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A Man of Integrity Kampf gegen ein kaputtes System

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„A Man of Integrity“ nimmt uns mit in den Norden Irans, wo eine Familie ihre Fischzucht gegen korrupte und gewalttätige Kräfte zu verteidigen versucht.

Der iranische Filmregisseur Mohammad Rasoulof, März 2017.
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Bild: Der iranische Filmregisseur Mohammad Rasoulof, März 2017. / Ipadakam (CC BY-SA 3.0 unported)

5. Mai 2019

05. 05. 2019

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Die Ausmasse und Allgegenwärtigkeit der Rechtslosigkeit geht an die Nieren, ebenso die zunehmende Verwischung der Grenze zwischen gut und böse, wenn Unterdrücker und Unterdrückte kaum noch voneinander zu unterscheiden sind.

Reza (Reza Akhlaghirad) war noch nie jemand, der sich vor einem Streit gedrückt hätte, vor allem wenn sein Gefühl für Gerechtigkeit davon betroffen ist. Schon zu seiner Unizeit bereitete ihm das Probleme, geändert hat sich seither nicht viel. Und doch, er will weg von all dem, weg von der Korruption und der Unterdrückung. Und so zieht er mit seiner Frau Hadis (Soudabeh Beizaee) und dem gemeinsamen Sohn in den Norden Irans, wo er mit einer Fischzucht Geld verdienen möchte. Aber auch dort bekommt er bald Ärger, als ein Unternehmen um jeden Preis sein Land haben will. Denn wo Geld zu holen ist, da hat Gerechtigkeit nichts verloren.

Es gibt genug Momente, an denen möchte man bei A Man of Integrity als Zuschauer die Arme hochreissen und rufen: Okay, ihr habt gewonnen, ich gebe auf. Denn leicht macht es einem der Film nicht dranzubleiben, in mehr als einer Hinsicht. Eine Gesellschaft, in der sich jeder selbst der nächste ist, Gewalt und Korruption so tief verwurzelt sind, dass ein Leben ohne fast gar nicht mehr möglich ist, nein, Spass macht das nicht. Du gehörst entweder zu den Unterdrückern oder den Unterdrückten, soll Reza als junger Mann einmal gesagt haben. Jung ist er hier nicht mehr, sein Satz von damals ist aber noch immer wahr.

Kampf gegen ein kaputtes System

Der iranische Regisseur und Drehbuchautor Mohammad Rasoulof bleibt damit seinem eigenen Ruf treu, unerbittlich gegen die Missstände in seinem Heimatland anzukämpfen. Das brachte ihm bereits eine Menge Ärger ein, unter anderem eine angedrohte Haftstrafe von sechs Jahren. Dazu kam es nicht, anders als der zeitgleich verhaftete Jafar Panahi (Taxi Teheran) kann Rasoulof immer noch ungestört seiner Arbeit nachgehen. In seiner Heimat sind seine Werke zwar bis heute nicht zu sehen, dafür aber im Ausland. Und auch er selbst ist häufiger Gast in der Fremde, beispielsweise bei den Filmfestspielen von Cannes, wo A Man of Integrity 2017 Weltpremiere feierte und in der Nebensektion Un Certain Regard mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde.

Es fällt auch nicht schwer, diese Entscheidung nachzuvollziehen. Ein gesellschaftskritisches Drama, das sich mit den Widrigkeiten eines korrupten Systems auseinandersetzt, das wird vom Arthouse-Publikum doch immer wieder gern gesehen. Wenn Reza verzweifelt gegen eine de-facto-Enteignung ankämpft, dann erinnert das an den russischen Kollegen Leviathan, der drei Jahre zuvor schon in Cannes abgeräumt hat. Rasoulof geht dabei jedoch noch einen Schritt weiter. Waren es 2014 noch ein Bürgermeister und seine Schergen, die das Recht beugten, ist hier praktisch jeder involviert. Ob nun Unternehmen oder Politik, jeder nimmt sich, was er bekommt, selbst in der Justiz funktioniert Recht nach dem Prinzip. Wer kennt wen und wer schmiert wen?

Wenn gut nicht gut genug ist

Wenn Reza und Hadis ihren moralischen Kompass noch immer in sich tragen und versuchen, sich im Rahmen des Gesetzes zu wehren, dann macht sie das prinzipiell zu Helden, die man aus Prinzip schon anfeuern sollte. Doch auch hier zeigt A Man of Integrity einen Hang zu Abgründen. Der ewig grimmige Reza eignet sich nur sehr eingeschränkt als Sympathieträger, mit seiner zurückweisenden, kompromisslosen Art bringt er nicht nur Gegner gegen sich auf. Und auch Hadis ist, obwohl sie davon überzeugt ist, nicht unbedingt die Vorzeigeheldin. Vor allem nicht im späteren Verlauf, wenn die Grenze zwischen Recht und Unrecht kaum noch aufrecht zu erhalten ist. Das ist einer der Punkte, der A Man of Integrity so spannend macht. Da der Kampf nach Gesetz aussichtslos ist – das wird bald klar – stellt dich die Frage: Wie wird die Familie reagieren? Werden sie von Unterdrückten zu Unterdrückern? Ziehen sie erneut weg und suchen woanders nach dem Glück?

Aber auch die Frage der Moralität spielt naturgemäss eine grosse Rolle, wenn offen bleibt, was denn die richtige Antwort ist. Ob es sie überhaupt gibt. Zwischenzeitlich führt die Ratslosigkeit zu einer gewissen Beliebigkeit, wenn die Geschichte einfach nicht vorankommt, zu viele Figuren auftauchen, die alle irgendwie mitmischen, ohne dass man immer sagen kann, wer das im Einzelnen nun sein soll. An anderen Stellen, beispielsweise die Themen Religionsfreiheit und Frauenrechte, hat es der Film hingegen etwas zu eilig. Doch gegen Ende, wenn sich das Drama zunehmend in einen Thriller verwandelt, gewinnt der Film noch einmal deutlich an Fahrt, wird auf mehr als eine Weise erschreckend bis schockierend. So schockierend, dass man ganz vergisst, die Arme wieder runterzunehmen.

Oliver Armknecht
film-rezensionen.de

A Man of Integrity

Iran 2017 - 117 min.

Regie: Mohammad Rasoulof
Drehbuch: Mohammad Rasoulof
Darsteller: Reza Akhlaghirad, Soudabeh Beizaee, Nasim Adabi
Produktion: Mohammad Rasoulof
Musik: Seyyed Alireza Alavian
Kamera: Ashkan Ashkani
Schnitt: Mohammadreza Muini

Dieser Artikel steht unter einer Creative Commons (CC BY-NC-SA 3.0) Lizenz.

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