Abschied von gestern Raubbau an einer Person

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Kultur

„Abschied von gestern“ ist ein Porträt Deutschlands in der Nachkriegszeit und dem Wirtschaftswunder der 1950er.

Der deutsche Filmemacher Alexander Kluge, 1983.
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Der deutsche Filmemacher Alexander Kluge, 1983. Foto: Gorup de Besanez (CC-BY-SA 4.0 cropped)

Datum 14. November 2023
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Mit einer Mischung aus verschiedenen Elementen des Films und Theaters gelingt eine Bestandsaufnahme, die manchmal weh tut und selten ihr Ziel verfehlt.

Als ihre Eltern nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehren, versucht die Jüdin Anita G. (Alexandra Kluge), in der DDR eine Arbeit zu finden. Jedoch sind ihre Bemühungen vergebens und der Job als Telefonistin unbefriedigend, sodass sie in den Westen flüchtet, um dort eine bessere Arbeit zu finden. Sie versucht sich als Krankenschwester und später als Verkäuferin, was ihr zunächst einen anständigen Lohn bringt. Als sie bei einem Diebstahl ertappt wird, wird sie von ihren Vorgesetzten wie eine Aussätzige behandelt und aus ihrer Wohnung heraus geschmissen. Ohne einen richtigen Schulabschluss und eine Ausbildung kommt sie aber nicht weit, sodass nun abermals der Umzug in eine andere Stadt ansteht. Auch andere Jobs sind nicht auf Dauer und Anita verliert diese.

Durch Zufall lernt sie den Ministerialrat Pichota (Günther Mack) kennen und wird zu seiner Geliebten. Auch wenn der Politiker verheiratet ist, bleibt sie bei ihm, des Geldes wegen, aber auch wegen der zahlreichen Dienstreisen, auf denen Anita ihn begleitet. Nachdem sie jedoch herausfindet, dass sie von ihm schwanger ist, wendet sich ihr Glück nochmals.

Überlegungen zur Zeit danach

In Alexander Kluges Abschied von gestern sehen bis heute viele Kritiker und Filmhistoriker einen der wichtigsten Filme des deutschen Kinos der 60er Jahre. Auf den Filmfestspielen in Venedig wurde der Film, der bisweilen an Werke wie Die Geschichte der Nana S. von Jean-Luc Godard erinnert, mit dem Silbernen Löwen ausgezeichnet. Mit Godard verbindet Kluges Kino einige Aspekte, wobei die formalen Aspekte nur einen kleinen Teil ausmachen, denn beiden ist eine kritische Sicht auf beide Seiten eines Themas eigen. Die Gegenwart wird für die Figuren zu einem Hürdenlauf, bei dem sie ihr eigenes Leben meistern wollen in einer Kultur, die ihr eigenes Erbe noch nicht einmal annähernd aufgearbeitet hat. Kluge verweist auf die Rolle des Vergessens und des Verdrängens in der deutschen Nachkriegsgesellschaft und erzählt vom Schicksal eines Menschen, der nur versucht menschenwürdig zu leben.

Ähnlich wie Godard nutzt Kluge Elemente des Dokumentarischen und bisweilen gar des Theaters, um seine Geschichte zu erzählen. Viele Dialoge wie auch die Inszenierung mancher Szenen, beispielsweise der zwischen Anita und Pichota, erinnern an ein Theaterstück, während dokumentarische Elemente dem Schicksal der Protagonistin etwas Authentisches verleihen. Einer linearen Handlung entzieht sich Kluge und ist näher dran an der Vernehmung im Gerichtssaal, mit der Abschied von gestern eröffnet. Bezüge werden deutlich, Geschehnisse klar und nüchtern beleuchtet, und sind dabei teils so hart wie die Fragen des Richters, der unnachgiebig nachbohrt bei der Angeklagten, die auch diese Niederlage in ihrem Leben mit gesenktem Kopf akzeptiert. Das ist sie also, die Zeit nach dem Krieg, den Konformismus der 1950er und dem Wirtschaftswunder, in der man mit viel beschäftigt zu sein scheint, nicht aber mit dem Menschen, vor allem nicht jenen, die den Anschluss verloren haben.

Raubbau an einer Person

Alexander Kluges Filme sind bis heute nichts für Menschen, die nach einfachen Antworten suchen oder nach Schwarz-Weiss-Zeichnungen. In Abschied von gestern kann man keine Unterscheidung zwischen Ost und West erkennen, denn das Leben der Heldin ist in beiden Teilen Deutschlands hart und legt ihr immer wieder Steine in den Weg. Anita ist aber kein Opfer, will es nicht sein, doch ihr wird auch keine andere Rolle in der Nachkriegszeit zuteil. Eine Arbeit ist ihr aus vielerlei Gründen verwehrt oder nicht von langer Dauer und selbst als Geliebte ist sie nichts mehr als ein temporäres Vergnügen für die Herren, die sie geschäftsmässig abservieren oder aus Feigheit fallen lassen. Wirklich ätzend ist das Porträt der politischen Kaste, sofern man Günther Macks Pichota zu ihr zählen will. Diese Figur ist vom stetigen Erfolg, vom Wachstum und von Fortschritt so besoffen geworden, dass er seine eigene Überheblichkeit noch nicht einmal mehr merkt.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Abschied von gestern

Deutschland

1966

-

88 min.

Regie: Alexander Kluge

Drehbuch: Alexander Kluge

Darsteller: Alexandra Kluge, Hans Korte, Werner Kreindl

Produktion: Kairos-Film

Kamera: Edgar Reitz, Thomas Mauch

Schnitt: Beate Mainka-Jellinghaus

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.