Nino (Hasan Akil) und Yasmina (Mounia Akl) kommen im selben Krankenhaus in Beirut zur Welt, am selben Tag, nur Sekunden auseinander, während draussen Krieg herrscht. In der Schule lernen sie sich kennen. Sie werden unzertrennlich und aus kindlicher Nähe wächst eine erste, unschuldige Romanze. Sie planen gemeinsam zu fliehen, um einer Trennung aufgrund des Scheiterns der Ehe von Yasminas Eltern zu entgehen. Doch da Yasmina nicht am verabredeten Treffpunkt erscheint, scheitert auch der Fluchtplan. Das alles erfahren wir erst, nachdem sich Nino und Yasmina ein Vierteljahrhundert später wieder getroffen haben. Nino kollidiert buchstäblich mit ihrem Leben, als er mit dem Auto in den Laden ihrer Mutter fährt. Nino führt inzwischen das Familienrestaurant seiner verstorbenen Eltern. Er ist laut, chaotisch, aber warmherzig. Yasmina hingegen ist zur erschöpften Regierungsberaterin geworden, die den Libanon am liebsten so schnell wie möglich verlassen würde. Zwischen beiden entspinnt sich eine Liebesgeschichte, die anfangs wie eine klassische Romcom wirkt, sich aber zunehmend mit politischer Unruhe, wirtschaftlichem Verfall und familiären Erwartungen verschränkt.
Mutiges Debüt
Regisseur Cyril Aris traut seinem Publikum in seinem Film A Sad and Beautiful World zu, mit Ambivalenz zu leben. Bis zum Ende wünscht man dem Paar zwar das Beste. Doch ob es für beide tatsächlich das Beste ist, zusammen zu bleiben, lässt sich aus der Aussenperspektive schwer sagen. Denn das, was die sie einander anzieht, ist auch genau das, was sie auseinanderdriften lässt. Das ist besonders für ein Debüt mutig, gerade bei einem Stoff, der so viel emotionales Identifikationspotenzial mitbringt. Das Publikum der Filmfestspiele in Venedig hat das im letzten Jahr honoriert, und zwar mit dem Publikumspreis in der Sektion Giornate degli autori.Es fällt auf, wie mühelos A Sad and Beautiful World zwischen den Genres wandert. In den ersten Szenen dominiert der Charme einer Screwball Comedy: schnelle Dialoge, ein überdrehter Freundeskreis, komödiantische Situationskomik. Das erinnert fast an klassisches Hollywood-Kino. Doch je länger der Film läuft, desto mehr bröckelt diese leichte Oberfläche, und darunter kommt ein waschechtes Beziehungsdrama zum Vorschein, mit all seinen unbequemen Fragen nach Verantwortung, Kompromiss und Selbstverwirklichung. Diese Verschiebung passiert aber nicht ruckartig. Sie schleicht sich ein, Szene für Szene, bis man selbst überrascht ist, wie ernst einem plötzlich zumute ist. Doch diese Balance ist es, die den Film über weite Strecken aus dem Einheitsbrei klassischer Romcoms heraushebt.
Doppelter Boden
Denn hinter der Paargeschichte liegt, wie ein zweiter Boden, ein Sozialdrama: der Libanon selbst, gezeichnet als Land im Dauerzustand der Krise. Stromausfälle, Explosionen, wirtschaftlicher Kollaps – all das drängt sich immer wieder in die intimsten Momente der Handlung, nie als blosse Kulisse, sondern als Kraft, die über das Schicksal der Figuren mitentscheidet. Die Verknüpfung von privater und kollektiver Erschöpfung wird sichtbar. Wenn Yasmina zweifelt, ob es verantwortbar ist, in diesem Land ein Kind grosszuziehen, dann ist das nie nur ihre individuelle Krise, sondern die einer ganzen Generation.Dabei trägt die Darstellerin der Yasmina, Mounia Akl, vor allem den Film. Sie verkörpert keine tragische Heldin im klassischen Sinn, sondern eine Frau voller Widersprüche. Sie ist zugleich scharf, verletzlich, und manchmal unsympathisch in ihrer Rastlosigkeit, aber immer glaubwürdig. Akl schafft es, Erschöpfung und Sehnsucht gleichzeitig spürbar zu machen, und das häufig nur mit minimalen Gesten oder Blicken. Hasan Akil als Nino spielt dagegen den optimistischeren, bodenständigeren Gegenpol, warmherzig und manchmal fast zu gutgläubig, was der Beziehung eine überzeugende Reibung verleiht. Zusammen entwickeln beide eine Chemie, die den Film auch in seinen schwächeren Momenten trägt.
Eine echte Entdeckung
Formal überzeugt der Film mit einer Montage, die kaum je zur Ruhe kommt, ohne dabei hektisch zu wirken. Die Zeitsprünge über drei Jahrzehnte sind klug gesetzt, die Kamera von Joe Saade fängt Beirut als vibrierenden, widersprüchlichen Organismus ein, und die Musik hält sich angenehm zurück, statt die emotionalen Momente zu überzeichnen.Kritisieren lässt sich, dass der Film in seiner mittleren Phase manchmal zu viele Krisen auf einmal auffährt, sodass einzelne Konflikte etwas verpuffen. Das schmälert den Gesamteindruck aber kaum. A Sad and Beautiful World ist ein Film, der Genregrenzen klug verwischt, politisch wach bleibt, ohne belehrend zu werden, und der mit der Hauptdarstellerin eine echte Entdeckung bietet.


