit des NS fällt.

Mittwoch, 22. September 2021 - 14:00

Historisches Museum Frankfurt, Fahrtor 2, 60311 Frankfurt am Main

Event in Wien

XX Y X: Michaela Schwentner: Le Banquet / Martin Brandlmayr: Vive les fantômes

Mittwoch, 22. September 2021
- 20:00 -

Echoraum

Sechshauser Str. 66

1150 Wien

Mehr auf UB online...

Untergrund-Blättle