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Aus Mangel an Beweisen Schuld? Unschuld? Opfer? Täter?

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Ein leerer Gerichtssaal. Man hört Staatsanwalt Sabichs Stimme. Er spricht von Gerechtigkeit, von dem Versuch und der Pflicht, hier zwischen Schuld und Unschuld, Schuldigen und Unschuldigen zu unterscheiden.

Harrison Ford (hier an der Comic Con in San Diego Juli 2017) spielt in dem Film von Alan J.
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Bild: Harrison Ford (hier an der Comic Con in San Diego Juli 2017) spielt in dem Film von Alan J. Pakula die Rolle des Staatsanwaltes Sabich. / Gage Skidmore (CC BY-SA 2.0 cropped)

12. September 2021
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Der leere, etwas finster wirkende Gerichtssaal und Sabichs leise, getragene Stimme dokumentieren allerdings gleichzeitig die Ungewissheit und Unsicherheit, ob dies überhaupt möglich ist. Der Film Alan J. Pakulas („Die Unbestechlichen“, 1976, mit Dustin Hoffman und Robert Redford; „Die Akte“ nach John Grisham, 1993, mit Julia Roberts, Denzel Washington und Sam Shepard) handelt einzig von diesem Thema: der Frage nach der Zuweisung von Schuld und Verantwortung.

Staatsanwalt Rusty Sabich (Harrison Ford) ist glücklich verheiratet mit Barbara (Bonnie Bedelia), das Paar hat einen neunjährigen Sohn. Für seinen Chef Raymond Horgan (Brian Dennehy) ist Rusty der beste Mann: korrekt und in jeder Hinsicht begabt. Eines Tages sind Horgan und Sabich mit dem Mord an einer Kollegin konfrontiert, die erst seit kurzem als Staatsanwältin tätig war. Caroline Polhemus (Greta Scacchi) wurde in ihrer Wohnung erdrosselt. Die Ermittlungen ergeben, dass die Ermordete den Täter wohl gekannt haben musste. Zudem meint der Gerichtsmediziner Kumagai (Sab Shimono), Caroline sei nicht vergewaltigt worden. Sie müsse freiwillig mit dem Mörder geschlafen haben, sei erst danach erdrosselt und dann gefesselt worden. Zudem habe der Täter ihr zuletzt noch ein Diaphragma entfernt.

Horgan beauftragt Sabich mit den Ermittlungen, der darüber gar nicht erfreut ist. Denn Sabich hatte heimlich ein Verhältnis mit der Ermordeten. Nur seiner Frau hatte er dies gestanden. Widerwillig nimmt er die Ermittlungen auf. Sein Freund, Detective Lipranzer (John Spencer), findet sehr schnell heraus, dass Caroline es mit Beziehungen nicht allzu ernst meinte. Auch mit Horgan bestand ein drei Monate dauerndes Verhältnis. Sabich hatte sie von einem Tag auf den anderen „fallen“ gelassen. Der war damit nicht fertig geworden. Barbara Sabich glaubt, dass er Caroline noch immer liebt.

Horgans Konkurrenten bei den anstehenden nächsten Wahlen zur Bezirksstaatsanwaltschaft, Della Guardia (Tom Mardirosian) und Tommy Molto (Joe Grifasi) sehen ihre grosse Chance gekommen, als sie auf einem Glas aus der Wohnung der Toten Sabichs Fingerabdrücke finden. Sabich wird zum Hauptverdächtigen, verhaftet, auf Kaution wider freigelassen und muss seinen schwierigsten Prozessgegner, Rechtsanwalt Sandy Stern (Raul Julia), mit seiner Verteidigung beauftragen. Keine leichte Angelegenheit, zumal die Analyse des Spermas im Körper der Toten dieselbe Blutgruppe ergibt, die auch Sabich hat. Ausserdem können Molto und Della Guardia nachweisen, dass Sabich noch nach der Trennung von Caroline immer wieder bei ihr zu Hause angerufen hatte – zuletzt angeblich am Abend des Mordes.

Am schlimmsten für Sabich allerdings ist, dass Horgan gegen ihn aussagen will: Er kündigt an, im Prozess vor Richter Lyttle (Paul Winfield) eine (Falsch-)Aussage zu machen: Nicht er habe Sabich gebeten, den Fall unbedingt zu übernehmen. Sabich habe ihn gedrängt, und dann die Ermittlungen vernachlässigt.

Stern steht an der Wand. Er ermittelt, lässt ermitteln, und nach und nach zeigt sich der Fall von einer ganz anderen Seite, von mehreren ganz anderen Seiten ...

Der Originaltitel dieses bedächtigen, ruhigen Gerichtsdramas – „Presumed Innocent“ – gibt die Ambivalenz wieder, mit der Pakula diese Geschichte inszenierte. Zum einen: Jemand gilt als unschuldig, solange er nicht rechtskräftig verurteilt wurde – trotz aller möglichen Vorverurteilung durch Teile der öffentlichen Meinung. Gilt dieses Prinzip auch in der Praxis und für jeden? Wie verhält es sich hier, im Prozess gegen Sabich? Zum anderen aber: Jemand hält sich für unschuldig im Sinne der Anklage. Aber trifft ihn nicht eine vielleicht nicht strafrechtliche, aber moralische Mitverantwortung am Tod eines Menschen?

Pakula geht dieser Frage der Schuld, man könnte fast sagen: skrupellos, ohne Rücksicht nach und zieht alle Register dramaturgischer Kunst – bis zum alles und alle überraschenden Ende, das doch gar kein Ende ist. Nein, die Auflösung des Mordfalls, der Showdown schliesst vielleicht ein Kapitel ab, den Film, aber es bleiben mehr Fragen zurück, als im Zeitpunkt des Mordes selbst. Drehbuch und Regie gelingt es, die Frage der Schuld nacheinander an so gut wie allen tragenden Figuren des Films abzuhandeln. Sie werden abgeklopft, nach Strich und Faden, und ausser dem Sohn der Sabichs und vielleicht dem Anwalt Sabichs bleiben alle auf ihre Weise auf der Strecke – selbst die Ermordete.

Pakula löst die Frage nach der Schuld aus ihrem engeren strafrechtlichen Sinne. Er enthüllt nach und nach – ganz auf Hitchcock’sche Weise – die Umstände, die zu der Tat führten, und stellt die Personen bloss, wie sie direkt oder indirekt daran beteiligt waren. In diesem Prozess der Zerstörung der Schuldfrage als einer primär strafrechtlichen werden jedoch nicht nur die Beteiligten, jeder auf seine Weise, desavouiert. Die Schwächen des Rechtssystem selbst werden enthüllt, der Glaube daran, in einem rechtsförmigen Prozess nach festgelegten und tradierten, bewährten Regeln könne so etwas wie die Trennung von Spreu und Weizen zustandekommen, von Schuld und Unschuld, Täter und Opfer.

Die Wahrheit ist komplizierter als das Ergebnis eines solchen Prozesses glauben macht. Und „die“ Wahrheit ist oft nur eine unter vielen. Die Inszenierung führt den Zuschauer zu immer neuen, anderen Spuren und Erkenntnissen, die sich zugleich wieder als trügerisch erweisen, weil sie nicht der Weisheit letzter Schluss, sondern nur Teil-Wahrheiten repräsentieren, die. isoliert betrachtet, zu falschen Schlüssen führen (können).

Der Verzicht Pakulas auf eine actiongeladene Überdramatisierung der Geschichte hat dem Film mehr als gut getan, weil das (zumindest in diesem Fall) dem Thema und der Entwicklung der Geschichte geschadet hätte. Pakula drängt den Zuschauer – auch im Hitchcock’schen Stil – gnadenlos in die Position des Voyeurs, der endlich wissen will, wer den Mord begangen hat. Und immer wieder wird dieser Voyeurismus angestachelt: Nachdem uns Pakula auf eine falsche Fährte geführt hat, hält er die nächste bereit. Gleichzeitig sind diese falschen Fährten aber auch Teil-Wahrheiten und keine reinen Lügen oder Einbildung. Bis zum Schluss weiss man beispielsweise nicht, ob Sabich nun der Mörder ist, Horgan ein politisches Komplott geschmiedet hat, dessen Opfer Caroline wurde, Della Guardia und Molto Auftragskiller angeheuert haben usw. Diese Annahmen beruhen nicht auf Fiktion, sondern haben reale Hintergründe.

Erstaunlich, wie Harrison Ford, parallel zur Ruhe, mit der Pakula diese Dramatik der Geschichte entwickelt, fast gelassen, aber gleichzeitig immer sichtbar in seiner inneren Zerrissenheit und Unruhe Sabich darbietet.

Mitreissender kann man einen Film über die schwierige Frage von Täter und Opfer, Schuld und Unschuld kaum noch in Szene setzen, dabei ohne den Versuch, selbst aus der Position des Regisseurs ein Urteil zu fällen. Selbst und gerade an der Person der Ermordeten verschwimmt die eindeutige Zuordnung von Täter und Opfer. Sie ist Mordopfer, ja, aber als sie noch lebte?

Ulrich Behrens

Aus Mangel an Beweisen

USA

1990

-

122 min.

Regie: Alan J. Pakula

Drehbuch: Frank Pierson, Alan J. Pakula

Darsteller: Harrison Ford, Brian Dennehy, Raul Julia

Produktion: Sydney Pollack, Mark Rosenberg

Musik: John Williams

Kamera: Gordon Willis

Schnitt: Evan A. Lottman

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