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Abend der Gaukler Geschichte eines Verfalls

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«Abend der Gaukler» ist ein beachtenswertes Frühwerk des grossen Ingmar Bergman. Sowohl thematisch als auch visuell überzeugend verhandelt der Film emotionale Abgründe von Menschen, die ihre Ideale verloren haben oder sie dabei sind zu verlieren. Was danach kommt, kann einem bisweilen Angst machen.

Der schwedische Regisseur Ingmar Bergman mit Kameramann Sven Nykvist, 1961.
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Bild: Der schwedische Regisseur Ingmar Bergman mit Kameramann Sven Nykvist, 1961. / Anonymous (PD)

13. Juli 2019

13. 07. 2019

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Der „Cirkus Alberti“ hat schon einmal bessere Tage gesehen. Unter der Leitung des Direktors Albert Johansson (Âke Grönberg) fahren die Gaukler von Ort zu Ort und leben ein Leben voller Entbehrungen. Um sich die Wochen getrennt von seiner Familie zu vertreiben, unterhält Johansson schon seit einiger Zeit ein Verhältnis mit der Artistin Anne (Harriet Andersson). Da die Gaukler ihre Kostüme im letzten Ort lassen mussten, sieht sich Albert gezwungen, bei Theaterdirektor Sjuberg (Gunnar Björnstrand) um neue zu bitten. Zudem beschliesst Albert seine Frau Agda (Annika Tretow) und seine Kinder zu besuchen, was zu einem Streit mit Anne führt, die sich von ihm hintergangen fühlt und damit droht, ihn zu verlassen. Während er sich unbeirrt auf den Weg zu seiner Familie macht, besucht Anne das Sjubergs Theater, wo der Schauspieler Frans (Hasse Ekman) bereits ein Auge auf die geworfen hat.

Zirkus des Lebens, Theater der Realität

Innerhalb des Werkes des schwedischen Regisseurs Ingmar Bergman ist Abend der Gaukler in vielerlei Hinsicht interessant und wichtig. Zum einen markiert dieser frühe Film die erste Zusammenarbeit mit Kameramann Sven Nykvist, der ein stetiger Begleiter werden sollte und mit ihm an grossen Erfolgen wie Wilde Erdbeeren oder Das siebente Siegel arbeiten sollte.

Der Film stiess zunächst auf eine kühle Reaktion, vor allem auf seiten der Kritiker, wie Bergman in einem fürs schwedische Fernsehen aufgezeichneten Vorwort zum Film verrät. Ausgehend von der Zusammenarbeit vor und hinter der Kamera war Bergman zum ersten Mal sehr zufrieden mit dem Endprodukt ihrer Bemühungen, trotz des finanziellen Drucks, der mit vielen seiner Projekte zu der Zeit noch einherging.

Diese Einschätzung Bergmans mag vor allem darin begründet sein, dass sich in diesem Frühwerk viele seiner zentralen Themen widerspiegeln. In der Darstellung der Welten des Zirkus wie auch des Theaters merkt man deutlich die Verflochtenheit Bergmans mit diesen beiden Welten, insbesondere der Bühne. Dies deutet sich in den anspielungsreichen Bildkompositionen Nykvists an, in dem Einsatz von Licht, aber nicht zuletzt auch in der Idee von Realität und Täuschung, die letztlich zentral für die Bühne ist und sich ins Leben überträgt. Johansson und Sjuberg sind teils gefallene, teils hochmütige Idealisten, denen das Spiel mit der Realität alles bedeutet, bis hin zur Aufgabe des eigenen Lebens und der Beziehungen zu anderen. Dieses Denken beansprucht ihre Welt, was einen Spalt zwischen ihnen und dem Rest der Welt manifestiert, denn die Wächter der Ordnung in der Stadt oder solche, die nicht zu ihrer Welt aus Spiel und Täuschung gehören, reagieren eher distanziert bis hin zu feindselig auf sie.

Geschichte eines Verfalls

Diese Bühnenhaftigkeit, die eine Konstante im Werk des Regisseurs bleiben wird, hinterfragt die menschliche Fassade, auf welche wir bisweilen zurückfallen. Jedem Menschen zu eigen ist hierbei der Hang zur Demütigung anderer sowie der zur Barbarei. In fast surrealen Sequenzen zeichnet Bergmans Film ein Bild der Gesellschaft, der es noch nicht genug ist, wenn ein Mensch schon am Boden liegt. Wie ein Rudel Wölfe folgt die Polizei des Ortes den Schaustellern, beschlagnahmt gar ihre Pferde als eine Art kleinbürgerliche Rache für das bisschen Eskapismus, den der Zirkus zu bieten hat. Besonders bedrückend wird Bergmans Skript, als er dieses Thema in die Intimsphäre einer Beziehung, einer Familie oder der Sexualität verfrachtet.

Wie auch schon in seiner Tätigkeit am Theater dirigiert Bergman ein Ensemble an grossartigen Darstellern, welche die Menschlichkeit sowie die charakterlichen Schwächen ihrer Figuren ausloten und dem Zuschauer nahe bringen. Besonders nennenswert sind hier neben Andersson und Grönberg als desillusionierte Idealisten Anders Ek als Clown des Zirkus, der eine ganz besonders schlimme Demütigung ertragen musste, welche dem Zuschauer als traumartige Rückblende mitgeteilt wird.

Rouven Linnarz
film-rezensionen.de

Abend der Gaukler

Schweden

1953

-

93 min.



Regie: Ingmar Bergman

Drehbuch: Ingmar Bergman

Darsteller: Åke Grönberg, Harriet Andersson, Hasse Ekman

Produktion: Rune Waldekranz

Musik: Karl-Birger Blomdahl

Kamera: Hilding Bladh, Sven Nykvist

Schnitt: Carl-Olov Skeppstedt

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 4.0) Lizenz.

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